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Musik gegen Demenz: Kerstin Jaunich zeigt, wie das geht

Expertin nutzt die Emotionen, die Klänge vor allem bei alten Menschen auslösen - 13.09.2020 14:50 Uhr

2015 hat das Max-Planck-Institut nachgewiesen, dass das Langzeitgedächtnis für Musik erhalten bleibt, so dass zum Beispiel Menschen mit Alzheimer-Demenz auch bei fortschreitender Erkrankung noch über die musikalischen Erinnerungen erreichbar bleiben.

© Christoph Soeder/dpa


Haben Sie heute schon musiziert?
Heute Morgen habe ich in Gedanken gesungen, weil ich die nächsten Musikstunden in der Tagespflege und im Altenheim in Neunkirchen vorbereitet habe.

Welche Rolle nehmen Klänge in Ihrem Leben ein?
Ich mag Klänge am liebsten exklusiv, also nicht als Hintergrundmusik. Die Vielfalt der elektronischen und vom Computer genierten Klänge in der Neuen Musik fasziniert mich ebenso wie das Vogelgezwitscher am Morgen oder ein plätschernder Bach. Ich liebe das Gefühl, in Gemeinschaft mit anderen im Einklang zu singen oder ein Instrument zu spielen... Wenn ich an Menschen denke, die ich mag, dann stelle ich mir gerne ihre Stimmen und ihr Lachen vor.

Warum hat Musik so einen großen Einfluss auf viele von uns?
Weil Musik Emotionen hervorruft, die oft sehr stark sein können, egal ob wir einen Musikstil lieben oder hassen. Jeder kennt das: Wir hören ein Lied und verbinden den Klang mit einer Situation in unserem Leben oder mit einer bestimmten Person.

Spielt Musik im Leben älterer Menschen eine andere Rolle? Wie sind Ihre Erfahrungen? Was sagen Studien?
Das ist bei älteren Menschen wahrscheinlich sogar noch stärker, weil sie über langjährige musikalische Erfahrungen verfügen. Gerade bei demenziellen Veränderungen im Alter kann Musik der Schlüssel sein, um ganze Erinnerungsinseln freizusetzen. 

Die Musikpädagogin Kerstin Jaunich ais Neunkirchen am Brand.

© privat



2015 hat das Max-Planck-Institut nachgewiesen, dass das Langzeitgedächtnis für Musik erhalten bleibt, so dass zum Beispiel Menschen mit Alzheimer-Demenz auch bei fortschreitender Erkrankung noch über die musikalischen Erinnerungen erreichbar bleiben.
Es geht aber nicht nur darum, die positiven Wirkungen von Musik im Alter zahlenmäßig zu belegen, sondern auch um die Lebensfreude. 

Wie setzen Sie diese Erkenntnisse in Ihrer Arbeit um?
Bei meinem Instrumentalunterricht mit Erwachsenen beziehungsweise mit Senioren frage ich nicht nach Vorkenntnissen oder Krankheiten. Ich orientiere mich stattdessen immer an der Musikbiografie der Menschen und schaue, was möglich ist, welche Musik sie lieben und was sie lernen und erleben möchten. 
In den Gruppenstunden in Einrichtungen der Altenhilfe ist es mir immer wichtig, dass auch Menschen dabei sind, die scheinbar nicht mehr viel wahrnehmen. Ich spüre durch ihre Blick und kleine Gesten, dass die Musik bei ihnen viel auslöst: Erinnerungen, Gefühle...

Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht? Gibt es konkrete Projekte, an denen Sie beteiligt sind oder waren?
In den letzten Monaten habe ich verstärkt an einem EU-Projekt zur Teilhabe an Bildung und Kultur mitgearbeitet: Die Geigenlehrerin Anke Feierabend hat 2019 ein Jahr lang eine an Demenz erkrankte Dame unterrichtet und alle Stunden auf Video aufgezeichnet. Aus diesem Material habe ich rund 80 zwei- bis dreiminütige Filme erstellt, die verschiedenste Aspekte des Instrumentalunterrichts mit demenziell veränderten Menschen zeigen. 

Hier können Angehörige, Betreuungskräfte und alle Interessenten sehen, welche Chancen Musik gerade auch bei Demenz bietet. Wir möchten damit Instrumentallehrkräfte ermutigen, ihr Unterrichtsangebot zu erweitern und sich entsprechend weiterzubilden.

Wie offen sind Einrichtungen und Kommunen für Ihre Ideen?
Die allermeisten Leiter von Altenheimen und/oder Tagespflegen wissen inzwischen, welche positiven Wirkungen Musikangebote haben. In vielen Einrichtungen gibt es verschiedene musikalische Aktivitäten, und zum Glück gibt es auch von staatlicher Seite sowie von Stiftungen immer mehr Gelder und Förderprogramme dafür, dass Menschen auch im hohen Alter die Teilhabe an Bildung und Kultur ermöglicht wird.
In Neunkirchen am Brand erlebe ich überall große Bereitschaft, meine Ideen umzusetzen: die Einrichtungen der Altenhilfe, der Seniorenbeirat, die Kirchen.Alle setzen sich sehr für die Lebensqualität Älterer ein und sehen Musik dabei als wichtigen Bestandteil.
Und auch bei den Musikschulen wird das Unterrichtsangebot für Erwachsene und Senioren ausgebaut. Ich freue mich sehr, dass die Jugend- und Trachtenkapelle Neunkirchen am Brand auf meine Anfrage sofort offen reagiert hat und jetzt sogar den Unterricht für Erwachsene und Senioren ausdrücklich in ihr Angebot aufgenommen hat. Ich denke, das ist der richtige Weg in die Zukunft, denn Musik kennt kein Alter, und es ist nie zu spät, ein Instrument neu zu lernen oder wieder aus dem Keller hervorzuholen!
 

 

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