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Auf der Flucht — von Katholiken vertrieben

Vor etwa 380 Jahren kamen Glaubensflüchtlinge auch ins Erlanger Umland - 06.01.2015 12:00 Uhr

Darstellung einer österreichischen Exulanten-Familie in dem Buch von Georg Kuhr mit „Gott-Hilf-Spruch“.

05.01.2015 © privat


Viele Familien hier haben nämlich österreichische Vorfahren; ab 1627 sind Exulanten aus dem „Ländlein ob der Enns“ in Niederösterreich nach Franken gezogen. Sie wurden wegen ihres evangelischen Glaubens aus dem Salzburger Land vertrieben und siedelten sich in dem durch den Dreißigjährigen Krieg von Hungersnot und Seuchen entvölkerten Gebieten Frankens an.

Auch in der Stadt Erlangen und in den umliegenden Gemeinden siedelten sich Vertriebene an, nach einer Zusammenstellung in „Blätter für Fränkische Familienkunde“ von Rudolf Großner im Jahr 1972 waren dies etwa 1600 Personen. Schwerpunkte waren insbesondere die Dörfer Frauenaurach und Kalchreuth.

Der Ausdruck „Exul Christi“, verbannt um Christi willen, hat sich für Evangelische Glaubensflüchtlinge schon früh in den Tagen der Reformation eingebürgert. Das Beiwort findet sich bei vielen Namen von Hilfesuchenden in Almosenrechnungen der Pfarrämter, oft auch das Herkunftsland, hier das „Ländlein ob der Enns“.

Die Vertreibung der evangelischen Christen aus Oberösterreich erfolgte ab 1627 unter Kaiser Ferdinand II. Er regierte von 1619 bis 1637. Dazu muss man wissen, dass die Lutherische Lehre in Österreich viele Anhänger fand, besonders als im Augsburger Religionsfrieden die Confessio Augustana von 1530 reichsrechtlich anerkannt wurde. Die evangelischen Standesherren in Österreich, schreibt Georg Kuhr im Buch über die österreichischen Exulanten, beanspruchten für sich das Reformationsrecht und nahmen auch für ihre Untertanen Geistliche ihres Bekenntnisses an, weite Teile von Österreich wurden evangelisch.

Befehl verschärft

Große Gegensätze ergaben sich beim Regierungsantritt des katholischen Kaisers Ferdinand II. mit dem evangelischen Landadel. Der neue Kaiser erließ 1624 das Religionspatent, demzufolge alle lutherischen Pfarrer und Schulmeister Oberösterreich verlassen mussten. Der Statthalter Bayerns in Linz, Adam Graf Herbersdorff, hatte den Befehl zu vollziehen, er verschärfte 1625 noch einmal die Maßnahmen, das ganze Land sollte wieder katholisch werden.

Nun war der Besitz der Lutherbibel und evangelischer Bücher verboten. Bis in die Familien und häusliche Kindererziehung hinein sollten alle evangelischen Glaubensäußerungen untersagt und durch katholische Religiosität umgestaltet werden. Zuerst richtete sich die Gegenreformation an den Adel und die Stadtbevölkerung, dann auch auf die Landbevölkerung und die Bauern. Als Alternative wurde den Evangelischen der Landesverweis angedroht. In Ober- und Niederösterreich hatte der Kaiser „Reformationskommissare“ eingesetzt, die begleitet von Soldaten, von Pfarrei zu Pfarrei zogen und die in Pfarreilisten namentlich erfassten Lutherischen gewaltsam vertrieben. „Die Zahl der Exulanten aus Österreich stieg in die Zehntausende“, stellt Georg Kuhr in seinem Buch fest. Ein großer Teil des Flüchtlingstrecks wälzte sich in die Augsburger Gegend, nach Franken und ins evangelische Nürnberger Gebiet.

