Kindgerecht, verlässlich, günstig

Corona: In Erlangen initiierte Studie zeigt Vorteile von PCR-Pool-Testungen auf

Eva Kettler

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30.7.2021, 06:00 Uhr
An den Pooltestungen beteiligten sich zahlreiche Schulen - und zwar nicht nur in Erlangen und dem Landkreis Erlangen-Höchstadt, sondern auch in angrenzenden Landkreisen.

An den Pooltestungen beteiligten sich zahlreiche Schulen - und zwar nicht nur in Erlangen und dem Landkreis Erlangen-Höchstadt, sondern auch in angrenzenden Landkreisen. © Eduard Weigert

"Es ist nicht vorbei", sagt der Erlanger Unternehmer Thomas Wagner. Damit meint er nicht die Studie Wicovir - eine Abkürzung der Frage "Wo ist das Corona-Virus?" - , die er initiiert hat, denn deren Ende ist jetzt tatsächlich gekommen: Die Finanzierung der Studie läuft am 31. Juli aus. Er meint die Corona-Pandemie und die steigenden Inzidenzen, die derzeit vielen Epidemiologen und Politikern die Sorgenfalten auf die Stirn treiben.

Die Zahl der Infizierten nimmt wieder zu, die Ausbreitung der hochansteckenden Delta-Variante ist nicht aufhaltbar. Die Gurgeltests via Poolverfahren, die im Rahmen der Studie zuletzt nicht mehr nur am ursprünglichen Standort Erlangen und Erlangen-Höchstadt, sondern auch in Einrichtungen in Nürnberg, Fürth und den jeweiligen Landkreisen durchgeführt wurden, haben nach einer - wie Wagner sagt - "heißen Phase" zwischen Ostern und Pfingsten nach den Pfingstferien keine positiven Corona-Fälle mehr enthüllt. Bis vor zwei Tagen. "Wir hatten jetzt wieder den ersten positiven Fall im Pool", sagt der Unternehmer. Ein junger Erwachsener hatte sich infiziert.

Ansteckung früher erkannt

Dieser kann sich jedenfalls bei einem sicher sein: Durch die PCR-Pooltestung wurde die Ansteckung früher erkannt, als dies bei Antigen-Schnelltests der Fall gewesen wäre. Denn das ist ein wesentliches Ergebnis der Studie: Die , wie Andreas Burkovski, Professor für Mikrobiologie an der Universität Erlangen-Nürnberg, erklärt. Im Labor der Mikrobiologie wurden die Pools ausgewertet.

Die Virologie der Uniklinik in Erlangen unter der Laborleitung von Klaus Korn analysierte die Proben noch einmal nach und lieferte somit die medizinische Bestätigung der Werte.

Ganz konkret zeigte sich, dass in acht von neun Fällen, in denen der Gurgeltest ein positives Ergebnis - also eine Virenlast - anzeigte, ein zeitgleich durchgeführter Schnelltest negativ ausfiel. Der Gurgeltest spricht bereits einen Tag vor Symptombeginn an, der Antigen-Schnelltest mittels Teststäbchen erst einen Tag später. Damit macht der Gurgeltest die Zeit, die zwischen dem morgendlichen Gurgeln, dem Transport der Pools von den teilnehmenden Institutionen wie Schulen, Kindertagesstätten und Firmen zum Labor und dem Testergebnis, das am Nachmittag jeweils um 15 Uhr vorliegt, mehr als wett.

Pro Woche 12 000 Testungen

Knapp 180 000 Personentestungen wurden bei der Wicovir-Studie von Mitte Januar bis Ende Juli im Labor in Erlangen durchgeführt, pro Woche waren es zuletzt rund 12 000 Testungen. Etwa 6000 Personen aus Erlangen und dem Landkreis Erlangen-Höchstadt sowie jeweils aus einer Institution der angrenzenden Landkreise wurden pro Woche getestet. 44 Schulen und 35 Kindertagesstätten machten mit beim Pool-Testen.

