Warum nicht jede Gemeinde den Verein unterstützt

Tiere und ihre Retter in Not: Tierheim Forchheim steht vor großen Aufgaben

Patrick Schroll
Patrick Schroll

stv. Redaktionsleiter Nordbayerische Nachrichten Forchheim

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20.10.2021, 17:10 Uhr
Hunde suchen im Tierheim Forchheim nicht nur ein neues Zuhause, sondern auch Tierfreunde, die regelmäßig mit ihnen eine Gassi-Runde drehen. 

Hunde suchen im Tierheim Forchheim nicht nur ein neues Zuhause, sondern auch Tierfreunde, die regelmäßig mit ihnen eine Gassi-Runde drehen.  © Roland Huber

Er saß verängstigt und alleine in der Ecke. Die ganze Nacht über. Bis am nächsten Morgen Mitarbeiter des Tierheims Forchheim die Türen aufsperrten. Ein junger Hund ist in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über den Zaun geworfen worden. Wahrscheinlich von seinem bisherigen Besitzer. Langsam und vorsichtig nähern sich die Mitarbeiter dem verängstigten und verletzten Vierbeiner, zeigen ihm, dass es Menschen gibt, denen er vertrauen darf.

Wenige Wochen später scheint das Trauma überwunden. Der kleine Terrier springt freudig in die Höhe, sobald er die Leine sieht und Gassi gehen darf. Er genießt diese Momente und entwickelt sich zu einem regelrechten Schmuser. Er saugt die Zuwendung und Liebe, die ihm das Team des Tierheims entgegenbringt, auf. Beginnt, wieder dem Menschen zu vertrauen, der ihn zuletzt noch enttäuscht und ihm Angst gemacht hat.

Kein solides Fundament für das Tierheim

Das Tierheim in Forchheim ist Retter tierischer Seelen. Päppelt herrchen- und frauchenlose Tiere wieder auf. Von der kleinen Maus bis zur großen Dogge. Manche Tiere finden wieder ein neues Zuhause, andere verbringen ihren Lebensabend an der Staustufe am Kanal und freuen sich über Besucher, die regelmäßig mit ihnen eine Runde spazieren gehen.

Seit 31 Jahren ist das Heim in Forchheim-Nord ein Zuhause für Tiere. Ein Problem sind die Finanzen: Seit jeher finanziert sich der Tierschutzverein aus Spenden, Mitgliedsbeiträgen oder von Erträgen aus Stiftungen. "Das sind unkalkulierbare, unsichere Einnahmequellen", sagt Vereinsvorsitzende Marianne Wende.

Und auch die Kosten sind unkalkulierbar. Je mehr Tiere, desto mehr Geld gibt der Verein für Futter oder notwendige medizinische Behandlungen aus – bis hin zur teuren Operation in der Tierklinik. "Mit einem verletzten Tier gehen wir zum Tierarzt. Der entscheidet, ob ein Tier eingeschläfert werden muss oder in der Klinik noch behandelt werden kann. Bei manchen OPs sind schnell 1000 Euro weg", so Wende.

Mehr angefahrene Tiere erwartet

Jetzt im Herbst, wenn es länger dunkel und häufiger neblig ist, werden wieder verstärkt Katzen angefahren, sagt die Vorsitzende. Die Arbeit wird nicht weniger. Auch deshalb nicht, weil mit dem Ausklingen der Corona-Pandemie wieder mehr Zwei- und Vierbeiner in den Tierheimen Obdach finden. Im Lockdown und im Home-Office sind viele Menschen auf den Hund gekommen, für den sie im normalen Berufsalltag keine Zeit mehr haben.

Auch deshalb freut sich Marianne Wende über die Entscheidung der Stadt Forchheim. Sie unterstützt den Verein, der das Tierheim trägt, künftig deutlich stärker als bisher. Seit 2011 hat Forchheim die Arbeit pauschal mit 3000 Euro jährlich unterstützt. Schon damals wurde vorgeschlagen, die Summe an die Einwohnerzahl der Stadt anzupassen.

"Können Tiere über Nacht ja nicht zum Bürgermeister bringen"

Das ist im Landkreis üblich. 23 der 29 Gemeinden zahlen dem Verein pro Einwohner 10 Cent. Mit der jüngsten Entscheidung der Stadträte im Finanzausschuss schert Forchheim aus diesem Muster deutlich aus.

25 Cent pro Einwohner zahlt die Stadt jetzt. Pro Einwohner. Nach den neuesten Zahlen leben in Forchheim 34.144 Menschen. Macht über 8500 Euro im Jahr fürs Tierheim. Damit erhöht sich die jährliche Unterstützung deutlich –um über 5500 Euro. "Da freuen wir uns", sagt Wende im Gespräch mit der Redaktion. "Aber es gibt immer noch Gemeinden, die uns nichts zukommen lassen."

