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Schließung der Gerburtshilfe Forchheim wegen Corona: Das sagt der Chefarzt

Dr. Stefan Weingärtler im Interview der Nordbayerischen Nachrichten - 01.04.2020 09:00 Uhr

Im Zuge der Anti-Corona-Maßnahmen gelten auch am Klinikum Forchheim inzwischen strenge Zugangsbeschränkungen. © Giulia Iannicelli


Herr Dr. Weingärtler, war die später positiv getestete Hebamme in der Klinik oder hat sie ihren Verdacht von daheim aus mitgeteilt?

Dr. Stefan Weingärtler: Sie hat sich krankschreiben lassen und hat uns von zuhause informiert, dass der Test positiv ist.

Musste die Forchheimer Geburtshilfe in Kürze Gebärende auslagern – nach Bamberg, Erlangen oder andere Kliniken?

 Weingärtler: Wir haben bereits alle werdenden Mütter, die den errechneten Entbindungstermin vor dem 15. April haben, kontaktiert und Alternativen aufgezeigt. Die sich noch im Klinikum befindlichen Wöchnerinnen werden weiter behandelt bis zur regulären Entlassung.

Stefan Weingärtler, Chefarzt Gynäkologie und Geburtshilfe am Klinikum Forchheim-Fränkische Schweiz © Klinikum Forchheim


Heißt Schließung, dass die Mütter vorzeitig entlassen wurden? Oder wurden Patientinnen auf andere Abteilungen aufgeteilt?

 Weingärtler: Nein, wir haben niemanden vorzeitig entlassen und alle konnten in der Abteilung bleiben. Zur Sicherheit gab es aber Einzelzimmer und Abstriche wurden durchgeführt. Alle Mitarbeiter der Geburtshilfe, die direkten Patientenkontakt haben, werden regelmäßig auf das Coronavirus getestet. Nur diejenigen, die negativ getestet wurden, sind jetzt noch im Einsatz.

Wie ist das derzeit mit Schwangeren, die in den nächsten Tagen, eben bis 14. April, Geburtsttermine haben? Rät man ihnen, anderswo um ein Bett nachfragen?

 Weingärtler: Ja, wir haben bereits die umliegenden Geburtsstationen informiert.

Gab es in der letzten Woche Neugeburten in Forchheim?

 Weingärtler: Ja, sieben.

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Wie verhält sich das mit den Krankenhausmitarbeitern, deren Testergebnis noch nicht feststeht? Sie müssen ja in Quarantäne sein; springt hier Pflegepersonal aus anderen Klinik-Abteilungen bei den jungen Müttern ein?

 Weingärtler: Im Moment haben wir noch so viele Mitarbeiter in der Geburtshilfe, dass wir flexibel umdisponieren können und nicht auf andere Abteilungen zurückgreifen müssen. Die Schließung der Geburtshilfe ist eine reine Vorsichtsmaßnahme.

Warum nur für zwei Wochen?

Weingärtler: Während der nächsten vierzehn Tage werden alle Mitarbeiter, die Patientenkontakt haben, mehrmals getestet, so dass wir nach Ablauf dieser Zeit sehr sicher sein können, dass die Mitarbeiter, die die Schwangeren und Wöchnerinnen betreuen, nicht das Coronavirus weitergeben können. Zu Geburtsanmeldungen für die Zeit danach steht täglich von 8 bis 12 Uhr eine Hebamme im Kreißsaal telefonisch zur Verfügung, unter der Nummer (09191) 610334.

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Sind Schwangere durch das Coronavirus und dessen mögliche Folgen stärker gefährdet?

 Weingärtler: Ich beziehe mich auf neueste Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Demnach scheinen Schwangere vom  Coronavirus, also Sars-CoV-2, nicht gefährdeter zu sein als alle anderen.

Was gilt, wenn Schwangere engen Kontakt zu Personen hatten, die positiv getestet wurden?

 Weingärtler: Diese wenden sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen telefonisch an ihr zuständiges Gesundheitsamt oder rufen den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Telefonnummer 116117 sowie ihre/n Frauenarzt/ärztin an. Hier werden sie über alle weiteren Maßnahmen aufgeklärt.

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Welche Auswirkungen hat eine diagnostizierte Infektion auf das ungeborene Kind?

 Weingärtler: Es gibt weder Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten, noch darauf, dass das Virus während der Schwangerschaft auf das Baby übertragen werden kann. Allerdings ist die Datenbasis sehr klein. Bei den bisher dokumentierten Schwangerschaften war keines der Neugeborenen infiziert. Es wurden keine Auffälligkeiten bei Mutter und Kind berichtet.

Wie wirkt sich eine bestätigte Infektion mit dem Virus auf die Geburt aus?

 Weingärtler: Es gibt bis jetzt keine Anhaltspunkte dafür, dass nicht vaginal entbunden werden kann. Wenn eine Atemwegserkrankung vorliegt, kann eine Kaiserschnittgeburt erforderlich sein. Generell empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO, einen Kaiserschnitt nur dann durchzuführen, wenn dies medizinisch gerechtfertigt ist.

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Kann das Coronavirus auf das Baby übertragen werden?

 Weingärtler: Bis jetzt ist darüber noch wenig bekannt. Schwangere in einer Studie, bei denen im dritten Schwangerschaftstrimester eine Coronavirus-Infektion diagnostiziert wurde, haben das Virus im Mutterleib nicht an ihre Babys weitergegeben.

Werden Neugeborene auf das Coronavirus getestet?

 Weingärtler: Ja, wenn zum Zeitpunkt der Geburt bei der Mutter ein Coronavirus vermutet oder bestätigt wurde, wird das Kind auf Coronavirus getestet.

Darf bei einer gesunden Gebärenden der Partner bei der Geburt dabei sein?

 Weingärtler: Ja, sofern die Partner nicht positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurden oder Krankheitssymptome haben.

Interview: Ursula Persak

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