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Pathologe aus Wiesenthau: "Noch nie solche schlimmen Lungen gesehen"

Experte erklärt, wie sich die Organe durch Covid-19 verändern - 13.02.2021 09:00 Uhr

Bei schweren Verläufen kann Covid-19 zu schweren Lungenschäden führen.

12.02.2021 © Sebastian Gollnow/dpa


Herr Seitz, Sie arbeiten seit 40 Jahren als Pathologe. Wie sieht Ihre Arbeit normalerweise aus und wie hat sie sich durch Corona verändert?

Die Arbeit eines Pathologen besteht aus verschiedenen Bereichen. Zu 99,5 Prozent arbeiten wir für die lebenden Menschen, den geringsten Teil machen bei uns Obduktionen aus. Wir machen vor allem feingewebliche, also mikroskopische Untersuchungen von Gewebsproben, die bei einer Endoskopie gewonnen wurden. Wir untersuchen beispielsweise an einer Biopsie aus einem Magengeschwür, ob es sich um Krebs handelt oder ob ein gutartiges Geschwür vorliegt. Dabei geht es darum, Krankheiten zu diagnostizieren, ihnen also den richtigen Namen zu geben, so dass der behandelnde Arzt die richtige Behandlung einleiten kann wie Operation, Chemotherapie, Antibiotika usw. Mit anderen Worten: Der Pathologe ist der Lotse der Therapie. Corona hat jetzt gezeigt, wie wichtig es aber auch ist Verstorbene zu untersuchen, also zu sezieren und die Krankheit dadurch erforschen und verstehen zu können. Wir haben bei uns mittlerweile elf Corona-Infizierte obduziert. Ich habe in meinem Leben die Organe von circa 10.000 Obduktionen, also einer Kleinstadt gesehen, aber solch schwere Lungenentzündungen wie nach einem schweren Verlauf einer Corona-Infektion habe ich noch nicht gesehen. Die Demonstration der Organbefunde war entscheidend für ein besseres Verständnis der Krankheit und ihrer Komplikationen, sowohl für uns Pathologen und vor allem für die behandelten Ärzte.

Prof. Dr. Gerhard Seitz (67) ist in Wiesenthau aufgewachsen und in Forchheim ans Gymnasium gegangen, hat dann in Erlangen studiert, war für eine Weile in Bremen und im Saarland und war dann von 1991 bis Ende 2020 Chefarzt der Pathologie am Bamberger Klinikum. Jetzt nennt sich seine Position "Senior medical consultant". Er hatte bis Ende 2019 noch zusätzlich eine Gemeinschaftspraxis in Bamberg. 

12.02.2021 © privat


Sie sagen, Sie haben noch nie solche Lungen gesehen. Wie kann man sich das vorstellen und wie verläuft so eine Obduktion?

Eine Lunge wiegt normalerweise links 130 Gramm und auf der rechten Seite 150 Gramm, die Lungen der verstorbenen Patienten hatten ein Gewicht von über 1000 Gramm. In der Lunge sind Hohlräume, damit ein Sauerstoffaustausch stattfinden kann. Bei einer Corona-Infektion kann man es sich so vorstellen, als ob man ein Kilo Butter schmilzt und es in die Hohlräume der Lunge laufen lässt. Die Räume sind gefüllt mit Eiweiß und Schleim und können keinen Sauerstoffaustausch mehr zulassen. Das ist natürlich eine enorme Belastung für den Körper. Ansonsten verläuft die Sektion wie jede andere auch. Wir öffnen den Brustkorb und den Bauchraum, entnehmen die Organe und nehmen bei Auffälligkeiten Proben für feingewebliche Untersuchungen. Herz, Lunge, Niere und Leber werden routinemäßig untersucht. Da wir noch nicht genau wissen, wie sich Corona auf das Hirn auswirkt, wird auch das Hirn entnommen. Eine Frau, die wir obduziert haben, hatte beispielsweise eine Hirnmassenblutung, also einen großen Schlaganfall, der nicht durch Corona, sondern durch eine nicht erkannte Gefäßerkrankung ausgelöst wurde. Die zum Tode führende Hirnblutung war zu Lebzeiten nicht erkannt worden, vielleicht weil die Frau an einer fortgeschrittenen Demenz litt.

