Dienstag, 22.10.2019

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Ein fränkischer Bürgermeister als Fluchthelfer

Helmut Krämer erinnert sich an seine Einsatz für geflüchtete Ex-DDR-Familie - 02.09.2019 10:59 Uhr

Weil der Andrang von DDR-Bürgern auf die ungarisch-österreichische Grenze irgendwann nicht mehr kontrollierbar war, öffneten die Grenzbeamten den Schlagbaum. Die Menschen waren frei. Dass viele ihr Glück nicht fassen konnten und sich Freundentränen-überströmt in den Westen aufmachten, vermittelt das Bild. © Foto: Votava/dpa


Jetzt bot sich im "Heiligenstadter Hof" der Anlass für einen Erinnerungsabend mit "Zeiss"-Feldstecher. Leider gibt es kein Foto von der Familie Fenske aus Bautzen und ihren Aufenthaltsort im ungarischen Fertörákos und bedauerlich, dass alle Kontakte zu Petra, Paul und Tochter Linda Fenske abgerissen sind. Aber vielleicht gibt es NN-Leser, die noch in Verbindung mit den Jürke-Verwandten stehen, die nach einem Jahr in Heiligenstadt nach München-Feldmoching umgezogen sind.

Telegramm von Tante Petra

Das Abenteuer begann mit einem Telegramm von Tante Petra an Monika und Heinz Jürke: "Wir sind in Fonjód am Plattensee und wollen in den Westen, könnt Ihr helfen – es eilt!" Dazu muss erwähnt werden, dass die Familie nach zwei abgelehnten Ausreiseanträgen gemäß DDR-Recht keine Aufenthaltsberechtigung für den Plattensee hatte. Die Fenskes sollten auf Urlaub in Heringsdorf an der Ostsee sein und ihre Angst vor "Stasi"- Spitzeln war durchaus begründet.

Heinz Jürke und Helmut Krämer (li.) schauen in die Karte, die den Ort in Ungarn zeigt, von dem aus sie Verwandten zur Flucht verhelfen konnten. © Foto: Marquard Och.


Die von Heinz angefragte Unterstützung sagte Helmut Krämer, damals Geschäftsführer des Forchheimer Bauernverbands, sofort zu. Er hielt am 22. August im Gräfenberger Ortsteil Guttenburg noch eine BBV-Versammlung, dann starteten die Freunde mit eilig besorgtem Einreisevisum durch.

Erste Begebenheit am nächsten Morgen am österreichischen Grenzübergang Klingenbach: Aus dem Straßengraben sprang ein DDR-Flüchtling. Jubelnd: "Hurra, endlich in Freiheit". Den wertigen Feldstecher braucht er jetzt nicht mehr und schenkt ihn Krämer. Die Radionachrichten, dass die Grenze durchlässiger, aber auch gefährlicher geworden sei, bestätigte der glücklich Geflüchtete. Am Vortag war der Druck von tausenden DDR-Bürgern auf die ungarischen Grenzsoldaten so massiv geworden, dass sich diese nicht mehr anders zu helfen wussten, als den Schlagbaum zu öffnen.

Ferienwohnung als Quartier

Zur ersten Begegnung der Franken mit der Familie aus Bautzen kam es in Fonjód; am Südufer des Plattensees hatte die Familie Quartier in einer Ferienwohnung; allerdings war die Adressangabe ein Fehler. Bei der Nachfrage in der Poststation winkten die Schalterbeamten zunächst ab, bis Krämer einen Zehnmark-Schein zückte.

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Auf der Fahrt Richtung Westen begegneten den Fenskes und ihren West-Begleitern im Abstand weniger Kilometer immer wieder Soldaten. Paul Fenske steuerte seinen "Trabant" ein letztes Mal und in Sopron schenkte er die "Rennpappe" einem Ungarn.

Abseits der Stadt hatte sich eine Schotterpiste zum Treff für DDR-Flüchtlinge und Schleuser entwickelt, das war auch den "Stasi"-Leuten bekannt. Bis zu einer Bahntrasse begleiteten Heinz und Helmut die Familie, in einer Babytrage die einjährige "Lindamaus", dahinter der Stacheldrahtverhau, für den sie Paul Fenske Schneidwerkzeuge mitgaben.

Ein Grenzstein als Symbolbild. © dpa


Plötzlich tauchen Militär-LKW auf

Plötzlich tauchten mehrere Militär-LKW auf, Soldaten mit Suchhunden sprangen ab und das Waldgelände wurde von Leuchtspurmunition erhellt. Die Fluchthelfer flüchteten in das nächste Grenzdorf Fertörákos, machten sich von da wieder auf die österreichische Seite, um in den Weinbergen von Klingenbach um vier Uhr die Flüchtlinge zu empfangen.

Petra und Paul Fenske fehlten, sie waren verhaftet und in eine Kaserne gebracht worden. Da sich das gleiche Spiel am nächsten Tag wiederholte und die Kaserne bald überfüllt war, kamen etliche wieder auf "freien Fuß". Am Donnerstag, zurück in Sopron, hatte Heinz Jürke Glück. Er fand die Entlassenen sowie einen Münchner Arzt, der selbst schon Verwandte ausgeschleust und einen guten Draht zu einem erfahrenen Fluchthelfer hatte.

"Ein braungebrannter Typ mit einer Riesendogge", beschrieb der Doktor den Mann, der dann für seine Dienstleistung auch kein Geld verlangte. Er war aber neugierig, was das für Leute vor der "Nacht- und Nebelaktion" waren. Mit seiner Hilfe glückte der zweite Versuch.

Aus dem Bus geholt

Ab Wien sollte dann ein Bus die Flüchtlinge bis ins Auffanglager Gießen bringen, aber schon in Nürnberg holte Helmut Krämer die "Rübergemachten" ab. Bis Dezember teilten er, Frau Brigitte und die Kinder die Wohnung mit den Fenskes.

Dann richteten sich die Fenskes im Sportheim eine Wohnung ein, Paul kümmerte sich als Hausmeister und fand als Maurerpolier eine Anstellung im Betonwerk von Helmut Schmidt. Petra kellnerte im Sportheim. Die Bevölkerung nahm Anteil am Schicksal der Neubürger; der katholische Pfarrer Otto Rauh sammelte in seinem "Plauderstündla" Lebensmittel und Sachspenden.

Das Fazit der Helfer nach all den Jahren: "Es war ein schönes Gefühl, mitgeholfen zu haben, wir würden das wieder machen". Übrigens: Das Fernglas übergab Helmut Krämer jetzt an Heinz Jürke, für weitere 30 Jahre.

MARQUARD OCH

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