Unterwegs am Walberla

Ein Berg für Pilger, Romantiker und Ganoven

Hans Böller
Hans Böller

Redakteur der Nürnberger Nachrichten

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3.7.2021, 16:59 Uhr
Heimat: Jasmin Postler aus Kirchehrenbach vor dem Panorama der Ehrenbürg. „Einen Sonnenuntergang hier zu erleben, ist herrlich“, sagt sie.

Heimat: Jasmin Postler aus Kirchehrenbach vor dem Panorama der Ehrenbürg. „Einen Sonnenuntergang hier zu erleben, ist herrlich“, sagt sie. © region-bayern-unterwegs-20210627-124115_app11_01.jpg, NN

Das schöne Bändchen aus dem Jahr 1822, damals herausgegeben bei Johann Baptist Lochmüller in Bamberg, nachgedruckt bei der Bibliotheca Franconia, beginnt mit einem vergnüglichen Satz. "Da die Ehrenbürg zu den höhern Bergen Deutschlands gehört", schreibt Franz Karl Freiherr von Münster, der (mutmaßliche) Verfasser, "glaubte man durch eine Beschreibung derselben dem Freunde der schönen Natur und jedem gemüthlichen Menschen einen angenehmen Dienst zu erweisen."


Das gelang vollkommen, Freunde der schönen Natur und gemütliche Menschen zieht es seit jeher zur Ehrenbürg, nur das mit dem höheren Berg – naja, das Walberla bei Forchheim, wie die ganze Ehrenbürg nach dem flacheren ihrer beiden Gipfel im Volksmund heißt, zählt nicht einmal in Franken zu den höchsten Erhebungen. Mit 531,9 Metern nimmt das Walberla Platz 69 ein (Spitzenreiter ist der Schneeberg im Fichtelgebirge mit 1051 Metern) – Tim Obeth gefällt der Satz des Freiherrn trotzdem.

Eben doch ein wenig alpin


"Gut, es ist kein hoher Berg", sagt er, "aber wenn man zu Fuß unterwegs ist und die Wege verlässt, ist man den gleichen Gefahren ausgesetzt wie in den Alpen, das Gelände ist steil, voller Geröll, da kann schnell ein Unfall passieren." Tim Obeth ist der Bereitschaftsleiter der 1947 gegründeten Bergwacht Forchheim, die mit 17 aktiven Mitgliedern für den schönen Hausberg zuständig ist, er lebt seit zehn Jahren in Franken und liebt das Walberla – weil es, wie er sagt, "bei jedem Wetter schön ist und mich in seiner Eigenschaft als Berg an meine Heimat erinnert".


Seine Heimat ist Murnau im Landkreis Garmisch-Partenkirchen, wo die höheren Berge Deutschlands stehen, mithin: Ein bisschen alpin ist es doch auf der Ehrenbürg mit ihren zwei über den breiten Sattel verbundenen Gipfeln, dem höheren Rodenstein und dem Walberla gegenüber, wohl doch. Und die insgesamt 44 Kletterrouten durch die Dolomitkalkfelsen, findet Obeth, "sind zwar kurz, aber knackig".

Kletterer von Weltruf


Eine von ihnen, der sogenannte Frankenschnellweg am Rodenstein – "fingerlastig, 7+", bemerkt der Führer –, hatte 1978 sogar einen weltberühmten Alpinisten als Erstbegeher, nämlich den 2010 tödlich verunglückten Nürnberger Kurt Albert, der ein stiller Star der internationalen Kletterszene war. Auch die Kletter-Legende Wolfgang Güllich übte gern am Walberla, Güllich, der 1992 bei einem Autounfall ums Leben kam, liegt unweit von hier, in Obertrubach, begraben.


Man muss aber natürlich keine Angst haben. Das Walberla ist ein vielseitiger Berg, den man sportlich besteigen kann – oder gemütlich, wie man mag. Jasmin Postler tut das seit drei Jahrzehnten, "sportlich bin ich eher eine Niete", sagt sie, sehr aktiv ist sie trotzdem – bei der nach dem Berg benannten Walberla-Bühne, seit ihrem neunten Lebensjahr gehört sie zum Ensemble des vor 30 Jahren gegründeten Kirchehrenbacher Laien-Theaters.

"ein bisschen garstig sein"


Vier Mal im Jahr treten sie auf, mit Komödien, Bauernstücken, das verbindet rund um den Berg. "Die Leutenbacher und die Weilersbacher haben auch richtig gute Gruppen", sagt Jasmin Postler, die es liebt, "auf der Bühne ein bisschen garstig oder böse zu sein". Privat ist sie das Gegenteil davon, die 34 Jahre alte Kauffrau für Büromanagement kann wunderbar erzählen von der Liebe zur Heimat.


Sie ist in Kirchehrenbach aufgewachsen, es ist eines der schönen, immer noch ländlich geprägten Dörfer, die zum Berg gehören. Als Jasmin ein Mädchen war, war ihr Vater noch Nebenerwerbslandwirt, sie ist Kühen, Hühnern und Enten – die Eier verkaufte der Opa – groß geworden. Für ein Jahr lebte sie in Nürnberg, in einer WG, fünfter Stock, kein Balkon, es zog sie wieder nach Hause. "Man hat ja hier alles, was man braucht", sagt sie, "die wenigen, richtig engen Freunde", von denen die meisten zurückgekommen sind, lebendige Vereine, die Natur – und den Berg.

