Kunstaktion

Kirchehrenbach: Skulpturen zu Füßen des Walberla

26.9.2021, 10:59 Uhr
Der Halbtorso der Göttin Frigg vor dem Walberla

Der Halbtorso der Göttin Frigg vor dem Walberla © Udo Güldner, NN

Fronleichnam ist schon lange vorbei. Wallfahrten sind derzeit auch keine. Und doch schlängeln sich dutzende Menschen in einer Prozession am Walberla entlang. Es fehlen nur die Gebete und Gesänge. Auf einem Schotterweg sind sie unterwegs.

Vor sich die leicht ansteigende Strecke, über sich eine erbarmungslose Sonne, in sich die Freude über all die modernen Skulpturen. Allen voran schreitet der Hohepriester kabarettistischer Kleinkunst, Klaus Karl-Kraus aus Erlangen. Ihm folgen die Gläubigen von Station zu Station, wie bei einem Kreuzweg. Dazu passt auch, dass der pilgererfahrene Theodor Hofmann aus Kirchehrenbach einen Lautsprecher vor sich herträgt.

Fabelhafte Erzählkugel

Schon an der ersten Station lauschen sie andächtig den Worten des Künstlers Peter Schwenk aus Maitenbeth. Von dort, aus dem Landkreis Mühldorf am Inn hat er eine seiner fabelhaften Erzählkugeln mitgebracht. Das Aluminium-Rund verrät, dass sein Erschaffer einst Mosaikbildner gelernt hat.

Finden sich an der Oberfläche der glitzernden Kugel doch viele Einzelheiten, die man mit der Ehrenbürg in Verbindung bringt: Hexen und eine Kapelle, Gleitschirmflieger und Fledermäuse, und und und. Ein wahres Wimmelbild. Wie rundherum auch.

Kontakt mit der Kunst

Da tummeln sich Landwirte, die das sonnige Wetter nutzen, um Heu zu machen oder Mais zu ernten. Da kommen einem ständig Fußgänger oder Radfahrer entgegen. Sie alle kommen mit der Kunst in Kontakt.

Die Ehrenbürg als größtes keltisches Oppidum (Siedlung) seiner Art weit und breit hat Gerhard Hex inspiriert. Sein Keltenkopf aus Corten-Stahl erinnert aber nicht nur an die Bronzehelme aus der Latene-Zeit. Der Metall-Bildhauer aus Au in der Hallertau hat auch einige Folgen zu viel der US-Zeichentrickserie „Die Simpsons“ gesehen und Pablo Picasso in seiner abstrakten Phase beobachtet.

Zugleich ist das Gebilde aus Corten-Stahl auch die schwerste Skulptur. Nicht alle Kunstwerke, die auf den altarähnlichen Sockeln sitzen, sind wuchtig und wiegen viele Tonnen. Die Basalt-Plastik des Christian Ruckdeschel aus Nürnberg etwa kommt ganz leicht daher. Da bleibt noch Platz für einen Blick ins Tal.

In andere Welten wechseln

Das Walberla als Kultstätte und Kultort war in religiöser Sicht, man denke an die Walpurgisnacht, immer auch ein Platz, um in andere Welten zu gelangen. So ist es kein Zufall, dass Karl Maurer aus Günzach im Ostallgäu ein Tor aufgestellt hat. Keines für Ballkünstler, sondern für all jene, die einen neuen Blick auf die vertraute Umgebung wagen wollen.

Ebenso wie diese Pforte dürfte sich eine Holztreppe zu einem dieser völlig überlaufenen Instagram-Hotspot entwickeln. Hinter den Stufen, die Örni Poschmann aus Johannesbrunn (Lkr. Landshut) mit kindlicher Freude ins Nichts führen lässt, erstrecken sich Kirschbäume. Auf deren farbensatte Blüte warten die Smartphone-Fotografen doch nur.

Kräftige Göttin Frigg

Auf oder am Walberla spielen auch zahlreiche Sagen und Märchen, derer sich Andrea Kreipe aus Böbing bei Oberammergau angenommen hat. Ihr an antiken Körpern geschulter Torso ist freilich etwas kräftiger, Immerhin handelt es sich bei dem Kunstwerk um die nordische Göttin Frigg, die nebenbei die Wolken gewebt haben soll.

Da passt es, dass sich hinter der barbusigen Schönheit, die auch schon Odin betört hat, der Himmel über der Hochebene erstreckt. Der Wind, der um die Felsformationen weht, fängt sich in Bernd Wagenhäusers Skulptur, die der Bildhauer aus Bamberg nach geologischen Schichtungen gestaltet hat.

Überlebensgroße Wirbelsäule

So ein Kreuzweg verursacht auch Kreuzschmerzen. Dass man damit nicht alleine ist, damit tröstet einen Hubert Maier aus Moosach bei München. Seine überlebensgroße Wirbelsäule erinnert daran, dass wir alle nicht jünger werden, auch die Kunstwerke, die hier die nächsten Jahre in Würde altern dürfen. Und gerade dadurch interessant werden.

Auch das steinerne Gewächs der Bildhauerin Silvia Jung-Wiesenmayer aus Opfenbach (Lkr. Lindau), das sich der Sonne entgegenstreckt. Damit all den Skulpturen nichts passiert hat Guido Häfner aus Schlaifhausen zwei stählerne Wächter engagiert (die NN berichtete).

Nach eineinhalb Stunden hat man einen ganz neuen Blick auf einen altbekannten Berg und die moderne Kunst. Beides passt besser zusammen, als von manchen Alles-Nieder-Nörglern im Vorfeld befürchtet.

Keine Kommentare