Hier wütete der Dreißigjährige Krieg, im Jahr 1632 standen sich die Heere des schwedischen Königs Gustav Adolf und Wallenstein bei der Alten Veste bei Zirndorf gegenüber. „Das Kriegsgewitter, das so lange am Horizonte umhergezogen war, sammelte sich jetzt auch über unsere Gegend um sich furchtbar zu entladen“, schreibt Pfarrer Carl Gottlob Rehlen 1840 in seiner Geschichte und Chronik über Kalchreuth. „Im Spätsommer 1631 sah man von der Höhe lange Scharen tyllischer Völker aus den Wäldern von Lauf her nach Neunkirchen und Forchheim ziehen.“ Zwar hatte Kalchreuth eine Abschrift eines Salva Guarda-Briefes in Händen, den der Kaiser seinem Oheim, dem Markgrafen von Ansbach-Brandenburg für seine Lande ausgestellt hatte, aber kraftlos scheiterte des Kaisers Brief an der Wildheit seiner Truppen. Vor den wütend umherstreifenden Soldatenhorden flüchteten viele Dorfmannschaften (Familien) mit Weib und Kindern in den Wald oder gleich hinter die sicheren Mauern von Nürnberg. Die Zurückgebliebenen verhungerten, starben durch Krankheit, wurden ermordet und die Häuser in Brand gesteckt.

Der damalige Pfarrer (Magister) Fröer schreibt im Pfarrbuch: „Ehe denn wir vor den schwedischen Völkern haben entfliehen müssen, so ist die Kalchreuther Pfarr noch stark gewesen, nämlich 550 Personen. Davon waren 432 zu Kalchreuth, 63 zu Käswasser, 56 zu Röckenhof und neun aufn Wolfsfeldt. Von diesen Personen sind 392 in den Jahren 1632 bis 1634 gestorben.“

1635 kehrten die wenigen überlebenden Bewohner wieder in ihre Höfe im Ort zurück. Die Not, das Elend und der Kummer waren aber unbeschreiblich, erst 1636 wurde es etwas besser. „Im Jahr 1641 finden wir bereits wieder 47 Mannschaften (Familien)“, schreibt der Pfarrer. Einige, die sich in den letzten Jahren „hier ansässig machten waren österreichische Flüchtlinge, die der Religion wegen ihre Heimat hatten verlassen müssen“, heißt es in der Pfarrchronik. Die meisten traten zunächst als „Beständner“ (Pächter) ein, wie denn im Jahre 1653 noch 23 waren.

Hof erworben

Weiter wird von einem Kaufbrief aus dieser Zeit berichtet, demnach verkaufte 1638 der Grundherr Tobias Haller an Martin Weber einen Bauernhof, „auf dem früher Hanns Hohlfelder gesessen war und das an die acht Jahre unbebaut liegen geblieben war um 100 Gulden. Dieses Gut, bestand aus Haus und Stadel, die zwar baufällig waren, und aus dreieinhalb Tagwerk Wiesen und sechsdreiviertel Morgen Felder. Die Kaufsumme durfte er erst in zehnjähriger Frist bezahlen.

Es sind mehrere Personen überliefert, die hierher kamen. Genannt werden die Namen Auer, Brunner, Gärtner, Froschauer, Haßlinger, Knapp, Petenberger, Reinthaler, Schilk, Schmidtgruber, Wenninger und Wittigschlager.

1653 sind alle Höfe und Gütlein wieder besetzt, eine Liste zählt 67 Mannschaften(Familien) auf und es war auch die Kirche, worauf sich die allgemeine Tätigkeit richtete als man nur einigermaßen sich selber wieder bewusst worden war – schreibt Rehlen in der Chronik.

Der Name Knapp ist heute noch in Kalchreuth weit verbreitet.

Ein Nachfahre, der heute in Schwabach lebt, hat einen Stammbaum erstellt, beginnend 1585 mit Jacob Knapp aus Großgerungs in Niederösterreich. Er kam um 1640 nach Kalchreuth, war zweimal verheiratet, hatte vier Kinder und starb 1665 im Alter von 80 Jahren hier in der neuen Heimat. Ihm folgten viele Generationen bis heute. Und so war denn der Friede über das Kalchreuther Land zurückgekehrt – schreibt Pfarrer Rehlen in der Chronik, wenigstens für einige Jahrzehnte und die Leute konnten ihre Fluren bestellen, Familien gründen und im Glauben leben.

ERNST BAYERLEIN

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