Intensivbetten werden knapp

Weihnachtsmarkt in Forchheim abgesagt: Händler in Sorge - Chefarzt: "Uns sitzt die Angst im Nacken"

Patrick Schroll
Patrick Schroll

stv. Redaktionsleiter Nordbayerische Nachrichten Forchheim

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19.11.2021, 16:17 Uhr
Die Pyramide dreht sich dieses Jahr nicht auf dem Forchheimer Weihnachtsmarkt.

Die Pyramide dreht sich dieses Jahr nicht auf dem Forchheimer Weihnachtsmarkt. © Anestis Aslanidis, NN

Der Gongschlag für den Forchheimer Weihnachtsmarkt kommt am frühen Freitagnachmittag: Bayern zieht die Corona-Notbremse. "Die Inzidenz läuft hoch und die Betten voll", sagt Ministerpräsident Markus Söder und handelt. Weihnachtsmärkte sind landesweit abgesagt, die Corona-Regeln werden bis zum 15. Dezember verschärft. Zu diesem Zeitpunkt steht ein Transporter voller Socken in der Innenstadt. Gleichzeitig erfährt der sichtlich schockierte Standbetreiber am Telefon von der Absage.

Die Sockenlieferung kam am Freitagnachmittag, kurz nachdem die Märkte bayernweit abgesagt wurden. 

Die Sockenlieferung kam am Freitagnachmittag, kurz nachdem die Märkte bayernweit abgesagt wurden.  © Anestis Aslanidis, NN

In den letzten Tagen hat die Stadt an dem Markt, dem Glauben und der Hoffnung festgehalten. Gehofft, dass sich die Corona-Lage nicht noch weiter verschärft. Doch sie tut es. Die Zahl der Infizierten im Landkreis war nie größer, wird täglich mehr. Auch Michael Drliczek, Schausteller-Urgestein aus Fürth und seit Jahrzehnten Gast auf dem Forchheimer Annafest und dem Weihnachtsmarkt, hat bis zuletzt gehofft.

"Im Moment ist die Gefühlslage sehr gemischt", sagt er im Gespräch mit der Redaktion. Gedanklich hat sich mancher Schausteller auf das schlimmste Szenario eingestellt. "Es hat sich in den vergangenen Tagen immer mehr abgezeichnet, dass das kommen kann", so Drliczek. Nicht nur weil die Corona-Zahlen allgemein explodieren, sondern auch die freien Betten auf den Intensivstationen der Krankenhäuser knapper werden. Auch Forchheim ist davon betroffen. Ein kurzer Blick vom Weihnachtsmarkt in die Klinik.

Nach aktuellem Stand von Freitag sind von 13 Betten noch drei frei. Einen Tag vorher standen noch fünf zur Verfügung. Von den zehn belegten Intensivbetten werden drei für Coronainfizierte gebraucht. Eine Person halten die Ärzte mit einer invasiven Beatmung am Leben. 29 leichtere Coronafälle liegen auf der Isolierstation. Zudem gibt es vier Verdachtsfälle.

Chefarzt für Intensivmedizin: "Uns sitzt die Angst im Nacken"

Ulrich von Hintzenstern, Chefarzt für Intensivmedizin am Klinikum Forchheim lässt hinter die Kulissen im täglichen Kampf gegen Covid blicken: "Die Stimmung ist derzeit sehr angespannt. Uns sitzt die Angst im Nacken, dass es wieder zu einer Situation wie im letzten Jahr kommen könnte, die eine maximale Belastung für uns alle dargestellt hat."

Zeitgleich sind Mitarbeiter im Krankenstand: Zehn Corona-Positive am Standort Forchheim. Das belastet (noch) gesunde Mitarbeiter zusätzlich. "Dazu kommt dann noch, dass immer mehr corona-positive Patienten ins Krankenhaus kommen, die eine sehr aufwendige und intensive Betreuung benötigen", sagt von Hintzenstern. Mehr Personal sei wünschenswert, der Markt aber leergefegt. Deshalb greift die Einrichtung auf Medizinstudenten im Haus zurück. "Die Studenten können uns zum Beispiel bei jeder Form von Papierkram und Telefondiensten entlasten."

Das Krankenhaus verschiebt allein nächste Woche über 30 Operationen, die nicht dringend notwendig sind. Damit reagiert die Klinik auch auf staatliche Vorgaben, um Kapazitäten für Corona-Patienten frei zu halten. "Die Gesundheits- und Notfallversorgung ist sichergestellt", stellt Klinik-Sprecherin Franka Struve aber klar.

Schaustellern könnte eine Insolvenzwelle drohen

Unklarer ist hingegen die Zukunft für die Schausteller. "Wir hoffen auf die angekündigten Entschädigungen", sagt Drliczek. Er spricht dabei auch in seiner Funktion als Beauftragter des Süddeutschen Schaustellerverbandes für die Region Forchheim: "Wir brauchen Unterstützung wie die November- und Dezemberhilfen im vergangenen Jahr, sonst können wir die Insolvenzwelle nicht abwenden."

Betroffen von der Absage seien nicht nur die Unternehmer selbst. "Ich habe zwei Mitarbeiter extra für die Weihnachtsmarkt-Zeit eingestellt und ihnen eine Arbeitszusage bis Weihnachten gegeben. Die wollen auch ihren Lohn haben."

OB Kirschstein kritisiert Staatsregierung: "Auf Eigenverantwortlichkeit vertrauen"

Forchheims Oberbürgermeister Uwe Kirschstein (SPD) kritisiert die Staatsregierung für die Entscheidung kurz vor dem Wochenende. "Es kann nicht sein, dass das Land am Freitagnachmittag regiert wird und unter der Woche nicht", ärgert er sich. Seiner Meinung nach hätte der Markt mit dem vorgesehenen Hygienekonzept stattfinden können. Er glaube an die Eigenverantwortlichkeit der Besucher. "Das traut die Staatsregierung den Menschen anscheinend nicht mehr zu."

Eine Vielzahl der Buden seien städtische. Sie werden jetzt wieder abgebaut. Die drei Weihnachtsengel werden arbeitslos, die Verlosung ist wohl auch obsolet. Genaueres will der OB nächste Woche klären.

Für seinen erst frisch aufgebauten Glühwein- und Crepes-Stand hat Drliczek bei seinem Lieferanten die Ware schon bestellt. Dinge, die ungenutzt ungenießbar werden oder - Beispiel Lebkuchen - schon im Januar nicht mehr an die Frau und den Mann zu bringen sind. "Auch die Lieferanten können nicht alle Waren wieder komplett zurücknehmen", sagt der Schausteller.

Trotz der schwierigen Lage hat Michael Drliczek nicht nur Verständnis für die Lieferanten, sondern zum Teil auch für die Entscheidung der Regierung. Alle Branchen müssen ihren Beitrag leisten, um die Infektionslage einzudämmen. Das sei fair.

Motivierend ist die Lage deshalb freilich nicht. "Es sind komische Zeiten", sagt Drliczek. "In denen du nichts planen kannst."