Kleinsendelbach, Dormitz, Weißenohe, Hiltpoltstein und Langensendelbach beteiligen sich nicht am Finanzierungssystem. Der Beitrag ist freiwillig. Wer das Tierheim jedoch nicht unterstützt, dem könnte eine Rechnung ins Haus flattern. Fundtiere, die in diesen Gemeinden eingesammelt werden und im Forchheimer Heim landen, werden dort trotzdem versorgt.

"Wir können sie ja nicht über Nacht zum Bürgermeister bringen", sagt Wende und hat dafür auch kein Verständnis. Sie vergleicht die Situation mit einem Hausbesitzer. "Man kann nicht erst dann eine Feuerversicherung abschließen, wenn es brennt."

Weil aber für die Aufnahme und Versorgung von Fundtieren die jeweilige Gemeinde zuständig ist, diese aber keine Möglichkeiten dazu haben, unterstützt beispielsweise die Stadt Forchheim das Tierheim. Die Kosten für Fundtiere aus den fünf nicht-teilnehmenden Orten stellt das Tierheim den Gemeinden in Rechnung.

Nach vier Wochen – diesen Zeitraum darf das Tierheim maximal in Rechnung stellen – kommen bei einer Katze rund 350 Euro zusammen, erklärt Wende. Zum Vergleich: Der Pauschalbetrag würde in Dormitz rund 200 Euro, in Weißenohe rund 110 Euro jährlich betragen.

Zerschlagenes Porzellan in Weißenohe

Im Fall von Weißenohe hat das auch Gründe, die mit "zerschlagenem Porzellan" zu tun haben. Die Kommunikation zwischen Tierschutzverein und Gemeinde war nicht immer die beste, sagt Bürgermeister Rudolf Braun (WGA). Aber nur daran liege es nicht. Schwamm drüber, sagt Braun.

"Wenn ein Tier bei uns gefunden wird, dann wird es nach Eckental oder Lauf gebracht. Also unterstützen wir das Tierheim dort. Wir haben keinen Bezug zum Tierheim Forchheim", sagt Braun. Außerdem sei seit Jahren kein Fundtier mehr gefunden worden.

Auch in Dormitz sind es geographische Gründe, warum das Forchheimer Tierheim von der Gemeinde keine Pauschale erhält. Bisher. Bürgermeister Holger Bezold (FW) will die Redaktionsanfrage zum Anlass nehmen, das Thema nochmal zu überprüfen. Denn er ist der Meinung, "dass es als Landkreisgemeinde natürlich richtig ist, eine Landkreiseinrichtung zu unterstützen".

Doch doppelt zahlen will Bezold auch nicht. "Für die klammen Haushaltskassen ist das auch nicht produktiv." Bisher unterstütze die Gemeinde den Tierschutzverein Eckental, weil dort die Fundtiere unterkommen. "Wer sich um die Tiere kümmert, soll das Geld bekommen."

Gleiches gilt für Kleinsendelbach. Der Ort unterstützt das Tierheim im benachbarten Landkreis, weil das einfach näher sei, so Bürgermeisterin Gertrud Werner. Sie will im Mitteilungsblatt demnächst die Bürgerinnen und Bürger darauf aufmerksam machen, Fundtiere in Eckental statt in Forchheim abzugeben. "Sonst stellt uns das Tierheim Forchheim eine Rechnung aus."

"Einen Neubau können wir uns nicht leisten"

Forchheims Stadträte zeigen sich aus mehreren Gründen spendabel: "Es trifft dort teilweise die ärmsten Geschöpfe. Jeder Euro ist dort gut angelegt und das Tierheim hat eine Modernisierung vor sich", so Bürgermeister Udo Schönfelder (CSU).

Doch wohin sich das Tierheim entwickelt, ob es an dieser Stelle auch in den nächsten Jahren bleibt, ist derzeit unklar. Deshalb liegen die Ausbaupläne auf Eis und auch die Idee eines Neubaus ist zuletzt zu den Akten gelegt worden. "Das können wir uns schlicht nicht leisten", sagte Wende bereits 2020 im Gespräch mit der Redaktion.

Einige Hundezwinger sind nach heutigen Standards zu klein, Kranken- und Quarantäneboxen nicht ausreichend vorhanden. Fünf Hundekäfige im Außenbereich wollte das Tierheim winterfest machen. Umbauten im Katzenzimmer und Reparaturen am Gebäude summierten sich nach der letzten Schätzung auf rund 400.000 Euro. Auch wenn der Verein Rücklagen hat, bleibt eine stattliche Summe übrig. Am Ende zählt jeder Euro.

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