Sonntag, 17.11.2019

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In Paris ging ein Tennis-Stern aus Neunkirchen auf

1990 stürmte Wiltrud Probst ins Achtelfinale - 15.04.2015 18:01 Uhr

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Momente der Forchheimer Sportgeschichte

„Wisst ihr eigentlich noch damals?“ So nehmen viele Stammtischunterhaltungen ihren Anfang. Sich über längst vergessene Ereignisse auszutauschen, kann schöne Erinnerungen wecken und ist fast eine eigene Sportart. In loser Reihenfolge blicken wir in unserer Rubrik „Wussten Sie noch?“ auf historische Sport-Momente aus Forchheim und dem Landkreis zurück.


Vor 30 Jahren begann ihre Profikarriere fast zeitgleich mit der einer gewissen Gabriela Sabatini. Die Schönheit aus Argentinien, später auch als Geschäftsfrau erfolgreich, entwickelte sich zur Weltklasse-Spielerin und stieg zur Rivalin des deutschen Jahrhunderttalents Steffi Graf auf. Aus dem gleichen Jahrgang wie Graf hervorgegangen, betrat abseits der Stars indes ein fränkisches Sternchen die große Tennisbühne: Wiltrud Probst.

Wiltrud Probst, im Bild bei den French Open 1992, erlebte ein Jahr zuvor auf dem Pariser Sand ihren Karrierehöhepunkt. Sie war als 20-Jährige ins Achtelfinale gestürmt. © imago


Im Alter von 16 Jahren verließ die heute 45-Jährige ihr Elternhaus in Neunkirchen am Brand und zog in ein Förderzentrum nach Hannover. Die mehrfache deutsche und bayerische Jugendmeisterin war bis dato in Erlangen aufs Gymnasium gegangen und hatte beim TV Fürth trainiert und hochklassig mit der Mannschaft gespielt. Dass eine Teamkollegin denselben Schritt wagte, half bei der Entscheidung. Probst schaffte tatsächlich den Sprung in den Profizirkus und vermarktete sich fortan selbst.

Im Frühjahr 1990 feierte die Rechtshänderin in Wellington ihren ersten von zwei Turniersiegen (1992 folgten die Belgian Open in Waregem) — nichts ahnend, dass wenige Monate später ein breites Publikum wusste, wer die junge Deutsche war. In wenigen Wochen ist es 25 Jahre her, dass Wiltrud Probst bei den French Open in Paris, einem der vier bedeutendsten Turniere der Welt, bis ins Achtelfinale stürmte.

„Dabei ging es unrund los. Meine Tasche mit Schuhen und Kleidung kam nicht am Flughafen an und musste nachgeliefert werden. Das war für mich eine Lehre, nicht nur den Schläger mit ins Handgepäck zu nehmen“, erinnert sich Probst. Unbekümmert schlug die 20-Jährige, irgendwo unter den Top 100 der Weltrangliste notiert, in Runde 1 gegen die hochfavorisierte US-Amerikanerin Garrison auf, gewann den ersten Satz 6:1. „Ich wusste, dass sie auf Sand nicht ganz so stark war. Aber dass es so gut laufen würde, konnte ich nicht erwarten. Leider habe ich danach das Denken angefangen und den zweiten Satz verloren. Ein typisches Damenproblem“, sagt Probst. Durch ein 7:5 im Entscheidungssatz zog sie dennoch in Runde 2 ein und setzte sich erneut in drei Durchgängen gegen eine ebenso unbekannte Italienerin durch. Im nächsten Duell wartete mit dem US-Girl Benjamin wieder ein harter Brocken. „Wir haben einmal privat etwas zusammen unternommen. Sie war sehr ehrgeizig und setzte sich selbst sehr unter Druck“, erklärt Probst. Ihre abwartende Taktik gegen eine zunehmend wütende Gegnerin, die ihre Stärke krampfhaft zu demonstrieren versuchte, ging beim 6:2, 6:2 voll auf.

Erst im Achtelfinale endete der Höhenflug der Brandbacherin. Sie unterlag der an Nummer zehn gesetzten Sandplatzspezialistin Conchita Martinez, die in zwei Sätzen jeweils in den entscheidenden Ballwechseln zur Stelle war. Die Spanierin schied in der nächsten Runde chancenlos gegen Steffi Graf aus, die wiederum Monica Seles den Turniersieg überlassen musste. Wiltrud Probst erreichte im Februar 1991 mit Rang 31 ihre beste Ranglistenplatzierung, doch der Auftritt in Paris war wohl der frühe Höhepunkt ihrer Laufbahn. In Wimbledon, dem prestigeträchtigsten Turnier überhaupt, verpasste sie 1991 den Einzug ins Achtelfinale gegen die spätere Weltranglistenerste Jennifer Capriati (USA) mit 3:6, 6:1, 3:6.

Nach über 300 Profimatches und einigen Doppel-Einsätzen im deutschen Fed-Cup-Team ließ die fränkische Tennisikone ihre aktive Zeit mit 30 Jahren 1999 ausklingen. „Ich hätte gerne weitergemacht. Aber weil es gesundheitlich nicht mehr passte, reichte es auch sportlich nicht mehr.“ Probst, für die die Rolle der Weltenbummlerin mehr Beruf denn Berufung war — „die Telefonrechnungen waren teuer“ — kehrte zurück nach Neunkirchen und eröffnete 2003 eine Tennisschule, arbeitet mit Vereinen im Landkreis zusammen: „Ursprünglich wollte ich Grundschullehrerin werden. Aber so war meine Leidenschaft weiter ein Hauptbestandteil in meinem Leben.“ Angebote des Verbandes, dessen besten Talente zu fördern, lehnte die staatlich geprüfte Tennislehrerin mit A-Lizenz ab und bereut ihre Entscheidung bis heute (mittlerweile ist Ex-Profi Daniel Dolbea Inhaber, Probst aber weiter Trainerin) nicht: „Ich will meine Erfahrung weitergeben und Begeisterung vermitteln, unabhängig vom Niveau meiner Schützlinge. Die sind umso dankbarer, weil ihre Entwicklungsschritte sichtbarer sind als bei den Topleuten in den Talentschmieden.“ Ihre bodenständige Zurückhaltung erleichterte Probst schon als Profispielerin das Leben. Während Steffi Graf im spanischen Marbella einst in der Disco von Reportern erkannt wurde und flüchten musste, konnte sie den Abend weiter genießen.

KEVIN GUDD

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