Fall Peggy: Neue Zweifel an Ulvi Kulacs Schuld

5.5.2014, 17:29 Uhr
Ulvi Kulac (Mitte) zeigt seiner Betreuerin Gudrun Rödel Dankesbriefe, die er persönlich an seine Unterstützer verfasst hat, während sich sein Anwalt Michael Euler (links) mit einem weiteren Verteidiger bespricht.

Ulvi Kulac (Mitte) zeigt seiner Betreuerin Gudrun Rödel Dankesbriefe, die er persönlich an seine Unterstützer verfasst hat, während sich sein Anwalt Michael Euler (links) mit einem weiteren Verteidiger bespricht. © David Ebener/dpa

Am 7. Mai 2001 kam Peggy von der Schule nicht mehr nach Hause, seither gilt sie als vermisst. An jenem Tag, es war sein 51. Geburtstag, begann Ralf Behrendt zu ermitteln.

Er leitete damals die erste Soko, die nach der vermissten Neunjährigen fahndete - eine Mordermittlung ohne Tatort, Sachbeweise und Leichnam. Heute, so Ralf Behrendt an diesem vierten Verhandlungstag vor dem Landgericht Bayreuth, sei er noch nicht einmal sicher, ob Peggy Knobloch überhaupt getötet wurde.

Der Kriminalhauptkommissar ist mittlerweile pensioniert, am Dienstag feiert er seinen 66. Geburtstag. "Die große Frage für mich lautet, ob Peggy noch lebt oder nicht“, sagt er im Zeugenstand. Und: „Ich kann nicht einmal ausschließen, dass Frau Knobloch selbst mit dem Verschwinden ihrer Tochter zu tun hat“, sagt der Kommissar a. D., "denn ich weiß nicht, was passiert ist“.

Polizei ließ Kinderausweis für Peggy ausstellen

So "facettenreich“ und "vielfältig“ sei der Fall, dass nach Peggys Verschwinden selbst eine dubiose Nachricht auf das Handy von Susanne Knobloch und der Hinweis auf 50.000 Mark ("Das ist viel Geld, überlege es Dir“) nicht zum Tagesgespräch der Ermittler wurde.

Die Nachricht stammte von Susanne Knoblochs damaligem Lebensgefährten, dem Türken Erhan Ü. Sie waren schon ein "besonderes Paar“; erinnert sich Behrendt, "in dieser Beziehung gab es auch Gewalt“. Die Telefonate beider wurden damals überwacht, und in einem dieser Gespräche drohte Ü. an, dass er Peggys Schwester entführen und Susanne Knobloch umbringen würde.

Allein derartige Hinweise, die eine Entführung des Mädchens in die Türkei nahe legen, füllten bereits damals eine ganze Akte in dem umfangreichen Verfahren, ein Team von sechs bis acht Ermittlern folgte der Spur in die Türkei. Vor einer Reise an die türkische Mittelmeerküste ließ die Polizei sogar einen Kinderausweis für Peggy Knobloch ausstellen - um im Fall einer gemeinsamen Rückfahrt mit dem Kind auch Papiere zu haben, so Behrendt. Doch die Spur führte in eine Sackgasse.

Knobloch machte Soko auf Kulac aufmerksam

Susanne Knobloch habe die Soko I bereits kurz nach Peggys Verschwinden auf Kulac aufmerksam gemacht - denn der geistig behinderte Mann hatte sich immer wieder an kleinen Jungen sexuell vergriffen, seit September 2001 ist er deshalb in der Psychiatrie untergebracht.

Im April 2004 bestätigte das Landgericht Hof diese Vorwürfe und das damalige Urteil hält auch fest, dass er Peggy Knobloch vergewaltigte. Um sein dunkles Geheimnis zu wahren, so das erste Urteil gegen ihn, tötete er das Mädchen. Die Basis des Richterspruchs: Ein mehrfach widerrufenes Geständnis des geistig behinderten Ulvi Kulac.

Er wurde auf Grundlage eines Gutachtens zu seiner Glaubwürdigkeit verurteilt - dabei ist es das vornehmste Recht des Angeklagten, im Strafprozess zu schweigen. Selbst die Lüge ist gestattet. Doch Psychiater Hans-Ludwig Kröber kam zu dem Schluss, dass Kulacs Schilderungen wahr sind - und so wandte sich das Gutachten als Beweismittel gegen den Angeklagten.

