Entsorger warnen: Bayern droht der Müll-Kollaps

18.10.2019, 05:44 Uhr

© Foto: Lenard Meixner

Unter anderem sind die Kapazitäten der Müllverbrennungsanlagen (MVA) in Bayern seit mehreren Jahren komplett ausgereizt, auch die der Anlage der Stadt Nürnberg. Als die damals hochmoderne Konstruktion vor 18 Jahren in Betrieb genommen wurde, war sie ausgelegt auf eine Jahreskapazität von 205 000 Tonnen. Mittlerweile jedoch werden in der Anlage im Nürnberger Stadtteil St. Leonhard zwischen 240 000 und 245 000 Tonnen Haushaltsmüll und haushaltsähnlicher Gewerbemüll pro Jahr verbrannt.

"Seit mehreren Jahren fahren wir technisch an der Obergrenze", sagt Reinhard Arndt, Werkleiter des Abfallwirtschaftsbetriebs Stadt Nürnberg (ASN). Und so wie dem ASN geht es auch den Betreibern der 14 anderen Müllverbrennungsanlagen in Bayern. "Der Markt steht kurz vor dem Kollaps", zitiert Euwid, der wichtigste Informationsdienst der deutschen Entsorgungsbranche, einen Anlagenbetreiber aus dem süddeutschen Raum.

Als "herausfordernd" bezeichnet der Verband der Bayerischen Entsorgungsunternehmen (VBS) die Lage und erwartet deshalb zu seiner heute startenden Jahrestagung einen Teilnehmerrekord. Rund 370 Vertreter der Branche haben sich für die dreitägige Veranstaltung in Nürnberg angemeldet; zu Gast sind auch Landes- und Bundestagsabgeordnete, die zu aktuellen Themen der Branche sprechen sollen.

Preise für Entsorgung sind explodiert

Und zu besprechen gibt es einiges, denn der Freistaat hat seit geraumer Zeit ein gravierendes Müllproblem. Das hängt zum einen mit dem anhaltenden Wirtschaftswachstum in Bayern zusammen, das für jährliche Steigerungsraten von zwei bis drei Prozent beim Gewerbe- und Hausmüll sorgt. Zahlreiche Firmen und Handwerksbetriebe kriegen deshalb ihre Abfälle, die nicht recycelt werden können und stattdessen verbrannt werden müssen, nicht mehr los.

Viele Dachdecker zum Beispiel wissen nicht mehr, wohin mit gebrauchten Dämmstoffen wie Styropor oder alter, mit Bitumen getränkter Dachpappe, die bei der energetischen Sanierung von alten Gebäuden anfällt. Die Preise für die Entsorgung von solchem Gewerbemüll haben sich in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt, teilweise müssen die Entsorger bis zu 200 Euro pro Tonne bezahlen. Deshalb lassen manche Betriebe ihre Abfälle bis nach Dänemark oder Schweden transportieren, denn dort müssen sie nur ein Drittel der in Bayern aktuellen Tarife berappen.

"Klimapolitisch ist so etwas natürlich absurd, aber das ist momentan eben die Marktlage", bedauert VBS-Geschäftsführer Rüdiger Weiß, dessen Verband auch mit der neuen Düngeverordnung zu kämpfen hat. Über 60 Prozent der landwirtschaftlichen Verwertungsflächen stehen deswegen nicht mehr für die Verwertung von Klärschlamm zur Verfügung, der Rest muss nun thermisch verwertet werden.

Alt und störanfällig

Darüber hinaus sind die Anlagen im Freistaat vergleichsweise alt und deshalb störanfällig. Immer öfter sind Reparaturen nötig, die zu Betriebsausfällen führen. Im Würzburger Müllheizkraftwerk etwa wird gerade eine der drei Ofenlinien erneuert, die Sanierungsarbeiten dauern voraussichtlich bis Ende 2020. Darum fehlt im Freistaat zusätzlich eine Jahreskapazität von etwa 60 000 Tonnen, und das müssen die anderen MVA zusätzlich auffangen.

"Wir sind voll bis Oberkante Unterlippe und müssen deshalb viele Anfragen von Entsorgern abweisen", sagt Reinhard Arndt. Auch deshalb, weil die Nürnberger Anlage auf die Verbrennung von normalem Haushaltsmüll ausgelegt ist. Die Verbrennungstemperaturen von Gewerbeabfällen, die oft zum Großteil aus Kunststoffen bestehen, sind jedoch erheblich höher. Deshalb kann insgesamt weniger Müll in die Öfen geworfen werden, weil diese sonst zu heiß werden.

Mancher Betreiber senkt dann den Heizwert wieder, indem er dem Müll den erwähnten Klärschlamm beimischt. Dadurch wiederum verringern sich aber wieder die Kapazitäten für normale Abfälle. Der Verband der Bayerischen Entsorgungsunternehmen fordert deshalb zügige Investitionen in neue Abfallbehandlungsanlagen und die Genehmigung weiterer Zwischenlager. VBS-Präsident Otto Heinz drängt dabei zur Eile: "Unser Verband hatte bereits im Juni konkrete Lösungsvorschläge zur Entspannung der Engpasslage veröffentlicht", sagte er im Vorfeld der Jahrestagung. Nun gelte es, diese Maßnahmen möglichst rasch umzusetzen.

Unter anderem soll die Biotonne flächendeckend in ganz Bayern eingeführt werden. Eigentlich ist die getrennte Erfassung des Biomülls nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz seit 2015 Pflicht, doch in vielen Kommunen und Landkreisen immer noch nicht Realität. Landwirtschaftliche Betriebe sollen verpflichtet werden, Plastikfolien wiederzuverwenden. Außerdem müsse der anhaltende Trend zu Einwegprodukten und schlecht recycelbaren Konsumartikeln gestoppt werden. Einwegbecher, etwa für Coffee to go, sollten erheblich verteuert oder gar verboten werden.

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