Eiszeit: Wie halten Nürnberger Klima-Aktivisten durch?

14.2.2021, 05:40 Uhr
Erik Stenzel und Alexandra Hahn trotzen den eisigen Temperaturen. Sie engagieren sich im Klimacamp Nürnberg für eine bessere Zukunft. 

Erik Stenzel und Alexandra Hahn trotzen den eisigen Temperaturen. Sie engagieren sich im Klimacamp Nürnberg für eine bessere Zukunft.  © Roland Fengler

Vielleicht war es nicht meine klügste Idee. Ich habe ja nicht innerhalb der Lokalredaktion das kürzeste Streichholz gezogen oder bin von einer gestrengen Chefin zu diesem Auftrag verdonnert worden. Ich mache es freiwillig. „Bist du denn komplett bescheuert?“, fragt mich denn auch eine besorgte Kollegin. Und ich frage mich das auch.

Soeben habe ich zugesagt, die Nachtschicht im Klimacamp auf dem Sebalder Platz mitzumachen. In der vielleicht eisigsten Woche des Jahres. Ich als stets verfrorener Nicht-Naturbursche, der nahezu keine Funktionskleidung besitzt und bei jeder privaten Feier – als diese noch zulässig waren – den Platz neben der Heizung aufsuchte. Aber irgendwie finde ich die Einladung der Klimacamper reizvoll. Zumal mir der Idealismus, mit dem sich diese Leute seit 3. September bei Wind, Wetter und nunmehr zweistelligen Minusgraden für eine lebenswertere Zukunft einsetzen, durchaus imponiert.

Unterstützung aus der Redaktion

Dennoch, ein paar Vorsichtsmaßnahmen wollen getroffen sein. Ich versichere mich im Ressort, dass es vielleicht nicht die ganze Nacht sein muss. Der nette Kollege aus dem Feuilleton leiht mir eine Regenhose, die man über die Jeans ziehen kann. Und bei Klimacamp-Pressesprecher Erik Stenzel erkundige ich mich nach den Überlebenschancen. „Keine Sorge, wir bringen Sie durch die Nacht.“ Mit einem Rucksack und Stofftaschen voller Pullover (wie viele davon kann man eigentlich übereinander anziehen?, frage ich mich oft in diesen Stunden) komme ich um 23 Uhr im Camp an. Die Nachtschicht beginnt. Erik Stenzel und Alexandra Hahn empfangen mich.

Eine Versammlung mit zwei Leuten

Erik Stenzel und Lokalredakteur Marco Puschner (links) gönnen sich Tee gegen die Kälte.

Erik Stenzel und Lokalredakteur Marco Puschner (links) gönnen sich Tee gegen die Kälte. © Roland Fengler

Es müssen mindestens zwei Leute im Camp sein, damit man von einer Versammlung sprechen kann – ein Versammlungsleiter und ein Teilnehmer. Man könne mit 2000 Leuten zwei Stunden demonstrieren, aber auch mit zwei Leuten 2000 Stunden, rechnet Stenzel vor. Es bedarf jedoch einer enormen Logistik. „Wegen der Kälte hatten wir schon Sorgen, aber die Schichten waren schnell voll.“ Rund 60 Leute brächten sich ein, verteilt auf 128 Schichten in der Woche. Trotz der Temperaturen und der inzwischen über 160 Camp-Tage wachse die Gruppe eher noch, berichtet der 33-jährige Musiker, der von Anfang an dabei war. „Meine Theorie ist, dass die Leute merken, dass das Camp die Chance bietet, ins Handeln zu kommen.“ Die 28-jährige Fotografin Hahn etwa ist neu zur Gruppe gestoßen und absolviert ihre zweite Nachtschicht. Im Freien zu schlafen, mache ihr nichts aus, sagt sie.

Nur vier Leute dürfen ins Camp

Manchmal müssten die Mitstreiter sogar in ihrer Bereitschaft gebremst werden, erzählt Stenzel, denn es dürften Corona-bedingt jeweils nur vier Leute ins Camp. Nur eine Stunde pro Tag seien zehn erlaubt, um kleinere Programme zu gestalten. In Pandemiezeiten wird Demonstrieren zur komplexen Zahlen-Arithmetik. Die Ausgangssperre indes beschäftigt die Camper nicht, denn zu einer Versammlung darf man auch nach 21 Uhr gehen.
Wir sitzen auf den Sofas, die die Behörden anfangs beanstandeten, wie sich Stenzel erinnert. „Sie sagten, das sei kein angemessenes Kundgebungsmittel, und wollten, dass wir Bierbänke benutzen.“ Der Aktivist rät mir: „Schuhe runter, Füße rauf, Wärmflasche dran.“ Das hilft tatsächlich, ist indes keine alltägliche Position zur Führung eines Interviews. Zumal die Themen, die wir in diesen nächtlichen Stunden besprechen, ernst sind. Der Klimawandel fordere ein radikales Umdenken, glaubt Stenzel, es bleibe nicht mehr viel Zeit.

Aber das Camp sei ein Symbol der Hoffnung: „Jeder, der sich hier einbringt, weiß, wofür er das tut.“ Er findet es auch gut, dass der Sebalder Platz zu einem Treffpunkt der Generationen geworden ist. Die ältesten Aktivisten seien über 70. Von den Nachbarn erfahre man viel Unterstützung. „Die Pfarrersfamilie wäscht unsere Decken.“

In diesen Decken sitzen wir nun tief vergraben, während Stenzel von Arbeitsgruppen berichtet, die sich etwa mit dem städtischen Klimafahrplan (er beklagt gravierende Umsetzungslücken) oder dem Forderungskatalog, mit dem das Bündnis im September angetreten war, beschäftigen und Prioritäten erarbeiten wollen. „Erst heute hat ein Zielfindungstreffen stattgefunden.“

Debatten mit Andersdenkenden

Mit jenen Bürgern, die diese Ziele generell nicht teilen und zum Beispiel auf ihr Auto nicht verzichten wollen, komme man durch den Standort mitten in der Stadt immer wieder ins Gespräch. Stenzel findet solche Debatten mit Andersdenkenden wichtig und hat auch nichts dagegen, locker-flapsig als „Öko-Hippie“ tituliert zu werden. Die Gesellschaft sei zu unpolitisch, findet er. Dabei könne aus der Mitte der Zivilgesellschaft Positives bewirkt werden, siehe der in den Mobilitätspakt gemündete Radentscheid. Die Bürger müssten sich bei der Politik bemerkbar machen, denn es brauche die Lenkungswirkung von Berlin aus. Nur mit individuellen Verhaltensänderungen, glauben Stenzel und seine Mitstreiterin Hahn, kann der Klimawandel nicht gestoppt werden.
Um 3.30 Uhr sind die Camper müde und begeben sich in ihre Schlafsäcke, bis sieben Uhr müssen sie noch bleiben. Ich dagegen bin putzmunter und die Kälte macht mir nichts mehr aus. Mit einem Fußweg in die Nürnberger Südstadt geht die Nacht zu Ende. Zu Gast im Klimacamp bei minus 15 Grad: Vielleicht doch eine ganz gute Idee.

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