Freitag, 22.11.2019

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Abzüge treiben Rentner auf die Straße

Demo in Fürth: Nachträglich erhobene Krankenkassenbeiträge sorgen für dicke Luft - 27.10.2019 16:00 Uhr

Ein Teilnehmer der Auftaktkundgebung am Paradiesbrunnen führt es mit selbstgeschneiderter Kostümierung vor Augen: Viele rückwirkend zur Kasse gebetenen Ruheständler fühlen sich als Sträflinge einer verfehlten Politik zur Sanierung der Krankenkassen.


Ein Sozialbetrug, wie die im Verein Direktversicherungsgeschädigte organisierten Menschen meinen. Dagegen sind sie am Samstag in vielen Städten auf die Straße gegangen. Zu den rund 300 Menschen, die sich in Fürth am Paradiesbrunnen versammelt haben, gehört Elke Brunner. Warum sie gekommen ist? "Wenn ein Privater rückwirkend einen Vertrag ändert, wandert er in den Knast. Wenn aber die Bundespolitik das tut, wird sie vom Gericht gedeckt", sagt sie und beklagt "mafiöse Strukturen in der Gesetzgebung".

"Maßlos enttäuscht" ist auch Manfred Steinberg aus Rednitzhembach. "Ich hätte nie gedacht, dass ich als Konservativer einmal auf die Straße gehen werde." Ob mit solchen Demonstrationen das Ruder herumgerissen werden kann? "Es würde weniger bringen, wenn ich zu Hause bliebe", sagt Steinberg. Dass ausgerechnet Rentner zur Kasse gebeten werden, die doch in die Sozialversicherung einbezahlt haben und aufs Geld schauen müssen, findet Erwin Lödel aus Oberasbach empörend.

Mit zehn Mitstreitern ist Norbert Haueis aus Regensburg zur Demo nach Fürth gefahren, weil in seiner Heimatstadt keine Protestveranstaltung auf die Beine gebracht werden konnte. Er klagt über einen Verlust von 30 000 Euro an seiner Alterssicherung. Kein Pappenstiel.

Falsche Hoffnungen

Der Nürnberger Hermann Leber hat wie viele andere 1990 eine Direktversicherung über seinen Arbeitgeber mit der Nürnberger Versicherung abgeschlossen. Noch 2004 wurde ihm nach eigenen Worten schriftlich versichert, dass er keinerlei Abzüge von den Versicherungsbeiträgen befürchten müsse. Doch letztes Jahr kam dann die Forderung der Krankenkasse. Leber suchte sich einen Rechtsbeistand. Geholfen hat es ihm bislang nicht.

Wachsender Druck

Nur wenn der Druck der Straße größer wird, lässt sich die große Koalition vielleicht zum Einlenken bewegen, meint Versammlungsleiter Frank Müller. Denn die Fehlentwicklung sei in der Annahme losgetreten worden, dass die Rentner schon nicht aufmucken. "Wir müssen der Politik noch stärker auf die Nerven gehen", lautet Müllers Parole. Was Politiker und Direktversicherer in Deutschland veranstalteten, sei Enteignung.

"Direktversicherungsgeschädigte werden doppelt und teilweise auch dreifach mit Krankenkassenbeiträgen belastet", schimpft Hartmut Reincke aus Oberreichenbach. Sechs Millionen Menschen seien hier zu Lande davon betroffen und jährlich würden es 250 000 mehr.

Um sich auch farblich auf der politischen Bühne in Position zu bringen, haben die Demonstranten magentafarbene Westen angezogen. Man wollte sich auch von den Gelbwesten in Frankreich abheben, erklärt Frank Müller. "Wir sind viele, wir sind laut, weil man uns die Rente klaut", hallt es in Sprechchören beim Demonstrationszug durch die Fußgängerzone zum Rathaus und weiter zum Grünen Markt.

Viele Demonstranten tragen sich in Petitionslisten für eine nachhaltige und vertrauenswürdige Altersversorgung ein. Reden dürfen außer Mitgliedern des Vereins der Direktversicherungsgeschäditgen nur Vertreter der Freien Wähler, der Liberalen und der Linkspartei. SPD, CSU und Grüne, die für die Schräglage verantwortlich gemacht werden, haben gewissermaßen Hausverbot. Zumindest bis auf weiteres.

Volker Dittmar

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