"Merkwürdige" zeitliche Angaben von Kulac

Auch Ralf Behrendt ist bis heute überzeugt: "Das ist erlebte Geschichte, was der Angeklagte geschildert hat.“ Doch dies belege nicht zwangsläufig ein wahres Geständnis - ganz im Gegenteil. Kulac schilderte bereits früher in einem anderen Zusammenhang, dass Peggy einmal vor ihm ausgerissen und dabei hingefallen sei. Ein Erlebnis, das er später verwendete, um seinen angeblichen Mord anschaulich zu schildern.

"Merkwürdig“ fand der damalige Chefermittler auch die zeitlichen Angaben von Kulac, später fand er heraus, dass Kulac die Uhr nicht lesen konnte. Auch hatte der geistig-behinderte Mann den Tatag als "sonnig“ beschrieben, doch Peggy verschwand an einem regnerisch-trüben Tag.

Die Soko 1 hatte 21.812 Datensätze und 4017 Spuren, doch im Januar 2002 beendete sie ihre Arbeit ergebnislos, einen Täter konnte sie nicht präsentieren. Im Februar wurde, damals durch den bayerischen Innenminister Günther Beckstein (CSU) die Soko II eingesetzt. Zunächst flammte die Türkei-Spur wieder auf, dann verfestigte sich der Verdacht gegen Ulvi Kulac.

Schüler wollen Peggy nach ihrem Verschwinden gesehen haben

Die Soko II ging davon aus, dass Peggy am 7. Mai 2001 zwischen 13 und 14 Uhr getötet wurde. Doch: ein damaliger Schüler-Lotse will Peggy damals gegen 15. 30 Uhr am Marktplatz in Lichtenberg bemerkt haben.

Und zwei damalige Mitschüler Peggys wollen das Mädchen noch Stunden nach ihrem mutmaßlichen Verschwinden gesehen haben. Demnach soll sie gegen 19 Uhr aus einem roten Mercedes, angeblich mit einem tschechischen Kennzeichen versehen, gestiegen sein. Aus Sicht des Verteidigers Michael Euler könnten diese Aussagen die Indizienkette gegen Ulvi Kulac reißen lassen. Doch zu hören ist an diesem Verhandlungstag von einem der damaligen Mitschüler auch, dass "die Geschichte mit dem roten Auto“ nur ein Gerücht aus der Schule gewesen sei.

Im Fall Peggy gibt es, so der  Leiter der aktuellen Ermittlungen im Fall Peggy Knobloch, Klaus Müller, mittlerweile vier Verdächtige. Zwei von ihnen sind bereits wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt. Doch auch der Angeklagte Ulvi Kulac, so betont Müller, wird weiterhin zur Gruppe der Verdächtigen gerechnet. Ein Alibi habe keiner der vier Männer.

Die Polizei folgt seit Herbst 2013 erneut einer alten Spur: Ermittelt wird gegen einen 29-Jährigen aus Halle in Sachsen-Anhalt. Vor 13 Jahren verbrachte er immer wieder seine Ferien im oberfränkischen Lichtenberg. Angeblich war er in Peggy verliebt; seine Adresse notierte Peggy damals in einem Schulheft. Derzeit sitzt er wegen Missbrauchs seiner Tochter im Gefängnis. Im Januar 2013 fanden die Ermittler in seiner Zelle ein Foto von ihm und Peggy. Inzwischen hat er gestanden, auch seine Nichte, die Tochter seines Halbbruders, der in Peggys Haus wohnte, missbraucht zu haben.
 
Auch besagter Halbbruder gilt als verdächtig. „Er hat so viele Verdächtige ins Spiel gebracht, dass dies ihn selbst verdächtig erscheinen lässt“, so Müller.
 
Auch der Name des vierten Mannes ist fester Bestandteil der Ermittlungen im Fall Peggy. Der Mann im Rentenalter ist verurteilter Sexualstraftäter. Sein Anwesen am Marktplatz in Lichtenberg wurde im April 2013 auch mit Leichenspürhunden durchsucht, jedoch ohne Ergebnis.

Ermittler Müller kann sich nicht vorstellen, dass Peggy Knobloch noch lebt. Ihre DNA sei in Datenbanken gespeichert – seit Jahren würde ihr genetischer Fingerabdruck immer wieder im In- und Ausland abgeglichen, doch ohne jeden Erfolg.

Für den Prozess um Ulvi Kulac bringen diese neuen Verdächtigen vor allem eines mit sich: Zweifel an seiner Schuld.

Der Artikel wird am 5. Mai laufend aktualisiert.

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