Ein Zeugenberg


Jasmin Postler liebt den weiten Blick vom Gipfel aus in alle Richtungen, hinunter auf die Streuobstwiesen, in die Weite, "einen Sonnenuntergang zu erleben, ist herrlich", sagt sie. So geht es den Menschen schon seit Jahrtausenden. Die Ehrenbürg ist ein Zeugenberg, weithin sichtbar, sie bezeugt, gebildet aus den Ablagerungen eines ehemaligen Jurameeres, 140 bis 200 Millionen Jahre Erdgeschichte – und hatte schon vor 4000 Jahren Anziehungskraft auf Siedler der Jungsteinzeit.


Erstmals um 1300 vor Christus umringte sie eine breite holzgestützte Trockensteinmauer, hier muss ein mächtiges Herrschaftszentrum gelegen haben. Für Geologen und Archäologen ist der Berg eine Fundgrube, für Botaniker ob seiner Artenvielfalt auch – das Harzsche Habichtskraut zum Beispiel verdankt seine relative Berühmtheit dem Umstand, dass es als sogenannter Endemit nur hier und nirgendwo anders überhaupt wächst (das behaupten zumindest Botaniker, sie streiten über so etwas aber auch gerne, derweil der Laie die Schönheit genießt).

Die Räuberbande


Heute ist die kleine St. Walburgis-Kapelle ein Wahrzeichen des Berges, die Heilige Walburga, vermutlich die Namenspatronin des Walberla, war eine angelsächsische Missionarin des achten Jahrhunderts, begraben liegt sie in Eichstätt, wo ihr Bruder Willibald das Bistum gründete. Schlagzeilen machte die kleine Kapelle 1962, als die sogenannte Volkacher Madonnenräuberbande im Zuge der größten Kunstraubserie der deutschen Nachkriegsgeschichte auch die Ehrenbürg heimsuchte und die drei Altarfiguren entführte. Henri Nannen, Chefredakteur des "Stern", setzte damals 100 000 D-Mark auf ihre Ergreifung aus (die fünf Jahre später gelang).


Die Figuren blieben verschwunden, aber nun, zum Patronatsfest am 1. Mai 2021, konnte Pfarrer Michael Gehret endlich auch Philippus und Jakobus den Jüngeren segnen – zwei neue Repliken, eine neue Walburga steht schon länger auf dem Altar. Der 1. Mai ist auch für Pfarrer Gehret, der während seiner Bundeswehrzeit bei der Luftwaffe über die Militärseelsorge zu seiner Berufung fand, ein besonderer Tag.

Volksfrömmigkeit


"Ein letzter Hauch der alten Volksfrömmigkeit", sagt er, sei bei der Eucharistiefeier am Walberla zu spüren, "der magische Ort zieht dann auch Menschen an, die sonst nicht mehr so viel übrig haben für die Kirche." Dass schon keltische Siedler den Berg entdeckten und Christen ihrem Beispiel gerne folgten, überlegt Michael Gehret, kann sicher kein Zufall sein.


Michael Gehret wartet im Hof der wunderbaren alten Wehrkirche von Pinzberg auf den Besucher, die Walburgis-Kapelle gehört zur seiner Pfarrei. Als gebürtiger Würzburger, sagt er, "habe ich mich hier vom ersten Tag an pudelwohl und heimisch gefühlt". Einen "Glücksfall" nennt er die kleine Kapelle, allerdings einen im Wortsinn auch teuren Schatz, die Renovierung hat gerade Unsummen verschlungen – und so, sagt er lächelnd, hat alles zwei Seiten, auch der Besucheransturm auf den Berg.

Das Bergwaldschwein


Jasmin Postler wird das manchmal zu viel, "am Wochenende ist das ganze Dorf zugeparkt", Michael Gehret kann das verstehen. "Ein Freizeitpark", sagt er, sei das Walberla dann, Wanderer, Radfahrer, Gleitschirmflieger, die Bergwacht klagt über wachsende Müllberge und noch ein besonderes, in diesem Fall zoologisches Exemplar, das sich ausbreitet – "das Bergwaldschwein", wie auf einem Plakat steht: "Zieht es weiter, vollgefressen, sieht man genau, was es gegessen."


Andererseits: Die Menschen sind auch dankbar, sagt der freundliche Pfarrer Gehret, sie spenden gerne für den Unterhalt der Kapelle; ihm selbst wird das Gedränge am Walberla-Festtag meistens zu viel, er geht dann lieber ins Wirtshaus. "Das gehört ja zusammen", findet er, "Kirche und Wirtshaus, die fränkische Wirtshauskultur ist etwas richtig Schönes." An den Wochenenden bleibt die Kapelle trotzdem offen, die vielen Menschen, sagt der Pfarrer, seien die beste Versicherung gegen potenzielle Madonnenräuber.

Das besondere Glück


Auch Jasmin Postler mag die ruhigeren Stunden lieber, von der Bergwacht, erzählt sie, wird man als Spaziergängerin schon einmal spontan zum Frühstück vor der kleinen Schutzhütte eingeladen. In der Stadt ist ihr das nicht passiert. Sie sagt noch einen schönen Satz, sie erzählt, welchen Gewinn ihr dieses Glück bedeutet – "das Glück, existieren zu dürfen".

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