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Islamunterricht wird in Erlangen positiv beurteilt

Werner-von-Siemens-Realschule: Gut für Integration und Wertebildung - 19.03.2019 11:00 Uhr

Die Erlanger Werner-von-Siemens-Realschule ist eine der 350 Schulen, an denen der „Modellversuch Islamunterricht“ durchgeführt wird. Lehrer Amin Rochdi unterrichtete neben anderen Fächern auch in diesem Bereich. © Archivfoto: Harald Sippel


Ende Juli läuft der Modellversuch nach zehn Jahren aus. Wie es weitergeht, weiß an den Schulen momentan keiner. Das Kultusministerium will das Ergebnis einer Evaluation abwarten. Fest steht aber längst: An den Schulen wird das Modell äußerst positiv beurteilt. So wie an der Werner-von-Siemens-Realschule in Erlangen.

Wenn Claudia Böhmetzrieder auf Amin Rochdi zu sprechen kommt, wird sie wehmütig. Denn Amin Rochdi ist weg. Zum Ende des vorletzten Schuljahres hat der Lehrer die Schule verlassen. Die Leiterin der Werner-von-Siemens-Realschule bedauert dies außerordentlich. Mit Amin Rochdi hatte sie im Schulhaus einen Lehrer für den Islamunterricht, der außerdem auch andere Fächer unterrichtete. Darüber hinaus war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Friedrich-Alexander-Universität tätig. Er bildete angehende Lehrer im Erweiterungsfach Islamische Religionslehre aus.

Lehrer wissen oft nicht, wie lange sie arbeiten

Das Thema "Islamunterricht" macht der Schulleiterin zurzeit schwer zu schaffen. Oder vielmehr: die Ungewissheit, wie es weitergehen wird. "Jeder siebte Schüler an unserer Schule ist muslimisch", sagt sie. "Solange Herr Rochdi da war, waren fast alle im Islamunterricht. Er war ein sehr großer Integrationsfaktor, und er fehlt uns jetzt sehr."

Zwei Lehrkräfte, die ihre Stammschulen in Nürnberg haben — die Geschwister-Scholl- und die Peter-Henlein-Realschule — , kommen in diesem Schuljahr immer montags und donnerstags ausschließlich für den Islamunterricht an die Werner-von-Siemens-Realschule. Sie wurden, so sagt Claudia Böhmetzrieder, unter anderem auch von Amin Rochdi an der FAU auf ihre Aufgabe vorbereitet.

Ein gleichwertiger Ersatz für den schuleigenen Lehrer sind sie in Böhmetzrieders Augen aber nicht, auch wenn die Schulleiterin damit deren Fähigkeiten keineswegs schmälern will. Aber es sei eben doch etwas anderes, wenn ein Lehrer nicht nur im Religionsunterricht, sondern auch in anderen Fächern wie Deutsch oder Geschichte präsent sei. "Amin Rochdi war drei Tage in der Woche an unserer Schule", sagt die Rektorin. "Und er war ein sehr gutes Vorbild. Er hat den Schülern gezeigt, dass beides möglich ist: Dass ich sehr gut integriert sein kann und gleichzeitig ein gläubiger Moslem."

Dadurch sei es auch gelungen, die Eltern mit ins Schulleben hereinzubekommen. "Es ist so wesentlich für uns, dass sie mit drin sind", sagt Claudia Böhmetzrieder. Und spricht dann höchstes Lob aus. "Herr Rochdi hat überall Furore gemacht", erklärt sie.

Die Frage sei drängend, wie es künftig weitergeht nach dem Ende des Modellversuchs, der seit knapp zehn Jahren an 350 Schulen in Bayern läuft und sich in der Praxis so hervorragend bewährt hat. Muslimischen Schülern werden in diesem Rahmen wichtige Inhalte über ihre Religion, aber auch über die anderen Religionen — insbesondere das Christentum — vermittelt, erteilt wird der Unterricht von Lehrern, die an einer deutschen Universität ausgebildet wurden, die Unterrichtssprache ist Deutsch.


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Der Modellversuch basiert auf dem "Erlanger Modell", entwickelt in Erlangen mit der Christlich-Islamischen Arbeitsgemeinschaft, auch die Friedrich-Alexander-Universität saß mit im Boot, der Lehrplan wurde schließlich zusammen mit dem Kultusministerium entwickelt. Bereits vor fünf Jahren gab es eine Evaluierung, danach eine Verlängerung. Diese läuft Ende Juli aus.

Während FDP, SPD, Grüne sowie der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband unlängst ein Regelangebot forderten, verlangt die AfD die Abschaffung des Islamunterrichts. Im Februar wurden im Landtag mehrere Dringlichkeitsanträge diskutiert und mehrheitlich abgelehnt.

Wann das Ergebnis einer neuerlichen Evaluation vorliegen wird, lasse sich noch nicht sagen, hieß es kurz danach im Ministerium für Unterricht und Kultus auf EN-Anfrage. "Wir streben eine möglichst zeitnahe Entscheidung an." Wichtig werde bei der Bewertung sein, "vor allem zu prüfen, ob der Unterricht seine integrativen und wertebildenden Ziele erreicht".

Weiter heißt es: "In staatlicher Verantwortung und in deutscher Sprache wird den Schülerinnen und Schülern Wissen über den Islam sowie über die Werteordnung des Grundgesetzes und der Bayerischen Verfassung vermittelt." Der letzte Punkt sei Kultusminister Michael Piazolo besonders wichtig. Persönlich stehe er dem Islamischen Unterricht positiv gegenüber, ist aus dem Kultusministerium zu vernehmen.

Der Islamunterricht ist kein Religionsunterricht

Der Islamunterricht ist kein Religionsunterricht, sondern eine Alternative zum Ethikunterricht. Religionsunterricht muss laut Verfassung in Abstimmung mit den betreffenden Religionsgemeinschaften durchgeführt werden, hier wurde in Bayern bislang jedoch keine Lösung gefunden.

In anderen Bundesländern wurden bereits tragfähige Lösungen gefunden, zuletzt in Baden-Württemberg. "Die Lehrer gehen in andere Bundesländer, weil nicht klar ist, wie und ob es in Bayern mit dem Islamunterricht weitergeht", klagt unterdessen Claudia Böhmetzrieder. In ihren Augen ist es längst an der Zeit, den Schritt vom Modellversuch zum Regelangebot zu machen.

Planungssicherheit gibt es für die Schulleitungen derzeit nicht. Auch "über 16 000 Schüler in Bayern wissen nicht, ob sie darauf bauen können", sagt der Erlanger Landtagsabgeordnete und religionspolitische Sprecher der FDP, Matthias Fischbach. "Und die Lehrer, die oftmals nicht verbeamtet sind, sind noch krasser betroffen. Sie wissen nicht, ob sie im nächsten Schuljahr noch einen Job haben." 

EVA KETTLER

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