Appell aus Erlangen: "Grundschulkinder zurück in die Schule"

30.4.2021, 08:30 Uhr
Derzeit haben in den Grundschulen in Erlangen nur die vierten Klassen Präsenzunterricht. Unser Bild entstand in der Pestalozzischule noch vor den Osterferien.

Derzeit haben in den Grundschulen in Erlangen nur die vierten Klassen Präsenzunterricht. Unser Bild entstand in der Pestalozzischule noch vor den Osterferien. © Harald Sippel

Das passiert dieser Tage immer wieder: Kinder weinen zuhause, entwickeln Ängste. In die Grundschule dürfen die Erst-, Zweit- und Drittklässler seit den Osterferien nicht mehr, nur für die Viertklässler wird eine Ausnahme gemacht. Und für die Kinder, die in die Notbetreuung kommen. "Die Kinder sind fertig", sagt Tamara Dittrich, Leiterin der Mittagsbetreuung an der Pestalozzischule. Sie leidet mit den Schülerinnen und Schülern. Bereits seit Dezember ändern sich ständig die Regeln für die Schulen, ändert sich der Unterricht abhängig von der Inzidenz von Distanz- zu Wechsel- und dann wieder zu Präsenzunterricht.

Jetzt haben Tamara Dittrich und Karl Grimmer, Pfarrer an der Erlöserkirche am Anger und damit Trägervertreter der Mittagsbetreuung an der Pestalozzischule, einen Brief geschrieben, der an Verantwortungsträger in

Stadt, Land und Kirche appelliert, Wechselunterricht an den Grundschulen bis zu den Sommerferien unabhängig von Zahlen und Werten zu ermöglichen. 23 weitere Personen haben den Appell unterzeichnet, unter ihnen Leiterinnen und Mitarbeiterinnen von Lernstuben, Grundschullehrerinnen, eine Konrektorin, Grünen-Stadträtin Kerstin Heuer.

Schule hat Priorität

"Politische Akteure aller Parteien scheinen sich darüber einig zu sein: Schule hat Priorität! Dennoch ist festzustellen, dass die Situation seit über einem Jahr ganz besonders für Grundschulkinder katastrophal ist", heißt es in dem Schreiben. Es endet mit dem Satz: "Unsere Kinder sind die Zukunft, also geben wir ihnen auch eine!".

Die kontinuierlichen Ausfälle eines Präsenzunterrichts und damit die Aussetzung des Rechts auf Bildung seien in ihren Effekten verheerend und würden im Diskurs rund um die Maßnahmen unterschätzt, meinen die Unterzeichner des Briefs. "Grundschulkinder brauchen Räume zum Lernen außerhalb ihres Zuhauses." Kinder bräuchten andere Kinder und eine Lehrerin oder einen Lehrer zum Lernen. "Eltern können keine Ersatzlehrer sein. Schon gar nicht die Eltern, die selber arbeiten müssen oder ihren Kindern einfach nicht helfen können."

Überfordert mit ständigen Veränderungen

So würden beispielsweise im Einzugsbereich der Pestalozzischule viele Familien auf beengtem Raum leben – mit unzureichend schnellen Internetverbindungen und mehreren Kindern. Es sei nicht verwunderlich, dass sie mit der sich ständig wandelnden Lage überfordert seien.

"Die teilweise Überantwortung des schulischen Bildungsauftrages an die Familien und die andauernden Änderungen führen zu einer wenig beachteten Dynamik, welche die ohnehin große Bildungsungerechtigkeit noch weiter verstärken wird."

Treffen auf der Straße statt in der Schule

Weiter heißt es in dem Brief: "Wir beobachten, dass Kinder nicht mehr lernen können, das Interesse verlieren und die Motivation völlig verschwindet. Sie treffen sich auf den Straßen, bilden kleine Gangs, organisieren sich zu Hause zum Lernen und Spielen." So entstehe an der Leerstelle, die der regelmäßige Schulunterricht und die Nachmittagsbetreuungen hinterlassen haben, eine Selbstorganisation, die nicht im Sinne des Infektionsschutzes sein könne.

Neben solcher Eigengestaltung des Alltags müsse man jedoch auch Gegenteiliges feststellen: "Immer mehr Kinder sitzen schon im Grundschulalter ständig vor dem Computer, dem Handy oder dem Fernseher. Sie nehmen massiv an Gewicht zu, bewegen sich immer weniger und wollen nicht mehr in die Schule, selbst wenn sie dürfen. Manche werden depressiv und immer stiller." Und die Kinder der ersten Klassen hätten bislang keine richtig gut funktionierende Schule kennen gelernt. "Sie wissen nicht, was das ist."

Sicherheitsmaßnahmen in Schulen greifen

Distanzunterricht sei für den Infektionsschutz jedenfalls nicht automatisch sinnvoll. So seien die Notgruppen häufig größer als die Gruppen beim Wechselunterricht und die Kinder würden neu durchmischt in der Schule sitzen. Tests, Masken, Abstand und inzwischen auch Kohlenstoffdioxidmessgeräte würden aber im Wechselunterricht das Infektionsrisiko auf ein Minimum reduzieren. Das letzte Jahr habe jedenfalls gezeigt, dass es bei Infektionen einzelner Kinder keine weiteren Ansteckungen im Klassenverband oder beim pädagogischen Personal gab.