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Von Franken zu den großen Rollen in Film und Theater

Antonia Bill wuchs in Effeltrich auf und machte in Spardorf Abitur - 06.01.2020 11:00 Uhr

Antonia Bill vor einem Bild von Christine Bockx, das sie als Kind (links) mit ihrer Schwester Katharina am Klavier zeigt.

© Scott Johnston


Auf ihre Rolle im neuen Franken-Tatort "Die Nacht gehört dir" hatte sich Antonia Bill unglaublich gefreut. Schließlich ist sie in Effeltrich aufgewachsen, hat in Spardorf Abitur gemacht und stand bereits als Zehnjährige mit ihrer Mutter, der bekannten Kabarettistin Claudia Bill, ihrer Schwester Katharina und ihrem Vater Ulrich regelmäßig auf der Bühne des Fifty-Fifty in Erlangen. Ihre Theaterleidenschaft hat sie dann später nicht nur auf der Kabarettbühne, sondern auch im Markgrafentheater bei Inszenierungen des Jugendclubs ausgelebt.

Doch mit dem Vergnügen, auch beruflich wieder einmal so richtig "fränkeln" zu dürfen, wurde leider nichts. Während einer turbulenten Szene bei einer Aufführung von Kleists "Amphitryon" auf der Bühne des Thalia-Theaters in Hamburg stolperte sie in der Rolle der temperamentvollen Charis und brach sich die Nase.

"Die körperlichen Schmerzen waren sekundär", erzählt sie. "Wenn man sich monatelang bei den Proben intensiv mit einer literarischen Figur auseinandersetzt, an den Feinheiten der Darstellung feilt und plötzlich nicht weiterspielen kann, ist das viel schlimmer." Bei Professor Heinrich Iro von der Erlanger Universitätsklinik war die gebürtige Münchenerin in besten Händen. "Man sieht zum Glück nicht mehr das Geringste. Die Nase schaut aus wie vorher. Für eine Schauspielerin ist das natürlich sehr wichtig", erläutert sie.

Von Claus Peymann entdeckt

Von 2008 bis 2012 studierte Antonia Bill an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin. Der renommierte Regisseur Claus Peymann wurde bereits in dieser Zeit auf sie aufmerksam und holte sie 2011 zum Berliner Ensemble, wo sie dann auch bei Inszenierungen von Luc Bondy, Katharina Thalbach, Robert Wilson und vor allem bei Projekten mit Leander Haußmann das Publikum begeisterte.

Von ihrer Traumrolle muss sie gar nicht mehr träumen. Haußmann wählte sie bei der Besetzung von Bert Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" für den zentralen Part aus. Alternierend agierte Antonia Bill als Shen Te, einer gutherzigen Prostituierten und späteren Besitzerin eines kleinen Tabakladens, und als skrupelloser Geschäftsmann Shui Ta.

Dieser ist nur die verkleidete Shen Te, die anders in einem kapitalistischen Umfeld nicht überleben kann. Die Doppelrolle war einer ihrer prägendsten Arbeiten, für die ihr — wie berichtet — unter anderem 2015 der Daphne-Preis der Theatergemeinde Berlin für besondere darstellerische Leistung verliehen wurde.

Als Shen Te alias Shui Ta war die heute 31-Jährige nahezu permanent auf der Bühne gefordert und musste zudem immer wieder zwischen den diametralen Persönlichkeiten wechseln. In dieser großen Herausforderung sah Antonia Bill gleichzeitig eine tolle Chance, zeigen zu können, was in ihr steckt.

Peymann war als Regisseur bekannt und durchaus berüchtigt dafür, dass er von den Mitgliedern des Ensembles das Äußerste abverlangte und mit ausgeprägtem Perfektionismus an einer Inszenierung arbeitete. Über den Humor fand die vielseitige Schauspielerin jedoch einen guten Draht zu ihm und brillierte bei den Aufführungen, wofür sie viel Applaus vom Publikum erhielt.

Ein beachtlicher Erfolg war auch der mehrfach ausgezeichnete Kinofilm "Die andere Heimat — Chronik einer Sehnsucht", in dem sie die weibliche Hauptrolle spielte. Antonia Bill mag die Abwechslung, liebt die Nähe zu den Zuschauern beim Theater genauso wie die Möglichkeiten der Filmarbeit, bei der in der Regel viel stärker eine realistische Darstellung angestrebt wird. An einem Hörspiel wiederum fasziniert sie die Notwendigkeit, allein mit der Stimme einen Charakter deutlich werden zu lassen.

Während ihrer festen Anstellung beim Berliner Ensemble absolvierte sie im Schnitt 24 Aufführungen im Monat. Jetzt arbeitet sie als freie Schauspielerin und kann bei recht unterschiedlichen Projekten mitmachen. "Diese Vielfalt schätze ich sehr. Traurige oder witzige Momente auszudrücken, reizt mich dabei gleichermaßen", hebt sie hervor.

Schwungvolle Stasi-Komödie

Neben dem Thalia-Theater tritt sie auch im Deutschen Theater und bei der Volksbühne in Berlin, wo sie wohnt, auf. Das Stück "Gertrud" nach Einar Schleef spielt Antonia Bill mit Almut Zilcher und Wolfram Koch unter der Regie von Jakob Fedler derzeit am Deutschen Theater. Geplant sind auch Gastspiele in verschiedenen deutschen Städten. Bei "Leander Haußmanns Stasi-Komödie", für die vor Kurzem Drehschluss war und die heuer bundesweit in die Kinos kommt, überzeugte sie an der Seite von David Kross, Jörg Schüttauf und Henry Hübchen.

Fantastisch wäre es für die 31-Jährige, auch mal nach Erlangen ins Markgrafentheater kommen zu können. Bei einem Film für den Hessischen Rundfunk, der innerhalb der Reihe Mittwochabendfilm demnächst in der ARD zu sehen sein wird und den Arbeitstitel "Sugar Babe" trägt, gehört sie ebenfalls zur Besetzung.

Gern hätte Antonia Bill mehr Zeit für Soloprogramme. Sie verfügt nämlich über eine facettenreiche Gesangsstimme und hat eine Vorliebe für Chansons. Für ihre Interpretation des "Kunstseidenen Mädchens" von Irmgard Keun erntete sie viel Lob.

Intensiv pflegt sie den Kontakt zu ihrer fränkischen Heimat, fachsimpelt mit ihrer Mutter, ihrem Vater und ihrer Schwester über Theater, Musik und Kleinkunst oder trifft sich mit den Freundinnen und Freunden aus den Erlanger und Spardorfer Tagen. Und vielleicht kann sie ja ein anderes Mal beim Dreh eines weiteren Franken-Tatorts mit dabei sein: "Das würde mir jede Menge Spaß bereiten."

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