Forchheimer Philosophenviertel: Sozialwohnungen wie auf Basar gehandelt

4.4.2019, 05:51 Uhr
Die Sozialwohnungen und das Seniorenwohnen sind im Norden gegenüber der Folie angesiedelt, das Boardinghouse im Osten. Im Westriegel wird die Kita untergebracht. Illustration: planwerkstatt.Architekten

Die Sozialwohnungen und das Seniorenwohnen sind im Norden gegenüber der Folie angesiedelt, das Boardinghouse im Osten. Im Westriegel wird die Kita untergebracht. Illustration: planwerkstatt.Architekten

Die bisher bekannten Pläne hat der Investor Dignus Immobilien aus Hamburg erneut verändert. Daher wird der – einstimmig angenommene – Bebauungsplanentwurf erneut ausgelegt, so dass wiederum neben den zuständigen Behörden auch jede/r Bürger/in dagegen Einwendungen vorbringen kann.

Gegen den vorherigen Entwurf hatten zwei "Bürger" Einwendungen erhoben: Der Nachbar Infiana, also die Folienfabrik, sowie "Frau F.", wie Tilman Rütters sagte, der Dignus-Geschäftsführer. Rütters stellte in einem längeren Vortrag alle einzelnen Einwendungen vor. Der Nachbar Infiana sieht sich in erster Linie von der Wohnbebauung in seinem Betrieb und seinen Entwicklungsmöglichkeiten beeinträchtigt.

Die Befürchtung ist, dass die Anwohner des Philosophenviertels mit Verweis auf den Fabrik-Lärm von jenseits des Gründelbachs gegen Infiana vorgehen könnten. Tilman Rütters wies, bis auf kleine Ausnahmen, jede einzelne der 19 Einwendungen des Nachbarn als unbegründet zurück: "Den Immissionsschutz haben wir von Beginn an als wechselseitig verstanden", sagte er. Neben dem Schutz der Anwohner sei immer auch der Schutz der Industrie mitbedacht worden. Entsprechend habe es letztes Jahr Dauermessungen gegeben.

Dabei sei herausgekommen, dass die befürchteten 70 Dezibel mit maximal 56 Dezibel deutlich unterschritten würden: "Da ist also für Infiana noch Luft nach oben für die Weiterentwicklung." Rütters räumte allerdings ein, dass ein Teil der Wohnungen Einschränkungen wird hinnehmen müssen: nicht zu öffnende Fenster zum Beispiel. Aber das, so sagte auch Bauamtsleiter René Franz, betreffe nur einen kleinen Teil und auch nur als letztes Mittel einer ganzen Reihe anderer Lärmschutzmaßnahmen: "Gesundes Wohnen ist hier möglich."

Bedenken der Frau F. abgelehnt

Auf die schallschutztechnischen und städtebaulichen Bedenken der Bürgerin "Frau F." ging Rütters nur schriftlich ein. Sie wurden abgelehnt. Die Einwenderin hatte im letzten Jahr argumentiert, ihre PV-Anlage auf einem Nachbargrundstück werde womöglich verschattet. Dies hatte der Investor aber durch ein Sonnenstandsgutachten widerlegen lassen.

Das "Philosophenviertel" war mal mit einem Hotel und über 300 Wohneinheiten gestartet, sagte Holger Lehnard (CSU). Dann ging deren Zahl auf 330 nach oben, das Hotel fiel weg. Nun aber präsentierte Tilman Rütters einen Entwurf, in dem erneut ein "Beherbergungsbetrieb" enthalten war: ein "Boardinghouse" mit 70 Appartements in dem langgestreckten Riegelbau entlang der Theodor-Heuss-Allee. Diese Änderung, so Rütters, sei auf die Beobachtung der Forchheimer Verhältnisse zurückzuführen. Es gebe einen erhöhten Bedarf an Kurzzeitwohnungen für Geschäftsreisende. Ein ähnliches Konzept verfolgt das neue Arivo-Hotel am Bahnhof.

Nur noch 72 Einheiten geförderter Wohnungsbau

Die zweite, überraschende Änderung: Anstelle von zuletzt 93 Sozialwohnungen sah Rütters’ Plan nur noch 72 Wohneinheiten im geförderten Wohnungsbau vor. Das ging aus Sicht aller Stadträte im Ausschuss überhaupt nicht. Holger Lehnard fasste die allgemeine Ansicht in Worte: "Wir müssen draußen den Kopf hinhalten für diese massive Bebauung." Das gehe aber nur, wenn die Stadträte auf eine Vielzahl von neuen, bezahlbaren Wohnungen hinweisen könnten. Ob Rütters nicht wenigstens 90 solcher Wohnungen schaffen könne? Dies sei keine Bitte, sondern eine Aufforderung.

Die Reaktion kam prompt und mutete an wie auf einem Basar. Rütters ("Wir können uns das vorstellen") fragte den neben ihm sitzenden Architekten, wie viele Wohnungen ein bestimmter Bauteil enthalte. Antwort: 18. Rütters rechnete und sagte dann: "Na, dann machen wir den Bauteil halt auch noch zum geförderten Wohnraum, dann sind es ja genau 90."

Die dritte Änderung: Das Philosophenviertel soll als "Allgemeines Wohngebiet" ausgewiesen werden, nicht als "Reines Wohngebiet". Dafür braucht es Arbeitsplätze. Deswegen wurden im Westflügel einige Wohnungen umgewidmet zu Arztpraxen und Räumen für Physiotherapie. Außerdem soll hier ein Nachbarschaftsladen mit Bäckerei und Café einziehen. Zusätzlich wird ein Teil des Nordriegels als "Senioren- und Betreutes Wohnen" mit Anschluss an ein Pflegesystem vorgesehen, inklusive Nachbarschaftscafé.

Keine Kommentare