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Bahn-Neubau: Erlangen hat Angst um sein Altstadtidyll

Die gewohnten Sichtbeziehungen sind massiv gestört - 23.08.2016 06:00 Uhr

Lärmschutz hat seinen Preis: Ein freier Blick auf die jenseits der Bahn gelegene Stadtseite (wie hier an den Werkern) ist kaum noch möglich. © Foto: Harald Sippel


Der Ausbau der Bahnstrecke zwischen Nürnberg und Bamberg für den Fern-, den Güter- und für den S-Bahn-Verkehr fordert einen hohen ästhetischen Preis von den betroffenen Städten und Gemeinden – auch von Erlangen. Der Ausbau auf durchgängig vier Gleise schafft auch eine neue Infrastruktur neben den Schienen: hohe Lärmschutzwände, die die Anwohner vor dem Lärm des zu erwartenden Mehrverkehrs wirksam schützen sollen.

Der Nachteil dieser Lärmschutzwände ist allerdings unbestreitbar: Zugfahren unterscheidet sich kaum noch von der Fortbewegung mit der U-Bahn, rechts und links der Strecke ist so gut wie nichts mehr zu sehen, die Orientierung fällt zunehmend schwer und von der Schönheit einer Stadt ist nur noch wenig zu sehen. Einziger Vorteil: auch die hässlichen Seiten werden verdeckt.

So sah es früher aus: Wer von der Fuchsenwiese kommend die Unterführungen ansteuerte, konnte noch das Kirchlein am Martinsbühler Friedhof sehen. © F.: Millian


Plexiglas will die Bahn nicht verwenden

Lärmschutzwände stellen massive optische Barrieren dar, gewohnte Sichtbeziehungen stören oder ganz aufheben, der Luftaustausch wird erschwert, die Wände sind eine extrem dürftige "Architektur" im Stadtbild, kurz: sie sind ein ästhetischer Ernstfall. Und Städten wie Bamberg droht sogar der Entzug des werbewirksamen Status-Attributs als "Unesco-Kulturerbe".

Aber auch Erlangen mit einer Altstadt mit markanten Sichtmarken wie Kirchtürmen und Fassaden leidet. Deshalb hat sich der städtische Baureferent Josef Weber bereits frühzeitig an die Bahn gewendet, um zumindest transparenten Lärmschutz wie Glas- oder Plexiglaswände zu erreichen. Die hat allerdings ebenso prompt geantwortet, dass sich Glas oder Plexiglas generell nicht zum Lärmschutz eigneten und deshalb nur an wenigen (und kurzen) Stellen eingesetzt werden könnten – also dort, wo eine Sichtbeziehung (auch aus Verkehrssicherheitsgründen) besonders wichtig sei.

Erlanger Baureferent fordert "Ästhetik des Bauens"

Den Lärmschutz zu regeln obliegt allerdings nicht den Städten und Gemeinden, ist vielmehr – im Bundesimmissionsschutzgesetz (BImsch) – Bundesangelegenheit. Mit der Bahn kann beim Lärmschutz nicht über das "Ob", sondern nur über das "Wie" verhandelt werden. Bedingung bei allen zu verhandelnden Lösungen ist allerdings stets, dass der Sinn der Schutzbauten, nämlich den Lärmpegel auf die für Tag und Nacht geltenden unterschiedlichen Werte zu bringen, nicht in Frage gestellt wird.

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Die Bauarbeiten im Erlanger Burgberg-Tunnel für den viergleisigen Ausbau der Bahnstrecke Nürnberg-Bamberg laufen auf Hochtouren. Geht es weiterhin so zügig voran, wird der Zeitplan eingehalten und der Durchstich erfolgt Anfang Juli. Befahrbar soll die zweite Röhre im April 2016 sein.


Hinzu kommt: Die Deutsche Bahn AG ist ein Verkehrsunternehmen, das seine Verkehrswege nach eigenen Anforderungen baut. Eine "Ästhetik des Bauens", wie sie der Erlanger Baureferent oder der Erlanger Architekt und in Nürnberg lehrende Architektur-Professor Hubert Kress fordern, ist nicht Gegenstand des Bahnbaus. Kress hält es für einen Fehler, "dass Fragen der Gestaltung erst dann in Betracht gezogen werden, wenn die Bauingenieure zu Ende gedacht haben". Vielmehr sei eine Einbindung von Architekten in den Planungsprozess der Bahn von Anfang an erforderlich. Und sein Kollege Weber erinnert daran, dass zur Entstehungszeit der Eisenbahn der Bau des Fahrwegs und der Ausbau der Stadt Hand in Hand gegangen seien, die Bahn habe die Stadt "stets auch mitproduziert".

"Unser Ziel ist es, bis 2020 den Lärm zu halbieren"

Heute sei aus dem Miteinander ein Nebeneinander, nicht selten auch ein Gegeneinander geworden, bedauert Weber. Leider sei es unter den heutigen Bedingungen fast unmöglich, "die Bahn als integrativen Bestandteil der Stadt" erkennbar zu machen.

Die Bahn ihrerseits, so räumte es der Teamleiter der Baufirma DB ProjektBau für den Bereich Erlangen, Thomas Sulzer, auf einer Altstadt-Veranstaltung ein, baue "in erster Linie eine Bahnstrecke" - und sei zudem zur Wirtschaftlichkeit verpflichtet.

Einen Ausweg aus dem Dilemma gäbe es nur, wenn die Bahn leiser würde, am besten an der Quelle: an den Fahrzeugen selbst. Hier wollte der ehemalige Oberbürgermeister Siegfried Balleis ansetzen, als er – was technisch machbar ist - leisere Güterzüge forderte. Nun will Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt laute Güterzüge – und vor allem für diese ist der Lärmschutz nötig - notfalls per Gesetz von der Schiene verbannen. "Bis 2020 müssen die lauten Züge weg sein - wer nicht freiwillig geht, wird gesetzgeberisch dazu gebracht", sagte Dobrindt bei einem Aktionstag der Deutschen Bahn.

Die Bahn selbst will bis 2020 alle 60.000 Güterwaggons auf leise Bremsen umrüsten. "Unser Ziel ist es, bis 2020 den Lärm zu halbieren", versprach DB-Technik-Vorstand Heike Hanagarth. 

Peter Millian

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