Steigende Infektionszahlen

Erlanger Intensivpfleger auf Covid-Station: "Mit Wut im Bauch kann man nicht pflegen"

Sharon Chaffin
Sharon Chaffin

Redakteurin Erlanger Nachrichten

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3.12.2021, 11:00 Uhr
Der Intensivpfleger Gerald Hohmann arbeitet im Universitätsklinikum Erlangen auf einer Covid-Station. 

Der Intensivpfleger Gerald Hohmann arbeitet im Universitätsklinikum Erlangen auf einer Covid-Station.  © e-arc-tmp-20211119_103437-2.jpg, NN

Ein bisschen hat Gerald Hohmann noch frei. Dann ist der Intensivkrankenpfleger wieder an seinem Arbeitsplatz - auf einer Covid-Station des Universitätsklinikums Erlangen (UKER). Einige Schichten hatte der 54-Jährige jetzt frei. Eigentlich waren es nur ein paar Tage, doch an diesen hat sich mit dem Anstieg der Corona-Patienten im Krankenhaus wieder dramatisch viel verändert, oder genauer, verschlechtert. Das weiß der Pfleger nicht nur aus der Zeitung, sondern von seinen Kollegen, mit denen er im regelmäßigen WhatsApp- und Telefonkontakt steht.

Auch Corona-Patienten mit Autoimmunerkrankungen

Doch schon vor seinem Urlaub, noch im Oktober, hat Hohmann wieder mehr Corona-Kranke gesehen und behandelt. "Es waren Jüngere", sagt er. Zu dem Zeitpunkt sind auch die ersten Ungeimpften in die Uniklinik gekommen, berichtet er, und fügt hinzu: "Man muss es klar und deutlich machen: Es sind auch Patienten, die zum Beispiel eine Autoimmunerkrankung wie Lupus haben und bei der Impfung zu wenige Antikörper gebildet haben." Eine Impfung, betont er, schütze zwar nicht völlig vor Ansteckung, aber doch vor einem schweren Verlauf.

Nicht nur er hat die zunehmenden Infektionen und damit auch die ansteigenden Patientenzahlen bemerkt, sondern auch seine Ehefrau. Die 49-Jährige ist ebenfalls Krankenschwester im Uni-Klinikum - und hat, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie Gerald Hohmann, mit Covid-Patienten zu tun. Petra Hohmann arbeitet auf der Knochenmarktransplantations-Station, auch hier sieht sie, wie sie sagt, unter "unseren Patienten" wieder verstärkt Covid-Kranke. "Zu sehen, wie auf der Station meines Mannes die Patientenzahlen wieder zunehmen und er mitten im Brennpunkt des Geschehens steht, macht mich wütend und ängstlich zugleich", erzählt sie am Telefon und man hört das Seufzen durch den Hörer, "dass das jetzt alles wieder losgeht".

Was das "wieder losgeht" im schlimmsten Fall heißt, weiß das Ehepaar aus Wichsenstein im Landkreis Forchheim nur zu gut. Fast genau vor einem Jahr waren beide selbst mit Sars-CoV-2 infiziert, Gerald Hohmann hatte sich wahrscheinlich bei seiner Arbeit mit den Patienten infiziert.

Angst, an dem Virus zu erkranken, hat und hatte Hohmann dennoch nie. Auch heute nicht, da er vor einigen Monaten am eigenen Leib erlebt hat, wie es ist, wenn von einer Minute auf die nächste sprichwörtlich der Atem stockt und man nur noch verzweifelt nach Luft schnappen kann. Aber er hat, das betont er immer wieder, Respekt vor der Krankheit. Als er gemerkt hat, dass die Corona-Zahlen wieder steigen, denkt er daher vor allem eines: "Ich muss mich schützen", sagt er, "es bleibt mir nichts anderes übrig", auch wenn er durch Infektion und Impfung "massig" Antikörper gebildet hat.

