Samstag, 28.11.2020

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Für mehr Klimaschutz: Erlangen-Höchstadt geht voran

Die zwei Klimaschutzbeauftragten erläutern Ziele und Maßnahmen - 22.10.2020 19:00 Uhr

Symbolbild

01.03.2011 © Colourbox


Frau Saul, Herr Rebitzer, Erlangen hat den Klimanotstand ausgerufen und will das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens erreichen. Was will der Landkreis?

Simon Rebitzer: Nach einem Beschluss des Kreistages sieht unser Klimaschutzkonzept eine Reduktion des Ausstoßes von Kohlendioxid um 55 Prozent bis 2030 gegenüber 2010 vor. Das kommt etwa dem Ziel der Bundesregierung einer Klimaneutralität 2050 nahe. Aus der Wissenschaft weiß man inzwischen, dass das bereits überholt ist und eigentlich nachgeschärft werden müsste.

Welche Maßnahmen umfasst das Konzept?

Ulrike Saul: Es gibt verschiedene Maßnahmen im Bereich Strom, Wärme und Verkehr, die alle dazu beitragen sollen, unser CO2-Ziel bis 2030 zu erreichen. Es gibt dabei auch Untermaßnahmen wie den Ausbau Erneuerbarer Energien. Wir haben im Landkreis grundsätzlich das Potenzial, doppelt so viel an erneuerbarem Strom zu erzeugen, wie wir verbrauchen. Wir haben also, verglichen mit der Stadt Erlangen, in dem Bereich Überschüsse. Jeweils durch Einsparung und Ausbau von Erneuerbaren Energien sollen die bisherigen Emissionen im Stromsektor vollständig eingespart werden, im Wärmebereich sollen die Emissionen um 50 Prozent sinken, beim Verkehr um 38 Prozent.

Wie wollen Sie den Verkehr reduzieren?

Rebitzer: Der Landkreis will wie in den vergangenen Jahren den ÖPNV weiterhin stärken. Parallel dazu lassen wir ein Elektromobilitäts- und ein Radverkehrskonzept erstellen, bei dem es darum geht, andere Verkehrsträger zu stärken beziehungsweise zu anderen Technologien zu wechseln. Die Prämisse müsste auch sein, Autos von der Straße zu bekommen. Da spielt auch die Siedlungsentwicklung mit hinein. Kurze Wege schaffen, Mobilität erst einmal vermeiden, so gut, wie es geht.

Wie schwierig ist es gerade im Landkreis mit großen Entfernungen, die Menschen zum Umstieg vom Auto auf Öffentliche zu überzeugen?

Saul: Das ist total schwierig. Wir brauchen dazu bundesweit andere politische Rahmenbedingungen, die zum verstärkten Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel und zugleich auch zur Vermeidung von Mobilität generell beitragen. Das Home Office ist da schon ein gute Möglichkeit. Aber auch das Teilen eines Autos, also Car Sharing, ist eine Alternative. Zudem gibt es noch Fortbewegungsmittel wie E-Bikes oder Elektro-Motorroller.

Rebitzer: Die Elektrifizierung von Bussen lassen wir zwar punktuell untersuchen, aber es ist nicht abzusehen, dass in einem Flächenlandkreis E-Busse eingesetzt werden, weil es derzeit unwirtschaftlich ist.

Wo sehen Sie Leuchtturmprojekte?

Die beiden Klimaschutzbeauftragten des Landkreises Erlangen-Höchstadt, Ulrike Saul (37) und Simon Rebitzer (34), teilen sich zu jeweils 50 Prozent eine Stelle. Die Politikwissenschaftlerin ist seit 2013 beim Landkreis angestellt, der Umweltingenieur seit 2017. Saul stammt ursprünglich aus dem Harz, Rebitzer ist in Nürnberg geboren und in der Oberpfalz aufgewachsen.

