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Erlangen: Gymnasium Fridericianum wird 275

Eine Schule mit einer bewegten Geschichte - 15.07.2020 06:00 Uhr

Ab 1879 befand sich das Fridericianum neben der Universitätsbibliothek in der Oberen Karlstraße.

13.07.2020 © Stadtarchiv Erlangen


Sollten Schulen das Bedürfnis verspüren, auf sich stolz zu sein – das von seinen Lehrern und Schülern liebevoll "Frizzi" genannte Gymnasium Fridericianum hätte allen Grund dazu. Etwa auf sein hohes Alter von 275 Jahren, das man dem 1968 in der Sebaldussiedlung im Osten der Stadt an der Sebaldusstraße 37 bezogenen zweigeschossigen zeittypischen Schulzweckbau allerdings nicht ansieht. Am 14. Juli 1745 wurde es von Markgraf Friedrich aus einer bis 1716 zurückreichenden Wurzel als "Gymnasium illustre" gestiftet, das heißt als Einrichtung, die junge Männer in die Lage versetzen sollte, an der benachbarten, 1743 gegründeten Universität ein Studium aufzunehmen. 1919 wurden erstmals Mädchen aufgenommen.

Das Gymnasium befand sich zunächst in den Gebäuden der Universität am Hugenottenplatz zur Apothekergasse hin. 1828 zog es in das sogenannte Lange Haus (ehemaliger Marstall, Theaterstraße 3, nahe Markgrafentheater und Redoutensaal) um, bevor es 1879 einen auf dem ehemaligen Reformierten Friedhof errichteten, für Erlanger Verhältnisse repräsentativen Neubau erhielt. Dieser musste fast 100 Jahre später der neuen Universitätsbibliothek weichen und so befindet sich das (seit 1950) "Gymnasium Fridericianum" heute, rekordverdächtig, mit seinem vierten Namen an seinem vierten Standort.

Dort, wo heute die Uni-Bibliothek steht, befand sich einst das Fridericianum.

13.07.2020 © Edgar Pfrogner


Als – seit 1891 – "Humanistisches Gymnasium" ist es heute eine der wenigen reinen Schulen dieser Richtung in Bayern. Seit 1999 bietet es den Zweig eines europäischen Gymnasiums mit Betonung moderner Fremdsprachen und Naturwissenschaften an.

Viele der bis heute 28 Schulleiter haben sich durch besondere Leistungen ausgezeichnet. Ein Aushängeschild sind namhafte ehemalige Schüler, wie der Physiker Georg Simon Ohm (1789-1854), der erste jüdische Landtagsabgeordnete in Bayern, David Morgenstern (1814-1882), der Schriftsteller Ernst Penzoldt (1892-1955), die Schauspielerin Elke Sommer (* 1940), der ehemalige Siemens-Vorstand Heinrich von Pierer (*1941), der Sänger Michael Holm (*1943), der evangelische Landesbischof Johannes Friedrich (*1948), Karlheinz Brandenburg (*1954), einer der Väter des mp3-Verfahrens zur Audiodatenkompression, der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (*1956) oder der olympische Medaillengewinner im Hürdenlauf, Florian Schwarthoff (*1968).

Streifzug durchs Schulleben: Aus dem Unterricht im Oktober 1954, vom Umzug 1968 (unten li.) und beim Abriss 1970.

13.07.2020 © Foto: Stadtarchiv


Als Humanistisches Gymnasium hat die kleinste der heutigen Erlanger höheren Schulen den besonderen Anspruch, nicht "nur" Faktenwissen zu vermitteln. Latein wird als "gemeinsame Muttersprache Europas" gepflegt, Griechisch "als Schlüssel zum Verständnis europäischer Geschichte, Philosophie und Kultur": "So werden individuelles Selbstver-ständnis und differenzierte Denkweisen der Europäer aus den Wurzeln der Antike erschlossen und der Blick für ein modernes, tolerantes Europa geschärft (‚Schule ohne Rassismus‘)".

Umzug ins neue Gebäude 1968.

13.07.2020 © Stadtarchiv Erlangen


Diese Haltung ist nicht zuletzt eine Lehre aus der eigenen Geschichte, die auch hier "braune" Flecken aufweist. Nach dem Ersten Weltkrieg wollte man sich der allgemeinen Militarisierung nicht entziehen. In spä-teren Jahresberichten nannten die Lehrer ihre Orden und Auszeichnungen. Nachdem der Rektor Dr. Bullemer wegen "Hochverrats" denunziert und abgelöst war, wurden systemtreue Nationalsozialisten als Leiter eingesetzt und die humanistischen Ideale verraten.

Am Tag nach dem Pogrom gegen die Juden am 9./10. November 1938 forderte der Turnlehrer bei einem Appell die Schüler dazu auf, "immer der Blutzeugen Deutschlands zu gedenken, immer die Juden und alles Jüdische zu hassen und zu verabscheuen", wenig später verwies man die letzte jüdische Schülerin von der Schule. Der Altphilologe Hermann Hornung, ein Freund des Gauleiters Julius Streicher, war übler Antisemit und denunzierte Kollegen sowie als Freimaurer verdächtige Mitmenschen bei der Gestapo. Im Ersten Weltkrieg fielen ein Lehrer und 36 Schüler , im Zweiten Weltkrieg sechs Lehrer und 121 Schüler.

Der Abriss 1970

13.07.2020 © Stadtarchiv


Um 1985 begann die Schule aus eigenem Antrieb, sich ohne Berüh-rungsängste, aber auch ohne falsche Dramatisierung oder Schuldzuweisung, mit diesem so wenig stolzen Kapitel ihrer Geschichte zu beschäftigen. Heute hat sie alle gesellschaftlichen Veränderungen von der 68er Revolution über die Ein- und Ausführung des achtjährigen Gymnasiums bis zur Digitalisierung mitgemacht, Wesentliches übernommen sowie Jugendfrische und den eigenen Charakter bewahrt.

 

Andreas Jakob

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