Aktion am 19. September 2021

Antisemitismusbeauftragter: "Erlangen hält Erinnerung an Verbrechen an Juden wach"

Sharon Chaffin
Sharon Chaffin

Redakteurin Erlanger Nachrichten

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18.9.2021, 14:00 Uhr
Eine alte Villa an der Rathsberger Straße dient der Jüdischen Kultusgemeinde Erlangen derzeit unter anderem als Synagoge.

Eine alte Villa an der Rathsberger Straße dient der Jüdischen Kultusgemeinde Erlangen derzeit unter anderem als Synagoge. © Foto: Klaus-Dieter Schreiter

Herr Spaenle, Sie kommen zum Fest des jüdischen Lebens nach Erlangen, welchen Stellenwert hat die Hugenottenstadt in dem Bereich, als Ort der ersten nationalsozialistischen Universität im sogenannten Dritten Reich und der antisemitischen Morde an Poeschke und Lewin 1980?

Ich komme gern zum Fest des Jüdischen Lebens in Erlangen. Denn in Erlangen erkenne ich derzeit zwei starke Strömungen, die jüdisches Leben und die Erinnerung an Verbrechen gegen Jüdinnen und Juden in dieser Universitätsstadt fördern, einmal die des Erlanger Stadtarchivs und einmal die der Israelitischen Kultusgemeinde.

Inwiefern?

Der Antisemtismus-Beauftragte der Staatsregierung, Ludwig Spaenle, spricht am Sonntag, 19. September 2021, beim Fest des jüdischen Lebens in Erlangen.

Der Antisemtismus-Beauftragte der Staatsregierung, Ludwig Spaenle, spricht am Sonntag, 19. September 2021, beim Fest des jüdischen Lebens in Erlangen. © imago/Sachelle Babbar

Das Erlanger Stadtarchiv hat mit seiner Publikation zum jüdischen Leben in Mittelfranken eine intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte jüdischer Menschen in Mittelfranken angestoßen. Das jüdische Leben hat nämlich bereits zu Markgrafenzeit erheblich gelitten und fand unter dem Unrechtsregime des Dritten Reichs ihr bitteres Ende – das darf nicht in Vergessenheit geraten. Die Universität spielte dabei unter anderem durch die sogenannte Rasseforschung eine dramatische Rolle.

Und dann die antisemitischen Attentate 1980.

Die Ermordung des Rabbiners Shlomo Lewin und seiner Lebensgefährtin Frieda Poeschke 1980 durch ein Mitglied der rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann hat schlimmste Erinnerung neu wachgerufen. Umso erfreulicher ist es aber, dass die Israelitische Kultusgemeinde den Neubau einer Synagoge als Haus des jüdischen Lebens auf den Weg bringen will. Jüdisches Leben – das ist für mich die Botschaft daraus – entfaltet auch trotz und durch die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit neue Perspektiven.

Die Jüdische Kultusgemeinde in Erlangen hatte noch nie eine eigene Synagoge und hat nun für den Erwerb einer Immobilie eine Spendenaktion gestartet. Ist das nicht eine Art Armutszeugnis für den Freistaat - wäre da nicht eine größere Förderung durch die Staatsregierung möglich?

Die Israelitischen Kultusgemeinden werden in Bayern öffentlich gefördert, dazu gibt es einen eigenen Staatsvertrag, auf dessen Grundlage öffentliche Gelder an die jüdischen Gemeinden gehen – die Verteilung erfolgt in Selbstverantwortung der jüdischen Dachorganisationen. Nun zu Erlangen: Zunächst gratuliere ich der Israelitischen Kultusgemeinde in Erlangen zu ihrem Entschluss, eine Synagoge zu realisieren. Die öffentliche Hand kann zur Umsetzung der Idee einen Beitrag leisten und tut dies auch, aber auch die Gemeinde selbst ist gefragt. Eine Spendenaktion ist dazu ein probates Mittel.

Interessenten können sich vorab unter info@jkgerlangen.de anmelden bzw. sich vor Ort registrieren lassen.

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