Zwei weitere Labore, die sich in Lauf und in Nürnberg befinden, stiegen in diesem Zeitraum in die Studie mit ein. Hier wurden zusätzlich jeweils 3000 Tests pro Woche durchgeführt. "An allen Standorten zusammen haben wir rund eine halbe Million Personentestungen gemacht", fasst Thomas Wagner zusammen. "Das ist schon eine Nummer", schiebt er hinterher und ist dann doch ein bisschen stolz - vor allem, wenn er bedenkt, dass eine große Institution wie das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) in seinen Laboren die gleiche Anzahl von Proben untersucht hat.

Effiziente Zusammenarbeit

Die Grundlage des Erfolgs der Wicovir-Studie sieht Wagner darin, dass viele vorhandene lokale Partner eng und effizient zusammengearbeitet haben und vor allem, dass sich zahlreiche Ehrenamtliche mit großem Engagement eingebracht haben. Dazu gehören auch die Initiatorinnen einer Online-Petition, die sich für PCR-Pooltests für alle Kinder in Bayern einsetzt. Diese seien den bisher an den Schulen eingesetzten Antigen-Schnelltests überlegen. "Sie sind medizinisch sicherer, kindgerechter, ressourcenschonender und kostengünstiger", sagt Julia Schneider, eine der Initiatorinnen.

Dass dies so ist, ist mittlerweile offenbar in der Politik angekommen. Kultusminister Michael Piazolo hat angekündigt, dass PCR-Pooltests in den Grund- und Förderschulen die Schnelltests mittels Stäbchen ablösen sollen. Doch Kindertagesstätten und weiterführende Schulen sind - vorerst jedenfalls - weiterhin komplett außen vor. Und ohnehin wird es dauern, bis umgestellt werden kann, schließlich muss erst eine europaweite Ausschreibung stattfinden.

Labor der Firma Datev

Hier kommt nun für die Teilnehmer der Wicovir-Studie die Nürnberger Firma Datev ins Spiel. Denn diese hat vor einigen Monaten ein eigenes Labor eingerichtet. Dafür wurden eigens ein Hochseecontainer angeschafft und qualifiziertes Personal eingestellt.

Mit den PCR-Gurgelpools wolle man den eigenen Mitarbeitern das höchstmögliche Maß an Sicherheit bieten, sagt David Schöner, Leiter Facility Management und inzwischen auch Verantwortlicher für das Datev-Testlabor.

900 Datev-Mitarbeiter, die in Präsenz arbeiten, werden hier regelmäßig getestet, aber auch die Pools von Schulen, Kindertagesstätten und anderen Firmen. Letztere entrichten pro Test einen Unkostenbeitrag, Schulen und Kitas testet das Datev-Labor umsonst. "Wir wollen damit etwas gesellschaftlich Wertvolles und Sinnvolles tun", sagt David Schöner. Das Ziel sei, möglichst viele Menschen wohlbehalten durch die Pandemie zu bringen, und es sei ja klar, dass gerade für die Jüngeren und Jüngsten, die noch ohne Impfung unterwegs sind, die Testungen ab Herbst besonders wichtig seien.

Schulen und Kitas nehmen kostenloses Angebot an

89 Einrichtungen aus Erlangen haben sich bereits entschlossen, das Testangebot der Datev anzunehmen - 24 KiTas, 27 Schulen, darunter acht weiterführende Schulen, elf Lehrstühle der Friedrich-Alexander-Universität sowie 27 Firmen. Insgesamt 423 Pools werden künftig nach Nürnberg geschickt.

Die Studie Wicovir aber wird bald Geschichte sein. Mit einigen Lerneffekten, denn sie konnte dazu beitragen, die Sinnhaftigkeit von PCR-Pooltests nachzuweisen. Ein hübscher kleiner Nebeneffekt ist, dass sie am Ende sogar weniger kostet. Von den 350 000 Euro Fördermitteln, die man in Erlangen erhalten hat, werde man voraussichtlich nur 250 000 Euro brauchen. Ein bis zwei Euro kostet die Auswertung eines Pools. Somit ist das Verfahren weitaus kostengünstiger als Stäbchentests. Und ein weiterer Aspekt kommt hinzu: "Wir haben hier jede Woche eine große Tonne mit Plastikmüll der Tests", sagt eine Schulleiterin. "Das gefällt uns nicht."