Erinnerung: Sie lebten mitten in Forchheim

17.7.2020, 08:00 Uhr
Gunter Demnig bei der Verlegung der Stolpersteine. Zum dritten Mal kam er nach Forchheim. Insgesamt hat er schon rund 72 000 von diesen besonderen Erinnerungsobjekten in den Boden eingebaut.

Gunter Demnig bei der Verlegung der Stolpersteine. Zum dritten Mal kam er nach Forchheim. Insgesamt hat er schon rund 72 000 von diesen besonderen Erinnerungsobjekten in den Boden eingebaut. © Foto: Udo Güldner

Bei der Verlegung durch den Künstler Gunter Demnig war die komplette Stadtspitze vertreten. Nun fehlen dem Netzwerk für Respekt und Toleranz nur noch drei Stolpersteine.

Einmal mehr ist Gunter Demnig (73) angereist. Der Künstler aus Hessen hat seit nunmehr 28 Jahren rund 72 000 Stolpersteine in zwei Dutzend Ländern in den Boden eingelassen. Freilich nicht alle selbst. Auch in Forchheim hat er Hilfe durch die Bauhof-Mitarbeiter Patrick Kaiser und Christian Höhn, die auf städtischem Grund die Pflastersteine entfernt haben. Damit Demnig mit Eimer, Kelle und Schwamm die glänzenden Gedenkwürfel ins Erdreich einsetzen kann. Der Mann mit dem Hut befindet sich derzeit auf einer kleinen Tournee, die ihn nach Nürnberg und Hüttenbach (Gemeinde Simmelsdorf) gebracht hat und noch nach Würzburg und Bad Brückenau führen wird.

Mia Kreßmann und Olivia Sauerborn (re.) vertraten die Klasse 9D der Georg-Hartmann-Realschule. Die Klasse hatte die Lebensläufe der geehrten Juden recherchiert, so weit es noch Daten gab.

Mia Kreßmann und Olivia Sauerborn (re.) vertraten die Klasse 9D der Georg-Hartmann-Realschule. Die Klasse hatte die Lebensläufe der geehrten Juden recherchiert, so weit es noch Daten gab. © Foto: Udo Güldner

Die Zeremonie begleiten Alex Feser aus Forchheim und Wolfgang Knauer aus Hausen musikalisch. Mit Gitarre und Klarinette spielen sie trotz Regens "A Freiylekhe Nakht in Gan Eydn" und andere Klezmer-Stücke wie den "Sherele"-Tanz oder den "Hasidic"-Walzer. Vom Wachrufen der Erinnerung spricht Schirmherr Oberbürgermeister Uwe Kirschstein (SPD); von Bürgern, die mitten in Forchheim lebten, Lisa Badum (Grüne), die der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe des Bundestages angehört; von Geschöpfen Gottes, deren jedes einzelne Leben zähle, spricht Regionaldekan Martin Emge.

Jenny Abraham

Jenny Abraham © Foto: privat

Zuletzt wohnten die jüdischen Bürger nicht mehr in ihren eigenen Wohnungen. Man hatte sie in "Judenhäuser" gezwungen, um ihrer im Fall der Verschleppung einfacher Herr zu werden. So liegen die Stolpersteine nicht vor dem Paradeplatz 4, von wo aus sie im November 1941 die Lastwagen in den sicheren Tod besteigen mussten. Sondern vor den Anwesen Hauptstraße 65, in dem einst das Textilgeschäft Gröschel residierte. An dessen Spitze Bernhard Gröschel und ebenjener Leo Abraham. Bis es 1938 durch die "Arisierung" geraubt wurde.

Leo Abraham

Leo Abraham © Foto: privat

Nutznießer war der Geschäftsmann Albert Kranich. Das Bettenhaus, das auch Kurzwaren führte, bestand nach Auskunft des Stadtarchivars Rainer Kestler bis Mitte der 80-er Jahre. Heute befindet sich im Inneren das Modegeschäft "Bonita". Die wenigen noch bekannten biographischen Details erzählen die Schülerinnen Mia Kreßmann aus Wimmelbach sowie Annika Böhm und Olivia Sauerborn aus Forchheim, die alle der Klasse 9D der Georg Hartmann-Realschule angehören. Mit ihren Lehrkräften Judith Hill und Thomas Krauser hatten sie sich des Projektes angenommen.

Danach begab sich der Tross zur Hauptstraße 45, der ehemaligen Oberen Badstube. Wo heute eine Fielmann-Filiale Sehhilfen feilbietet, wohnte einst Ida Schönberger. Unter ihr gingen die gehobenen Kreise der Stadt bei Christian und Konrad Schaub ein und aus, wie Stadtarchivar Kestler noch aus eigener Erinnerung weiß. Galt doch der Besuch in der Konditorei mit Café und Weinstube als besonderes Vergnügen.

Der Kaufmann Leo Abraham aus Hohenhausen bei Lemgo heiratete in die Familie Gröschel ein. Einen bitteren Vorgeschmack gaben ihm die örtlichen Nazi-Machthaber, als sie ihn und andere Männer am Tag nach der Zerstörung der Synagoge ins KZ Dachau verschleppten. Dort wurde er drei Wochen in "Schutzhaft" misshandelt.

Seit 1910 lebte Ida Schönberger in Forchheim. Ihre Familie stammte aus Ermreuth, das für seine reichhaltige jüdische Tradition berühmt war. Ihrem Bruder Leopold gelang noch die Auswanderung in die USA. Eine Rettung, die der unverheirateten, kinderlosen Frau verwehrt blieb. Das Ende läutete der Transport der letzten Juden aus Forchheim am 27. November 1941 ein. Mit dem Lkw nach Bamberg, dann per Zug ins besetzte Riga ging die Reise. Niemand weiß heute so genau, wann die drei Forchheimer im fernen Lettland umgebracht worden sind.

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