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Engpässe auf Intensivstationen: Ärzte sind empört über Verharmlosung

Kliniken haben kaum Platz für Notfallpatienten - 21.04.2021 18:03 Uhr

Auf den Intensivstationen der Krankenhäuser herrscht chronischer Kapazitätsmangel. Intensivmediziner aus der Region sehen in der aktuellen Situation Grund zur Sorge.

10.01.2021 © Marijan Murat, dpa


Am Mittwoch meldete die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung der Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) in ihrem täglichen Report 4966 Intensivbetten, die in Deutschland mit Covid-Patienten belegt sind. Aufgrund der schrumpfenden Kapazitäten auf deutschen Intensivstationen wächst die Sorge über mögliche Folgen für Nicht-Corona-Patienten. Die Rufe einzelner Mediziner, die Aufregung über Covid-Erkrankte sei reinster Alarmismus, wühlt die Debatte weiter auf.


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Thomas Hermann Voshaar, Chefarzt der Moerser Lungenklinik Bethanien sagte gegenüber der "Bild", dass der Alarmismus der DIVI unverantwortlich sei. Die tatsächlichen Zahlen entsprächen nicht den unverhältnismäßigen Warnungen der Vereinigung.

"Ein Schlag ins Gesicht"

Auch Intensivmediziner aus der Region sind über die Aussagen empört. "Das ist ein Schlag ins Gesicht aller Angestellten im Krankenhaus,", sagt Doktor Manfred Wagner, Pandemiebeauftragter und medizinische Direktor des Fürther Klinikums, "Das verharmlost eine mehr als herausfordernde Situation." Auch sein Kollege, Oliver Riedel, der Pflegedirektor des Klinikums ist von der Aussage des Moerser Chefarztes überrumpelt. "Das Personal echauffiert sich da verständlicher Weise", sagt Riedel und stärkt seinen Mitarbeitern den Rücken.

Professor Stefan John, Leiter der Interdisziplinären Intensivmedizin am Klinikum Nürnberg-Süd nimmt der umstrittenen Meinung des Moerser Arztes den Wind aus den Segeln: "Die Aussagen vom Moerser Chefarzt Voshaar sind eine Einzelmeinung und auch nicht sonderlich aussagekräftig, da seine Einrichtung keine stationäre Intensivmedizin betreibt." Die Realität auf den Intensivstationen sehe momentan anders aus.

Das Klinikum Nürnberg ist, was die Auslastung der Intensivbetten anbelangt, am Anschlag. Das gelte sowohl für die Covid-Patienten als auch für andere Personen, die ebenfalls eine intensivmedizinische Behandlung benötigen. Dazu zählen Patienten, die nach einem Schlaganfall, einem schweren Unfall oder mit einem Herzinfarkt auf der Intensivstation landen.

OP-Personal muss aushelfen

John sagt, dass es während der Pandemie de facto keine freien Intensivbetten gäbe. "Die knapp zehn Prozent, die täglich gemeldet werden, müssen wir jeden Tag aufs Neue für Notfälle freischaufeln", klagt der Arzt. Das große Problem auf den Intensivstationen sei nicht die Behandlung der Covid-Patienten, sondern die fehlende Kapazität für andere Patienten. "Seit fast einem Jahr müssen wir Operationen vor uns herschieben", berichtet John, "Diese Bugwelle kann vielen Patienten zum Verhängnis werden." Auch im Fürther Klinikum müssen operative Eingriffe den Einsätzen auf der Intensivstation hintenanstehen: "Wir müssen teilweise sogar OP’s schließen, um das Personal auf die Intensivstationen zu verlegen", schildert Wagner aus Fürth.


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Die Meldungen aus den Krankenhäusern seien den Ärzten zu Folge keine unbegründeten Sorgen, sondern bittere Tatsachen. Gegenüber der Funke Mediengruppe sagte Gerald Gaß, Vorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft, dass die Engpässe bei geplanten Eingriffen immer größer würden, sollte die dritte Pandemiewelle andauern. Gaß warnt gegenüber der Rheinischen Post ebenfalls vor Alarmismus. "Ich bin auch davon überzeugt, dass die Schreckensszenarien, die aus dem Bereich der Intensivmedizin seit Tagen verbreitet werden, weder in der Politik noch in der Bevölkerung zu den damit wahrscheinlich beabsichtigten Reaktionen führen werden."

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Personal an der Belastungsgrenze

Auf Instagram schildert Wagner die angespannte Lage: In einem dreieinhalbminütigen Video berichtet der Arzt über die hohe Belastung des Personals. "Unsere Ärzte telefonieren fast täglich mit Patienten über Verschiebungen von Eingriffen", beschreibt der Pandemiebeauftragte. Solche Nachrichten sorgen bei den Patienten und deren Angehörigen für Trauer und Enttäuschung, doch die Angestellten arbeiten seit Beginn der Pandemie an ihrer Belastungsgrenze.

Zum Zeitpunkt des Instagram-Videos hatte das Fürther Klinikum lediglich zwei freie Intensivbetten. Trotzdem werde jeder Notfall, selbst bei fehlender Kapazitäten behandelt. "Wir machen das, indem diese Menschen, die seit einem Jahr über ihre Grenzen gehen erneut über ihre Grenzen gehen, um diese Patienten zu versorgen." Wer bei dieser Situation von Alarmismus spreche, den lädt Wagner in seinem Video dazu ein, einen Tag auf seiner Station zu verbringen, um sich die Realität vor Augen zu führen.

Wie bereits der bayerische Ministerpräsident Markus Söder oder auch Kanzlerin Merkel in ihren Statements nach den Konferenzen der Länderchefs immer wieder betont hatten: Bei der Diskussion über Intensivbetten sollten nicht die Betten, sondern die Patienten, die eine intensive Behandlung benötigen im Vordergrund stehen. "Ich habe das Gefühl, dass die Ernsthaftigkeit der Situation in der Bevölkerung noch nicht ganz angekommen ist", sagt Wagner.

Von falschem Alarm kann in den Kliniken nicht die Rede sein. Das Personal hofft, dass sich die Lage in den Krankenhäusern bald entspannt. "Wir sind vom Höchststand der zweiten Welle noch entfernt. Wir gehen aber davon aus, dass diese Zahl Anfang Mai überschritten werden könnte" fürchtet Wagner und erklärt, man müsse sich den zeitlichen Versatz von etwa zehn Tagen zwischen der steigenden Inzidenz und der höheren Auslastung der Intensivbetten vergegenwärtigen.

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Die Inzidenzen müssen nun weiter sinken, erst dann können die Maßnahmen langsam gelockert werden, betont Wagner. Zusätzlich müsse die Impfquote steigen. "Unser Licht am Horizont ist, dass In Deutschland noch kein einziger Covid-Patient trotz eines vollen Impfschutzes wegen Corona auf eine Intensivstation musste", sagt der Nürnberger Arzt John.

Robin Walter Online-Redaktion E-Mail

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