21.10.2020 © Harald Hofmann


Saul: Eine Gemeinde, die im Landkreis sehr fortschrittlich ist und viel macht, ist Bubenreuth. Die Gemeinde hat einen umfassenden Entwicklungsprozess gestartet, den wir auch begleitet haben, und bei dem es darum geht, zu schauen, in welche Richtung sich die unterschiedlichen Teile des Gemeindegebietes entwickeln sollen und wie diese auch zukünftig mit Energie versorgt werden können. Lohnt es sich, in Teilen der Gemeinde ein Nahwärmenetz aufzubauen? Dazu wurden Untersuchungen gemacht. Nun sind wir dabei, die Ergebnisse auszuwerten und in die nächste Phase zu gehen.

Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Rebitzer: Der Handlungsbedarf ist enorm. Beim CO2-Ausstoß machen Verkehr und Wärme einen Großteil aus, beim Strom ist der Anteil kleiner. Die Stromwende wurde ja extrem unterstützt, das merkt man auch im Landkreis, wenn man sich den Anteil EEG-vergüteter Anlagen anschaut, dann sieht man eine Verdoppelung seit 2012. Aber beim erneuerbaren Wärme-Anteil liegen wir bei etwa 16 Prozent, der Anteil wächst deutlich langsamer. Die Wärmewende ist das schwierigere, zudem hat man politisch dafür in der Vergangenheit zu wenig getan.

Saul: Von unserem Landkreis-Ziel minus-55-Prozent bis 2030 sind wir noch weit entfernt.

Der Landkreis hat bei den Öffentlichen viel getan, etwa neue Buslinien geschaffen oder die Taktzahl erhöht.

Rebitzer: Ja. Der Landkreis begrüßt auch das 365-Euro-Ticket. Es gibt aber auch Stimmen, die sagen, der Preis alleine wird es nicht richten. Man muss es austesten. Dazu lässt Corona viele zum Auto greifen.

Saul: Der Fahrzeugbestand ist extrem hoch und auch die Zahl der Kilometer sind ungebrochen hoch. Im Wärmbereich ist es ein ähnliches Bild: Ein Großteil der fossilen Heizungen werden durch fossile Heizungen ersetzt, die dann 25 Jahre im Keller stehen und CO2 ausstoßen.

Bei der StUB haben die Gemeinden selbst gesagt, dass sie dabei sein wollen. 

Saul: Es ist sehr wichtig, dass auch die Gemeinden des Ost-Astes sich dem Projekt anschließen wollen. Das kommt zum einen Landkreis-Orten wie Uttenreuth oder Buckenhof zugute, aber auch der Stadt Erlangen. Die täglichen Pendlerströme sieht man zum Beispiel in der Drausnickstraße.

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Viele Gemeinden nehmen den Klimaschutz ernst. Ist es ein Glücksfall, dass viele Orte im Landkreis viel machen?

Saul: Es ist sehr wichtig, dass es das gibt. Im Grunde genommen bräuchte es in jeder Gemeinde einen Kümmerer vor Ort, der oder die die Sachen in die Hand nimmt und wir uns da gegenseitig unterstützen.

Rebitzer: Das ist auf jeden Fall hilfreich, und zwar auf allen Ebenen. Es gibt auch viele entsprechende Arbeitskreise in den Kommunen, die extrem wichtig sind. Denn meist kennen sie den Bürgermeister und arbeiten eng mit ihm zusammen.

Wie wichtig ist die Kooperation zwischen Stadt und Landkreis in dem Bereich?

Rebitzer: Die Zusammenarbeit zwischen Erlangen und Erlangen-Höchstadt ist sehr wichtig. Die Stadt braucht Energie, wir haben Überschüsse, andererseits entstehen in den Städten Innovationen, technologisch und sozial gesehen, die wieder diffundieren können ins Umland. Wir hängen außerdem mit unseren Klimazielen am Klimapakt der Europäischen Metropolregion Nürnberg und da ist ja der Großraum Nürnberg ein zentrales Thema. Dabei überlegt man sich auch, wie man die Verkehrswende schafft – und das gelingt nur, wenn Städte und Landkreise an einem Strang ziehen.

 

INTERVIEW: SHARON CHAFFIN

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