"Es fehlt am politischen Mut"

Bildungsforum in Forchheim: Die Herausforderungen sind groß

25.10.2021, 18:00 Uhr

"Für mich als Vater im Home-Office waren es die härteste Monate meines Lebens. Wie muss es dann erst in Familien aussehen, die nicht so eine gute Situation haben": Klaus Zierer beim Bildungsforum. © Udo Güldner

Klaus Zierer ist ein Mann der Praxis. Auch wenn der Erziehungswissenschaftler derzeit Professor in Augsburg ist. Beim Sparkassen-Bildungsforum rechnete der ehemalige Grundschullehrer und dreifache Vater mit den Folgen der Corona-Maßnahmen auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ab. Sein Credo: Es kann angesichts der „Bildungs-Katastrophe“ in Schule und Universität nicht weitergehen, als wäre nichts gewesen.

„Corona ist ein Treiber für Bildungs-Ungerechtigkeit. Die virologisch sinnvollen Maßnahmen haben die Lage verschärft.“ Die größten Verlierer des Home-Schoolings und der Schulschließungen seien kleine Kinder, lernschwächere Kinder und besonders Kinder aus „bildungsfernen Schichten“. Sie hat der Distanz-Unterricht am härtesten getroffen. Das lag an fehlender Motivation der Schüler, an fachlich und zeitlich überforderten Eltern, sowie an mangelnden Mitteln. Die Lernrückstände liegen, Zierers professioneller Beobachtung nach, zwischen einem viertel und einem ganzen Schuljahr. „Für mich als Vater im Home-Office waren es die härteste Monate meines Lebens. Wie muss es dann erst in Familien aussehen, die nicht so eine gute Situation haben.“

"Wir waren Weltmeister im Testen"

Man habe zu lange nur auf die körperliche Gesundheit geblickt. „Wir waren Weltmeister im Testen. Schulen sind aber kein Krankenhaus, sondern ein Lernort.“ Die psychosoziale Gesundheit und das emotionale Moment hingegen seien auf der Strecke geblieben. Der direkte Austausch der Schüler mit den Lehrenden, der persönliche Kontakt zu Eltern, das Erlebnis der Gemeinschaft seien für den Lernerfolg unabdingbar. „Die Fälle von Depressionen, Vereinsamung und Angstzuständen bei Kindern und Jugendlichen haben sich verdoppelt!“ Den Kindern fehlten für ihre Entwicklung der Austausch mit Gleichaltrigen, von denen und mit denen man am meisten lernen könne. Die Schüler hätten soviel vergessen wie noch nie zuvor. „Da müssen wir ehrlicher werden.“ Es nütze nichts, sich mit dem angeblich besten Abiturjahrgang aller Zeiten zu belügen.

Zierer hat einige ungewöhnliche Ideen. Die wichtigsten Fächer bräuchten mehr Zeit: Musik, Kunst und Sport. „Dort sind die Schüler kreativ und kommunikativ.“ Außerdem gebe es dort eine andere, positive Fehlerkultur. Niemand erlerne ein Instrument, schaffe ein Kunstwerk oder beginne mit einer Sportart ohne etwas falsch zu machen. Das diene aber stets dazu, noch besser zu werden. Dann brauche es unbedingt mehr individuelle Förderung, auch und gerade in Sachen Sprache und Lesekompetenz. Das bedeutet freilich mehr Lehrpersonal und andere Unterrichtsstrukturen. Und dann sind da noch Lehrpläne, in denen viel Richtiges stehe, das aber mit der Lebenswelt der Schüler nichts zu tun hätte. Die Lösung wäre interdisziplinäres Vorgehen, um Fragestellungen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. „Damit die Kinder sagen: Aha, dafür kann ich Mathe brauchen.“ Die so wichtige Freude am Lernen könne so geweckt werden.

"Corona legt bestehende Probleme offen"

Überhaupt geht es dem Pädagogen um mehr Selbständigkeit, um die Befähigung, das eigene Leben selbst zu gestalten. Von mehr Technik alleine hält Zierer auch nichts. „In England hat man die White Boards schon wieder aus den Klassenzimmern hinaus- und die Schultafeln wieder hineingeschoben.“ Das Ziel der Digitalisierung müssten doch mündige Nutzer sein, die nicht von Smartphone und Tablet beherrscht würden. „Inzwischen ist Handy-Sucht als Krankheit anerkannt. Zuviel Medienkonsum verändert sogar die Gehirnstrukturen.“ Der Schlüssel sei eine pädagogische Anleitung, die viel zu selten geschehe. Dann könnte mit der modernen Technik so viel gelernt werden. „Corona legt Probleme offen, die zuvor auch schon da waren.“

Der erschreckend ehrliche Vortrag offenbarte aber auch, dass neue Gedanken es inmitten einer verkrusteten Kultusbürokratie nicht leicht haben. Auch wenn Zierer sich selbst als pädagogischen Optimisten bezeichnete, sprach er am Ende der inspirierenden Stunde von seinem eigenen Frust. Viele seiner innovativen Initiativen in Augsburg seien ausgebremst worden. Etwa das Projekt, Lehramts-Studenten vom ersten Tag an in die Schulen zu schicken, damit sie dort Praxisbezug hätten. Zugleich hätte das die Betreuung der Schüler verbessert. „Es gibt im Bildungssystem zu viele Verhinderer. Es fehlt am Mut der politischen Entscheidungsträger, an der Misere etwas zu ändern.“

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