Logistischer Kraftakt

Fränkische Retter im Flut-Chaos: Warum viele auf Einsätze warten - und manche tatenlos abreisen

Tobi Lang
Tobi Lang

Online-Redakteur

E-Mail zur Autorenseite

18.7.2021, 15:34 Uhr
Der Nürburgring ist einer von vielen sogenannten Bereitstellungsräumen, in denen die Rettungskräfte gesammelt werden. 

Der Nürburgring ist einer von vielen sogenannten Bereitstellungsräumen, in denen die Rettungskräfte gesammelt werden.  © MARC JOHN via www.imago-images.de, imago images/Marc John

Zwischen Boxengasse und Rennstrecke wird das organisierte Chaos verwaltet. Auf dem Nürburgring, wo sonst hochmotorisierte Boliden um Hundertstelsekunden kämpfen, reiht sich am Wochenende ein Rettungswagen an den nächsten. Die Bundeswehr hat Räumpanzer akkurat aufgestellt, nur wenige Meter entfernt bringt sich das Technische Hilfswerk mit seinen tiefblauen Radladern in Position. Die Ausmaße, die die Bewältigung der Flut-Katastrophe in Rheinland-Pfalz hat, die Zehntausenden Einsatzkräfte, der unbedingte Willen zu helfen, lässt sich derzeit wohl am besten hier erahnen. Nicht nur aus dem eigenen Bundesland, auch aus Bayern und vielen anderen Gebieten Deutschlands haben sich Retter versammelt, um sich der Anarchie der Flut zu stellen. Noch immer geht es um Leben und Tod, noch immer werden möglicherweise Verschüttete vermisst, noch immer steht den Opfern die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben.

In einer Eventhalle am Nürburgring werden derzeit Spenden gesammelt. 

In einer Eventhalle am Nürburgring werden derzeit Spenden gesammelt.  © MARC JOHN via www.imago-images.de, imago images/Marc John

Am Samstagabend traf weitere Unterstützung aus Franken am Nürburgring ein. Gut 125 Retter des Bayerischen Roten Kreuzes, des Arbeiter-Samariter-Bundes und des Malteser-Hilfsdienstes machten sich von Hösbach auf nach Rheinland-Pfalz, um zu helfen - und um Menschenleben zu retten. "Wir sind beeindruckt, welche Ressourcen zur Verfügung stehen", sagt Max Kippnich, Leitender Notarzt der Kräfte aus Unterfranken. Boote, Amphibienfahrzeuge, Hubschrauber - das Innenministerium stellt zur Verfügung, was geht. In einer Blindenschule, nur wenige Kilometer von der Rennstrecke entfernt, schlugen die Retter ihr Lager auf. Theoretisch können sie über Tage autark arbeiten, sie sind versorgt mit Lebensmitteln, Strom und Heizungen. "Der Stab ist aufgebaut und wir sind bereit, für möglich Einsätze", meldet Kippnich am frühen Sonntagnachmittag. Nur Minuten später rückte das sogenannte "Hilfskontingent" aus Bayern tatsächlich aus.

Bayerische Retter ohne Einsatz wieder abgereist

So reibungslos lief es aber nicht für alle Einsatzkräfte. Bereits am Freitagmorgen, nur Stunden nachdem die Gebiete in Nordrhein-Westfalen überflutet wurden, schickte die bayerische Wasserwacht nach einem Hilfeersuchen des dortigen Innenministeriums eine Truppe in den Norden. Nach nur wenigen Stunden im Flut-Chaos rückten die Retter wieder ab - sie waren länger auf der Autobahn unterwegs als in den Überschwemmungsgebieten.

Auch Luftrettungsspezialisten, die mit Hubschraubern der Bundespolizei nach Rheinland-Pfalz eilten, blieben größtenteils beschäftigungslos. Währenddessen machten Bilder von Menschen, die auf den Dächern ihrer eigenen Häuser strandeten, die Runde. Dämme drohten zu brechen, die Infrastruktur kollabierte vielerorts. Die sogenannten Bereitschaftsräume, in denen die Kräfte gesammelt werden, aber sind voll. Einige Retter berichten von Chaos und einer unklaren Lage vor Ort.