Sind diese Menschen, von denen Sie gerade gesprochen haben, „an“ oder „mit“ Corona gestorben?

Also wir haben elf Verstorbene untersucht. Neun davon sind an einer Lungenentzündung gestorben, die durch Corona ausgelöst wurde. Zwei davon sind schneller gestorben, da sie mit Lungenerkrankungen vorbelastet waren. Eine Frau ist an einer Hirnmassenblutung gestorben und einer an einer Herzmuskelentzündung. In allen Fällen waren Vorerkrankungen bekannt. Ein erhöhtes Risiko für einen schweren bis tödlichen Verlauf von Corona ist das Alter und das Geschlecht, also besonders Männer ab 65, die zudem Diabetes und Bluthochdruck haben, vor allem wenn Letztere schlecht eingestellt sind, also beispielsweise ungenügend Medikamente einnehmen.

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Durch Ihre Untersuchungen haben sich schon einige Erkenntnisse ergeben. Inwiefern helfen diese bei der Prävention und geben Sie diese Informationen weiter?

Das Robert-Koch-Institut hatte zu Beginn der Pandemie davon abgeraten, Obduktionen bei Corona-Infizierten durchzuführen. Dann haben sich allerdings die Pathologen zu Wort gemeldet, da man Krankheiten in ihrer Entwicklung und Ausbreitung erst durch Obduktionen richtig verstehen kann. Wir geben unsere Erkenntnisse an die Ärzte und auch an die Angehörigen weiter und es werden alle Befunde an das Deutsche Register für Covid-19-Obduktionen übermittelt. Dadurch konnte zum Beispiel herausgefunden werden, dass das Virus Gefäßentzündungen auslöst. Mit diesem Wissen können die Ärzte in der Behandlung Komplikationen früher erkennen und eingreifen. Die Obduktion ist die effektivste und günstigste Methode für die Qualitätssicherung in der Medizin und hilft den Verlauf einer Infektion besser zu verstehen.

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Auf Facebook schreiben Sie zu einem Foto Ihres Impfpasses und einer Impf-Spritze „Ohne Alternative“, wurden Sie schon geimpft und ist die Impfung Ihrer Ansicht nach das einzige wirksame Mittel?

Nach Weihnachten wurden bei uns im Krankenhaus im Impfzentrum die Mitarbeiter geimpft und in diesem Zuge habe ich meine erste Impfung von Biontech bekommen. Ich bin generell ein Befürworter von Impfungen und befürworte das ganz massiv, denn Impfungen und Hygienemaßnahmen in der Medizin haben die größten Fortschritte für unsere Gesundheit bzw. Lebenserwartung gebracht. Natürlich freut es mich auch den Impfstoff von Biontech bekommen zu haben, da ich die Entwickler Ugur Sahin und Öslem Türeci aus meiner Zeit an der Uni in Homburg im Saarland kenne und über Jahre mit ihnen zusammengearbeitet habe. Die Impfung selbst war auch nicht schlimm, am Abend hatte ich etwas Schmerzen an der Einstichstelle, die am nächsten Morgen allerdings schon wieder weg waren. Mittlerweile habe ich auch schon die zweite Impfung erhalten ohne jegliche noch so geringe Nebenwirkung. Ich bin 67 und möchte möglichst gesund noch älter werden, natürlich haben maximal zehn Prozent der Infizierten einen schlimmeren Verlauf, aber man weiß ja nicht zu welcher Gruppe man gehört.  Vor allem, nachdem ich gesehen habe, was dieses Virus im Körper anrichtet, möchte ich das nicht riskieren. Mit der Impfung bin ich zumindest zu 95 Prozent sicher vor Corona.

Interview: NINA EICHENMÜLLER

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