Datenpannen beim RKI: "Die haben die Prozesse noch nicht im Griff!"

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Elke Graßer-Reitzner

Lokalredaktion Nürnberg und Rechercheteam

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21.1.2021, 14:10 Uhr
Der Eingang zum Robert Koch-Institut in Berlin.

© David Hutzler, dpa Der Eingang zum Robert Koch-Institut in Berlin.

Die Stadt Nürnberg hatte über eine Woche lang Probleme, den aktuellen Stand an die Behörden weiterzugeben. Stets mussten die Zahlen korrigiert werden. Dieses "Kuddelmuddel" wäre vermeidbar gewesen, sagt Jürgen Falk, Geschäftsführer einen Nürnberger Softwarefirma, die sich auf Big Data versteht. Jürgen Falk (57) ist Diplom-Ingenieur der Elektrotechnik und Dr. rer. pol. der Wirtschaftswissenschaften. Zusammen mit seinem Partner Thomas Ilgenfritz hat er die FCS Fair Computer Systems GmbH in Nürnberg aufgebaut, die inzwischen 38 Mitarbeiter an zwei Standorten hat. Die Firma ist auch in Eltville am Rhein vertreten. FCS ist unter den Top 100 für den Innovationspreis Deutschland gelistet.


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Herr Falk, Sie sind ein Dienstleister für die Automobilbranche und sammeln elektronische Rechnungen von Autohändlern nicht nur europa-, sondern auch weltweit ein, um sie dann aufzubereiten und in bestimmten Formaten an Dritte weiterzureichen. Was sagen Sie zu dem Durcheinander bei den Inzidenzwerten?

"Wir müssten längst mehr über das Pandemiegeschehen wissen": Software-Experte Jürgen Falk aus Nürnberg wundert sich, warum die Zahlen des RKI noch nicht mehr verraten. 

"Wir müssten längst mehr über das Pandemiegeschehen wissen": Software-Experte Jürgen Falk aus Nürnberg wundert sich, warum die Zahlen des RKI noch nicht mehr verraten.  © Privat

Jürgen Falk: Ich bin entsetzt, jedes Mal, wenn ich auf dem Portal des Robert-Koch-Institutes die Worte "technische Störung" lese. Ich wundere mich, dass man die Prozesse noch nicht im Griff hat. Aus unserer Arbeit wissen wir: es kommt bei Meldesystemen auf Disziplin an. Die Daten müssen zertifiziert sein: Bei uns zum Beispiel erhält jede Rechnung, die wir bekommen, eine eigene ID. So können wir auch Dubletten herausfiltern.


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Ihre Firma gibt es seit über 20 Jahren, das RKI muss aber erst seit einem knappen Jahr mit solchen technischen Anforderungen fertig werden. Liegt da nicht das Problem?

Jürgen Falk: Wir standen mit unserer Firma am Anfang auch unter Druck. Dann kamen die ersten Fehlermeldungen, die Programmierer wurden nervös... Wir waren seit 2008 für immer mehr Länder in Europa zuständig, jetzt arbeiten wir weltweit. Auch bei uns kommen die Daten über Nacht, wie beim RKI, da braucht man einen festen Zeitplan, da darf nichts ins Rutschen kommen. Jetzt haben wir fast ein Jahr Corona, da denk ich dann schon, wenn ich von technischen Pannen lese: "Muss das sein?"

Was kritisieren Sie denn genau?

Jürgen Falk: Jetzt ist man beim RKI immer noch mit den Basisarbeiten beschäftigt, um die Daten korrekt übertragen zu bekommen. Es können ja neben den Kommunen und Kreisen auch Labore ihre positiven Tests melden. Dabei genügt es in den Abläufen nicht nur, die Daten zu zertifizieren. Die Teilnehmer, also etwa die Labore, müssen auch bewusst ins System aufgenommen werden, es geht also um die gezielte Datenweitergabe. Wir nennen das "onboarden". Das alles sollte doch technisch jetzt laufen. Es muss einheitliche technische Standards geben. Es kann doch nicht sein, dass Rheinland-Pfalz an einem Tag nur zwei Infektionen meldet!


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Sie sagen, wir müssten einen Schritt weiter sein und die Zahlen auch lesen können. Was meinen Sie?

Jürgen Falk: Wir müssten die Zahlen jetzt anreichern können: Sie müssten uns genau verraten können, wo sich das Infektionsgeschehen abspielt, wo die Verläufe sind, was wir jetzt bräuchten. Dass das noch nicht funktioniert, bemängeln inzwischen viele in meiner Branche.

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