Gleichermaßen Pianist und Poet

27.3.2019, 18:51 Uhr

Tzimon Barto, der sich als Pianist und Poet gleichermaßen versteht, spielte voller Engagement bei seinem Erlanger Debut zuerst Franz Schuberts Klaviersontate in G-Dur, die schon Zeitgenossen eher als eine Fantasie für Klavier bezeichnet haben, weil bereits im ersten Satz ein streng durchkomponiertes Sonatenschema kaum erkennbar ist. In diesem Werk, das 1826, zwei Jahre vor Schuberts Tod, entstand, gelang es dem leger und unprätentiös auftretenden Künstler die stimmungsvolle, melancholische, aber auch dramatische Musik dieses Großmeisters der Romantik, den Zuhörern mit einer tiefsinnigen und zugleich temperamentvollen Interpretation eindringlich zu vermitteln.

Den aus drei Themen bestehenden, geradezu in epischer Breite angelegten Kopfsatz und die abwechslungsreiche Durchführung mit der Zusammenballung von Akkorden am Schluss gestaltete dieser international erfolgreiche Pianist aus den USA vorzüglich. Die Art und Weise, wie er durch sein pointiertes, transparentes Spiel die komplexe Struktur dieses Satzes verdeutlichen konnte, das war ganz hervorragend.

Auch das folgende liedhafte Andante und danach ein kraftvoll auftrumpfendes Menuett mit einem Trio in Ländlerform, all das bot Tzimon Barto in gleicher Weise souverän und voller Emphase dar. Ein Rondo, das thematisch an den Eröfnungssatz anklingt und in dem eine wunderschöne Kantilene im Mittelteil auftaucht, beendete den ersten Teil des Konzerts, in dem dieser bravourös aufspielende Virtuose eine hervorragende "Schubertiade" bot.

Pointiert und ergreifend

Robert Schumanns Klavierzyklus "Kreisleriana" kann als die musikalische Physiognomie eines romantischen Künstlers schlechthin gelten, die der berühmte Autor E.T.A.Hoffmann mit der Figur des launisch-exzentrischen, aber phantasie- und geistvollen Kapellmeister Kreisler kreiert hatte und der sich Schumann so verbunden fühlte, dass er sich mit dieser literarischen Gestalt musikalisch geradezu identifizierte.

Er ließ sie in seinen acht hochvirtuosen, und musikalisch tiefsinnigen "Fantasien" in einer Weise so lebendig werden, dass diese pianistischen Meisterwerke in ihrer Expressivität und Melodik zu einem Höhepunkt romantischer Klaviermusik überhaupt gerieten.

Interpret und Lyriker Tzimon Barto, ein Musik-Gestalter und Literatur-Schaffender in "Personalunion", der mit seiner subtilen, ausdrucksstarken und technisch hervorragenden Darbietung das Publikum faszinierte, spielte alle acht Sätze dieses genialen Werkes so hingebungsvoll, dass die Zuhörer begeistert applaudierten. Schon seine beeindruckende Virtuosität beim furiosen Beginn und im folgenden, als sehr innig deklarierten zweiten Satz, allein das bewies auf überzeugende Weise, wie differenziert der Interpret Barto diese höchst komplexen "Fantasien" Schumanns, was Aussagekraft und Technik anbelangt, zu gestalten versteht.

Besonders auffallend war, wie pointiert und ergreifend er die Melodik in den Mittelstimmen der einzelnen Sätze gestaltete. Auch die sehr subtile, ausdrucksstarke Anschlagstechnik — die charakteristisch für das Spiel von Barto in allen Sätzen war —, trug wesentlich dazu bei, dass die "Kreisleriana" Robert Schumanns, die der Komponist seinem Kollegen Chopin und der geliebten Clara Wieck gewidmet hatte, vom Publikum an diesem GVE-Abend in der Heinrich-Lades-Halle mit großem Beifall honoriert wurde.

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