"Im Zweifel über den Durst alarmieren"

Wie das sein kann? Christoph Schöneborn versucht sich an einer Erklärung. "Einen solchen Schadensfall gab es in der Geschichte des Landes noch nie", sagt der Geschäftsführer des Landesfeuerwehrverbandes in Nordrhein-Westfalen. "Dass da der Bedarf bei der Alarmierung möglicherweise nicht scharf eingeordneten werden kann, ist klar." Das sei gar kein Fehler – sondern schlichtweg dem Ausmaß der Katastrophe geschuldet. "Man muss in solchen Lagen im Zweifel immer über den Durst alarmieren."

Allein in Nordrhein-Westfalen sind 23.000 Retter im Einsatz. 

Allein in Nordrhein-Westfalen sind 23.000 Retter im Einsatz.  © MARC JOHN via www.imago-images.de, imago images/Marc John

Warum die Retter aus Bayern teils nicht zum Einsatz kamen, dazu kann Schöneborn nur mutmaßen. Womöglich seien die Kräfte für den Fall weiterer Dammbrüche oder Evakuierungen vorgehalten worden. "Auch während der Anfahrt über Hunderte Kilometer etwa aus Bayern kann jede Menge schief gehen", sagt der Landesgeschäftsführer. "Gerade bei Katastrophenschutzfahrzeugen, die sonst wenig bewegt werden, wäre eine Panne nichts ungewöhnliches." In der Tat berichten aber auch Retter aus Nordrhein-Westfalen selbst, auf Einsatzbefehle zu warten. "Wir haben alle so ein Helfergen, besonders wenn eine Katastrophe vorliegt", sagt Schöneborn. "Das ist schon enttäuschend und emotional, wenn man dann nicht angefordert wird."

Organisation ist logistischer Kraftakt

Am Rande einer Pressekonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel gestand auch Malu Dreyer Probleme im Krisenmanagement ein. "Ich bitte um Verständnis. Manche, die helfen wollen, können hier nicht gut organisiert werden", sagte die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz. "Es sind einfach zu viele." Die SPD-Politikerin beschwör einen nationalen Kraftakt, alle Rettungskräfte werden wohl noch "über Monate gebraucht". Es geht darum, ganze Landstriche wiederaufzubauen.

Grundsätzlich können Einsatzkräfte aus anderen Bundesländern nur von Innenministerium zu Innenministerium alarmiert werden. Sie stellen sogenannte Hilfeersuchen, besonders dann, wenn der Katastrophenfall ausgerufen wird. Auf Länderebene liegt auch die Koordinierung der sogenannten ortsfremden Retter. Auf eine entsprechende Anfrage der Nürnberger Nachrichten reagierte das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen bislang noch nicht.

Die Verwaltung des Chaos ist ein gewaltiger Kraftakt - das zeigt allein schon das Ausmaß der Bereitstellungsräume. "Mit einer Turnhalle kommen Sie da häufig nicht weit", erklärt Schönborn vom Feuerwehrverband. "Allein schon, weil es an Parkplätzen für die riesigen Fahrzeuge fehlt." Überall in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz wurden Räume eilig umfunktioniert, Feldbetten aufgeschlagen, Versorgungsstationen und mobile Tankstellen installiert. Schönborn schätzt, dass alleine in NRW in den letzten Tagen eine "hohe zweistellige Zahl an Bereitschaftsräumen aktiv war".

Die Retter aus Bayern sind jedenfalls bereit zu helfen. Der Trupp aus Unterfranken rückte am Sonntag zu einer sogenannten "technischen Unterstützung aus", hinter der sich alles verbergen kann. Ein überfluteter Keller, ein Unfall – oder ein Mensch in akuter Lebensgefahr. "Unsere Einheiten sind unterwegs und erkunden die Lage", sagt Kippnich, der leitende Notarzt aus Unterfranken. Es werden emotionale Stunden und Tage im Katastrophengebiet.