Aufhören kommt nicht in Frage

Aufhören kommt für beide nicht in Frage, auch wenn beide inzwischen in Teilzeit arbeiten. Sie sind seit vielen Jahren in ihrem Beruf, kennen das Universitätsklinikum in- und auswendig - und damit somit natürlich auch so manche, die den Beruf an den Nagel gehängt haben. Doch dazu mögen sie ihre Tätigkeiten zu gerne: "Die Krankenpflege ist unheimlich abwechslungsreich und hoch interessant", betonen beide, "das kann man gar nicht beschreiben."

Klar gebe es Kritikpunkte, und die benennen sie auch deutlich. Für die Belastung erhalte man seit Jahren eine nicht angemessene Besoldung und zu schlechte Bedingungen, das sei nicht erst seit der Pandemie so, das Virus habe die Missstände nur deutlich gemacht. "Beifall klatschen reicht nicht", sagt Gerald Hohmann, "das hat in und nach den vergangenen drei Wellen nicht gereicht und das reicht auch jetzt nicht". Um das zu bekräftigen, kann er sich durchaus vorstellen im Fall eines Falles bei einem möglichen nächsten Verdi-Streik während der stockenden Tarifverhandlungen mit zu demonstrieren. Seine Kolleginnen und Kollegen haben das in den vergangenen Wochen ja bereits getan.

Doch zuerst geht es für Intensivpfleger Gerald Hohmann zurück auf seine Covid-Station. Wenn er nach seinen freien Tagen wieder den Dienst antritt, werden die Betten noch voller und die Belastung noch größer sein. Was denkt und fühlt man angesichts ungeimpfter Patienten, die laut vorherrschender Expertenmeinung und valider Statistiken mit einer Immunisierung wahrscheinlich nicht stationär und schon gar nicht intensivstationär behandelt werden müssten?

"Politiker werden manchmal mehr gehört als Wissenschaftler"

Hohmann lässt sich bei der Frage nicht zu Gefühlsausbrüchen drängen, er bleibt nüchtern, und will das nicht kommentieren. Er ist zu lange in dem Beruf, er weiß: "Natürlich hat man auch mal Wut, aber die muss daheim bleiben, denn mit Wut im Bauch einen Kranken zu pflegen, ist nicht gut, das ist Aggression in der Pflege."

Deshalb sagt er nur so viel: "Das Problem ist, dass auf Politiker manchmal mehr gehört wird als auf Wissenschaftler, die Volksvertreter versuchen oft, den Laden mit Spielen für das Volk am Laufen zu halten, indem sie Fußballstadien für tausende Menschen öffnen und sich dann wundern, dass die Engländer, die sich um den Hals gefallen sind, infiziert sind." Hohmann wundert sich über den Anstieg der Zahlen nicht, wenn Feste gefeiert und Veranstaltungen ermöglicht werden. Da schüttelt der Intensiv- und Fachpfleger nur den Kopf.

Was ist nach fast zwei Jahren Pandemie anders?

Was ist jetzt nach fast zwei Jahren Pandemie für den Pflege-Fachmann anders? "Der Verlauf ist oft verheerender", sagt er. Aber er fühlt sich durch die ersten Wellen besser gewappnet: "Man weiß, was kommt und kann besser darauf reagieren, sagt er professionell.

Genauso professionell wird er in wenigen Tagen wieder auf der Covid-Station stehen und sich um die Kranken kümmern. "Der Patient kommt, hat wahrscheinlich schon eine Sauerstoffflasche an, oft noch keine offensichtliche Atemnot, aber eine schlechte Sauerstoffsättigung im Blut, dann klären wir ihn auf und sagen zu ihm, wir werden Sie jetzt in einen künstlichen Schlaf stecken und Ihnen einen Tubus in den Mund stecken, dann werden wir Sie beatmen und in die Bauchlage bringen." Und dann? "Und dann", antwortet Hohmann, "warten wir ab".