Sie drängten Täter in Gasse

"Das sind Helden": Wie mutige Passanten noch mehr Tote in Würzburg verhinderten

Tobi Lang
Tobi Lang

Online-Redakteur

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26.6.2021, 16:38 Uhr
Diese Szene aus Würzburg zeigt, wie Passanten den Täter, der zuvor mindestens drei Menschen tötete, in eine Gasse drängen. 

© Screenshot: twitter.com Diese Szene aus Würzburg zeigt, wie Passanten den Täter, der zuvor mindestens drei Menschen tötete, in eine Gasse drängen. 

Immer wieder fuchtelt der Mann mit seinem Rucksack, um Stichen zu entgehen. Er und der Bewaffnete stehen sich gegenüber, Auge in Auge, sie gehen im Kreis. Dutzende solcher Aufnahmen zur Bluttat von Würzburg kursieren im Netz. Ein anderes Video zeigt, wie eine Gruppe von gut 20 Passanten den mutmaßlichen Täter, der zuvor mindestens drei Menschen durch Messerstiche tötete, in die Oberthürstraße drängt. Er sticht mit seiner langen Klinge in die Luft, droht, mimt einen Angriff.


Würzburger Opfer starben in Kaufhaus - Messerstecher in U-Haft


Doch die Männer und Frauen weichen nicht zurück. Sie bewaffnen sich mit Latten und Stühlen. Als ein Streifenwagen herannaht, winken sie die Polizisten auf den Fluchtweg des 24-Jährigen. Nur Sekunden später fallen die Schüsse, die den Messerstecher außer Gefecht setzen. Es sind Polizisten, die ihn endgültig stoppen - aber wohl einfache Menschen, Passanten und Stadtbummler, die deutlich mehr Opfer verhinderten.

Nur zwei Minuten nach dem ersten Notruf war die Polizei vor Ort. "Nicht selbstverständlich" sei das, sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, im Gegenteil fast "bilderbuchmäßig". In Situationen, in denen ein Mann scheinbar wahllos auf Menschen einsticht, ist aber wohl auch Zivilcourage gefordert. "Für sie war es eine Extremsituation", sagt auch Gerhard Kallert. Er ist Präsident der unterfränkischen Polizei. Die Menschen hätten den Täter "in die Gasse getrieben, damit unsere Kollegen den Einsatz gut machen konnten". Auch dass Passanten den ersten Streifenwwagen in die Oberthürstraße führten, sei wichtig gewesen. Das nötigt auch dem erfahrenen Polizisten Respekt ab.

"Der Hurensohn", rufen die Passanten

Szenen, die ebenfalls im Internet kursieren, zeigen die Festnahme. Polizisten drücken den 24-Jährigen, der nach ersten Erkenntnissen in Somalia geboren wurde und im Rahmen eines Asylverfahrens subsidiären Schutz in Deutschland erhielt, zu Boden. "Der Hurensohn", rufen Passanten, die den Täter zuvor womöglich noch verfolgt hatten. "Der Bastard hat eine Frau erstochen." Dass es bereits mehr Opfer als die Verkäuferin gibt, die den Täter zuvor beim Messerkauf beraten hatte, wissen sie nicht.

Die Woolworth-Filiale in der Würzburger Innenstadt. Hier starben alle drei Opfer nach dem Messerangriff. 

Die Woolworth-Filiale in der Würzburger Innenstadt. Hier starben alle drei Opfer nach dem Messerangriff.  © Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Die Sekunden vor der Festnahme des mutmaßlichen Täters von Würzburg sei eine Sternstunde der Zivilcourage, sagt auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. "Ein großer Dank und Respekt für das beherzte Eingreifen vieler Bürger, die sich dem mutmaßlichen Angreifer entschlossen entgegenstellten." Auch Würzburgs Oberbürgermeister würdigt den Einsatz. "Die Menschen haben das unter Einsatz ihres Lebens getan", sagte Christian Schuchardt während einer Pressekonferenz am Samstag. "Das war ein couragierter und unabgesprochener Einsatz." Andere nennen die Passanten im Netz bereits Helden und fordern eine Auszeichnung.

Sozialforscher: Einschreiten fällt bei Unterstützung leichter

Dass sich spontan und unabgesprochen mehrere Menschen zusammengetan haben, um den Würzburger Messerstecher zu stoppen, ergab sich wohl aus der Dynamik der Situation. Experten kennen das Phänomen. Das Einschreiten falle leichter, wenn man sich von anderen unterstützt fühlt, sagte der Sozialpsychologe Dieter Frey der Deutschen Presse-Agentur. "Würzburg hat gezeigt, dass sie Bürger mit Zivilcourage haben." Etwa zehn bis 20 Prozent der Menschen zeigen Zivilcourage, wenn sie einen Notfall beobachten, sagt Frey. Die Hemmschwelle steige, je größer die Gefahr eingeschätzt werde, die von einem Täter ausgehe.

Derweil formiert sich im Netz aber auch der Hass. Die AfD-Spitzenkandidaten Alice Weidel versuchte bereits, die Taten von Würzburg politisch zu instrumentalisieren, auf Twitter prangert sie die Asylpolitik an. Offensichtlich haben aber auch viele der Menschen, die halfen und den Täter in die Flucht schlugen, einen Migrationshintergrund. Das sei zwar nicht "primär Stand der Ermittlungen", sagte der Leiter der Würzburger Kriminalpolizei. Aber man werde in den kommenden Wochen auch "Belohnungen und Dankschreiben prüfen".

Die aktuellen Entwicklungen zum Angriff von Würzburg:

Messerangriff Würzburg