Tristesse in Bubenreuth: Was ist aus der Geigenbauersiedlung geworden?

25.4.2021, 12:03 Uhr

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Wie schön, wie idyllisch! Im Zentrum der Geigenbauersiedlung von Bubenreuth grünt und blüht ein romantischer kleiner Park, ein Wäldchen mit knorrigen Eichen. Der Eichplatz. Drumherum befinden sich Häuser und Geschäfte, in denen sich bequem einkaufen ließe. Das Idealbild einer Dorf-Versorgung und -kommunikation. Hier scheint die Welt noch in Ordnung.

Nein, ist sie nicht. Vorbei. Die Geschäfte haben geschlossen oder stehen leer, allein die Bäckerei hat noch offen – an drei Tagen in der Woche, nämlich Mittwoch, Freitag und Samstag. "Neben Brot gibt es dort noch Eier, Milch, Butter und Getränke", erzählt Klaus Haberrecker und ergänzt: "Am Samstag stehen dort die Leute Schlange."

Kleine Tour de Desolation

Haberrecker führt auf der kleinen Tour de Desolation durch die Siedlung. "Hier war einmal . . ." und "da stand einmal . . ." sind seine gebräuchlichsten Worte, wenn er zu erzählen anhebt. Und es gibt viel zu erzählen, denn Klaus Haberrecker wohnt seit Anfang der Achtziger Jahre in der Geigenbauersiedlung. Und erlebte mit, wie vieles wegbrach und nichts mehr nachkam. Zum Beispiel am Marienplatz: da gab es eine Sparkasse und einen Friseursalon. Schon lange weg.

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Am Ende der Frankenstraße steht ein renoviertes Wohnhaus mit auffällig tiefen Fenstern. Das sind die Schaufenster des vormaligen Tante-Emma-Ladens Langkammer. Dahinter befindet sich ein Acker, einst der Sportplatz. Der ist nun ganz an den Nordrand Bubenreuths verlegt. Man könnte einwenden, wer Sport treiben will, kann sich mit ein paar Kilometern Radfahren prima aufwärmen. "Schon", meint Haberrecker, "aber für kleine Kinder ist das dann doch zu weit. Die bringen ihre Eltern lieber selber hin."

"Früher war das Treffpunkt des Dorfes"

Rund um den Eichplatz sieht es nicht besser aus: In unmittelbarer Nähe, in der Elias-Placht-Straße, steht die L-förmige Gaststätte "Zum Geigenbauer". Heute wird dort nur noch gewohnt. "Früher nannte man dies ,Die Kantine‘", seufzt Haberrecker, "das war der Treffpunkt des Dorfes." Gleich daneben führte eine schmale Gasse hinunter zur Schönbacher Straße. "Da sind die Kinder früher mit dem Fahrrad oder zu Fuß hinunter. Jetzt ist der Weg gesperrt, und die Kinder müssen durch die steile Kurve der Birkenallee, wo die Autos durchrasen."

Am Ende dieser Gasse war ein kleiner Condi mit Metzgerei. "Der hat alles gehabt", meint Klaus Haberrecker. "Danach war eine Zeit lang der Schlecker drin, dann stand es leer, und jetzt ist da eine Firma für Bedachungen." Am Südrand des Eichplatzes gab es einen Zeitschriftenladen, der auch Wäsche und Schulbedarf im Sortiment führte. Heute ausgeräumt. Die Metzgerei Langkammer: geschlossen. Die Sparkasse: seit Ende Februar aufgegeben. Eine Kundin steht verdutzt vor dem geschlossenen Pforten. Ihre Reaktion lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Drei Kilometer zur nächsten Post

Die Tankstelle mit Reparaturbetrieb in der Birkenallee ist schon lange weg. Ein Toto-Lotto-Schild hält einsam Wacht am Zeitschriftenladen in der Birkenallee 86, wo die Postfiliale im nun aufgegebenen Laden "Natur und Schönes" untergebracht war. Seit dem 1. April befindet sich die Filiale im Rewe-Markt auf den Bruckwiesen. "Wenn ich mir früher ein Päckchen abholen musste, waren das für mich nur 500 Meter zu laufen", klagt Haberrecker. "Heute sind das knappe drei Kilometer."

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Was ist übrig von der Infrastruktur der Geigenbauersiedlung? Immerhin: eine Gemeinschaftspraxis für Allgemein-, Notfall- und Infektionsmedizin, eine Apotheke, ein Zahnarzt. Und besagte Bäckerei für drei Tage in der Woche.

"Alles, was gut, schön und praktisch war, wird abgeschafft."

Die Schließungen erfolgten sukzessive. Klaus Haberrecker saß von 1996 bis 2002 im Gemeinderat. "Mir ist schon damals aufgefallen, dass die Struktur runtergeht. Aber ich bin mit meinen Warnungen auf taube Ohren gestoßen. Mit Schuld daran war die schlechte Parkplatzsituation rund um den Eichplatz. Die Parkplätze der Sparkasse waren nur für Kunden reserviert. Und die Gehsteige waren zugeparkt, zur Freude der Radler und Fußgänger. Ein weiterer Todesstoß waren die Bruckwiesen. Wer auf der Bundesstraße unterwegs war, kaufte nun da ein, statt ins Dorf zu fahren."

Wer gut zu Fuß ist, Auto, Roller oder Fahrrad sein Eigen nennt und sich guter Gesundheit erfreut, kann sich im Einkaufszentrum Bruckwiesen versorgen. Wer all dies nicht (mehr) hat, hat das Nachsehen. Wie Anna Wunderlich in der Damaschkestraße. Die 83-Jährige stützt sich auf ihren Gehstock: "Früher habe ich mir alles noch selber besorgen können. Jetzt ist für mich alles zu weit. Wir in der Siedlung sind abgeschnitten. Alles, was gut, schön und praktisch war, wird abgeschafft."

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