Synagoge Ermreuth gab es schon im 17. Jahrhundert

28.5.2016, 15:00 Uhr
Rajaa Nadler (li.) erläuterte den Besuchern am Museumstag die Kultgegenstände des Judentums.

Rajaa Nadler (li.) erläuterte den Besuchern am Museumstag die Kultgegenstände des Judentums. © Fotos: Scott Johnston

Als 1648 die Familie von Künsberg die Herrschaft in Ermreuth übernahm, siedelten sich wenig später die ersten Juden an. Die Zahl der Familien stieg kontinuierlich auf über 40 im Jahr 1840.

1738 baute die jüdische Gemeinde am Ortsrand die erste Synagoge mit einer Fachwerk-Konstruktion. In ihr wurde nicht nur der Gottesdienst gehalten, sondern auch Gemeindeangelegenheiten besprochen und vermutlich auch die Kinder unterrichtet.

Da sich die Gemeinschaft sukzessive vergrößerte, reichte der Platz gut acht Jahrzehnte später nicht mehr aus, so dass der alte Bau abgerissen und ein neuer aus ockerfarbenem Sandstein errichtet wurde. Eine Empore unterteilt den stilvoll ausgemalten Innenraum in einen Männer- und einen Frauenbereich.

Zentrales Element ist in der Mitte das Pult für die Toralesungen. Fünf Stufen führen zum Schrein für die Pergamentrolle mit den fünf Büchern Mose. Er ist in die Ostwand eingelassen, wird von einem ultramarinblauen Himmel mit goldenen Sternen gerahmt und von einem rubinroten, Vorhang bedeckt.

Von 1829 bis 1915 unterhielt die jüdische Gemeinde eine eigene Schule. In dem Gebäude befand sich auch die Mikwe, in der das rituelle Tauchbad vorgenommen wurde. Ein Schachthaus und jüdische Metzgereien existierten ebenfalls im Ort. Auf dem Heinbühl war 1711 ein Friedhof angelegt worden.

Die meisten Familienväter verdienten als Hausierer oder durch Vieh- und Hopfenhandel ihr Brot. Manche waren Bauern, andere hatten Läden für Stoffe und Spezereien oder arbeiteten als Metzgermeister, Seifensieder, Seilmacher, Buchbinder, Schneider, Bäcker, Musiker Weber, Gerber, Lehrer, Gemeindeschreiber oder Vorsänger.

Viele Auswanderer

Eine große Veränderung brachte das Gesetz zur Gleichberechtigung 1871, wodurch sich die Chancen für Juden auf dem Arbeitsmarkt erhöhten. Viele wanderten in die Großstädte ab oder verließen Deutschland vor allem in Richtung USA. 1933 wurde die für den Gottesdienst notwendige Zahl von zehn religiös mündigen Männern in Ermreuth nicht mehr erreicht.

Auch ein Kompendium mit Gebetbüchern gehört zum Bestand des Synagogen-Museums Ermreuth.

Auch ein Kompendium mit Gebetbüchern gehört zum Bestand des Synagogen-Museums Ermreuth.

Die grausame Verfolgung im Dritten Reich brachte endgültig das Aus für die jüdische Gemeinde. Wegen ihrer Lage inmitten von Wohnhäusern wurde die Synagoge in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 weder angezündet noch durch Sprengsätze beschädigt. Allerdings zerstörten die Nationalsozialisten die innere Ausstattung und verbrannten das bewegliche Gut außerhalb des Dorfes.

Die Torarollen bewahrten die Nazis einige Zeit im Ermreuther Schloss auf, bevor sie spurlos verschwanden. Bis 1945 stand die Synagoge die meiste Zeit leer, später wurde sie als Lager vornehmlich für landwirtschaftliche Produkte, Maschinen und Dünger benutzt.

Mitte der 1970er Jahre übernahm der Markt Neunkirchen das Gebäude. Nach der Sanierung entstand 1994 ein „Haus des Gebets, der Begegnung und Kultur“ mit einem Museum für jüdische Geschichte und Kultur in der Region.

Während der Erneuerung des Daches entdeckten Mitglieder des Neunkirchener Vereins für Kunst und Kultur die sogenannte Genisa, Kultgegenstände und andere Utensilien aus dem Leben der jüdischen Gemeinde. Diese sind heute ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung im Museum.

Auch Gebetsriemen

Unter anderem zählen dazu Gebetbücher und -riemen, Scheiben sowie Aufstecker für die Tora, ein Teil des Samtvorhangs und eine Ketubba, ein Vertrag, der die Pflichten des Ehemanns gegenüber seiner Gattin festhält. Zahlreiche Fotos und Informationstafeln runden neben Kissenbezügen und Textilien die Ausstellung ab.

Möglichst noch in diesem Jahr soll mit der Modernisierung des Museums begonnen werden. Vorgesehen ist hierbei auch eine Multimedia-Ausstattung mit Audio-Guide und Filmen. Museumsleiterin Dr. Rajaa Nadler hofft sehr, dass noch ein weiteres Gebäude hinzugewonnen werden kann, um dort nicht zuletzt das dringend benötigte Depot unterzubringen.

Geöffnet ist die Synagoge von April bis Oktober jeweils am dritten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr. Führungen finden an jedem ersten Sonntag im Monat um 15 Uhr oder nach Vereinbarung unter Telefon (0 91 34) 7 05 41 statt.

Weitere Informationen bietet die Homepage www.synagoge-museum-ermreuth.de

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