Critical Mass in Forchheim: Scharmützel auf dem Asphalt

8.9.2019, 17:00 Uhr
Auf dem Paradeplatz haben sich rund 40 Radlerinnen und Radler getroffen, um anschließend im Pulk durch Forchheim zu fahren. Sie mussten einige brenzlige Situationen überstehen.

© Foto: Udo Güldner Auf dem Paradeplatz haben sich rund 40 Radlerinnen und Radler getroffen, um anschließend im Pulk durch Forchheim zu fahren. Sie mussten einige brenzlige Situationen überstehen.

Rund 40 Drahtesel, einige von auswärts, machten sich vom Paradeplatz aus auf den Weg, gerieten aber bald schon mit dem Autoverkehr aneinander.

Wenige hundert Meter stadtauswärts wird einem bewusst, warum Radfahrer Helme tragen. Es kommt zur ersten Konfrontation derer, die es für ganz selbstverständlich halten, dass ihnen hier niemand im Weg herumfährt. Dabei gibt es an dieser Stelle gar keine Pflicht, den Radweg benutzen zu müssen. Befindet man sich auf Höhe des Königsbades doch in einer 30-er Zone. Früher war das anders und diese Gewohnheit scheint noch in den Köpfen zu stecken.

Die meisten Autofahrer machen ihrem Ärger über die Verzögerung hupend Luft. Da hat die "Critical Mass" die Aufmerksamkeit, die sie gerne hätte. Einige aber, es sind auffälligerweise Fahrzeuge aus Pforzheim, Neuss und Erlangen-Höchstadt, wagen in der Nähe des Medical Valley Center riskante Überholmanöver. Es kommt zu Beinahe-Zusammenstößen der Ungeduldigen mit den entgegenkommenden Autofahrern, die nur durch Vollbremsungen verhindert werden können. Besonders ein Porsche-Fahrer tut sich hier unrühmlich hervor.

Unflätige Beschimpfungen

Das Spießruten-Fahren geht weiter. Aus geöffneten Beifahrerfenstern darf man sich unflätige Beschimpfungen anhören. Manch einer lässt den Motor absichtlich laut aufheulen. Einzelne rasen mit weit mehr als den erlaubten 50 Stundenkilometern um Haaresbreite an den Pedalisten vorbei. Es wirkt, als ob man das Territorium verteidigen wolle. Als die Radgruppe die Ausfahrt des Pilatus Campus quert, wohlgemerkt auf dem Radweg, da schreien manche in ihren Fahrzeugen auf, obwohl sie da auch bei einem einzelnen Fahrrad gar keine Vorfahrt hätten.

Vor einer Pferdekoppel weiter hinten treffen die Rad-Aktivisten dann auf Bianca Zapf. Die Polizeihauptkommissarin zwingt den Pulk von der dicht befahrenen Forchheimer Straße auf den Radweg. Weil sie in der Ansammlung von Radfahrern keine Kolonne sieht. Die bräuchte nämlich einen Kolonnenführer, der als Ansprechpartner diente, dürfe nur zu zweit nebeneinander fahren und müsse dem nachfolgenden Verkehr in bestimmten Abständen die Möglichkeit zum Überholen geben. All das habe die "Critical Mass" nicht eingehalten. Zudem sei es auf der Strecke Richtung Burk auf Grund der erlaubten 70 Stundenkilometer für Radler zu gefährlich.

Eine Verwarnung

Später wird der Konvoi, verstärkt durch die grüne OB-Kandidatin Annette Prechtel und ihren Stadtratskollegen Gerhard Meixner, noch durch Buckenhofen kreuzen und sich in das eigentlich abgesperrte Kerwa-Areal an der Staustufe wagen. Ein Vorgehen, das Roland Brütting vom städtischen Straßenverkehrsamt nicht billigen kann: "Solch eine Beschilderung bedeutet ein Verbot für Fahrzeuge aller Art." Da es aber zu keiner Verkehrsgefährdung gekommen sei, habe man niemanden ermahnen müssen. Nur einer, der zuvor schon auf die Gegenfahrbahn geradelt sei, um die Autofahrer zu provozieren, sei verwarnt worden.

 

Da ist der Tross, in dem sich auffallend viele junge Gesichter und einige ADFC-Mitglieder befinden, schon wieder weiter. Der Berichterstatter ist derweil mit einer Panne ausgefallen und hat nach erfolgter Reparatur den Anschluss verpasst. Auch weil bis auf den einen oder die zwei ganz vorne keiner so recht weiß, wohin die Reise geht. Jedenfalls nicht zurück zum Startpunkt der Ausfahrt. Über die Schleuseninsel und die Bamberger Straße, so berichten Teilnehmer später, wendet man sich dem Kellerwald zu. Schließlich will man bei einer "Critical Mass" auch seinen Spaß haben und Freunde treffen.

"Unbekanntes Phänomen"

All diese Scharmützel auf dem Asphalt hat Matthias Werner schon hinter sich. Der 31-jährige Elektroniker ist seit Jahren bei der "Critical Mass" in Bamberg aktiv. Auch dort habe es anfangs Ärger mit den motorisierten Verkehrsteilnehmern gegeben. Besonders bei der ersten Benutzung des Berliner Ringes. "Solch eine Critical Mass ist in der Provinz halt ein unbekanntes Phänomen."

In Großstädten wie Nürnberg gebe es das schon lange. Vorbild ist Budapest, das mit 100 000 Radfahrern den Weltrekord hält. "In Stuttgart begleitet die Polizei inzwischen die Aktion. In Bonn nimmt sogar eine Radstaffel der Polizei teil." Es dauere einige Zeit, bis sich alle daran gewöhnt hätten, dass es diese Rad-Ausflüge an jedem ersten Freitag des Monats gebe. Wenn eine Fronleichnams-Prozession durch den Ort ziehe, gebe es schließlich auch keinen Aufstand: "Im Laufe der Zeit wird sich die Lage entspannen."

Die "Critical Mass" Bamberg feiert am 27. September fünfjähriges Bestehen. Ab 18 Uhr geht es vom Schönleinsplatz los. Wohin die Reise geht, ist nicht bekannt.

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