Donnerstag, 29.10.2020

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ALFA-Mobil: Endlich Lesen und Schreiben!

Das Projekt machte in der Fürther Fußgängerzone Station - 19.09.2020 21:00 Uhr

Dan Mohr hat erst vor drei Jahren wieder das Schreiben und Lesen gelernt und motiviert nun Betroffene, es ihm gleich zu tun.

© Foto: Hans-Joachim Winckler


Die Zahlen klingen erschreckend: Bundesweit können mehr als sechs Millionen Erwachsene so schlecht lesen und schreiben, dass sie als funktionale Analphabeten gelten. Allein in Fürth dürften, so schätzt der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung, etwa 10 000 Frauen und Männer mit Zeitunglesen, E-Mail-Schreiben oder dem Verfassen einer kurzen Notiz für die eigenen Kinder größte Probleme haben.

Um diesen Menschen Wege aufzeigen, wie sie auch als Erwachsene noch lesen und schreiben lernen können, ist der Bundesverband seit nunmehr drei Jahren in ganz Deutschland unterwegs und leistet wertvolle Aufklärungsarbeit.

Auf Einladung der VHS und des Mehrgenerationenhauses – beide Einrichtungen bieten in Fürth Kurse für funktionale Analphabeten an – machte das ALFA-Mobil nun in der Fußgängerzone Station und informierte umfassend über das Thema.

"Sehr scheue Zielgruppe"

"Unsere Zielgruppe ist sehr scheu", weiß Projektmitarbeiterin Friederike Risse. "Die Menschen haben oft mehrere Jahrzehnte in Heimlichkeit gelebt und Strategien entwickelt, ihre Probleme mit dem Lesen und Schreiben nicht zu zeigen." Auch wenn es vereinzelt vorkomme, dass auch Betroffene selbst am Infostand Hilfe suchen, sind es doch zumeist Menschen aus deren mitwissendem Umfeld, die den ersten Kontakt herstellen – Ehepartner, Freunde oder Kollegen.

So war es auch bei Dan Mohr aus Mainz, den zwei seiner Arbeitskollegen vor drei Jahren ohne sein Wissen an der dortigen Volkshochschule zu einem Kurs anmeldeten. 40 Jahre hatte der heute 62-Jährige als Dachdecker gearbeitet. Dass er nicht lesen und schreiben konnte, kümmerte kaum jemanden.

Schwerer Schritt

Als aber seine Firma zusperrte und Mohr plötzlich mit Bewerbungsunterlagen und Personalbögen konfrontiert war, ging es dann doch nicht mehr. "Erst wollte ich gar nicht in den Kurs, denn anfangs war es sehr schwer. Aber ich habe es durchgezogen und bin heute sehr froh, diesen Schritt getan zu haben", sagt er.

Dan Mohr ist nun bereits seit drei Jahren mit dem ALFA-Mobil unterwegs, um als ehemaliger Betroffener Leidensgenossen Mut zu machen und von der neuen Lebensqualität zu berichten, die er durch den Kurs erlangt hat. "Ich bin jetzt viel selbstständiger und bei Ämtern nicht mehr auf andere angewiesen." Auch den Motorradführerschein hat er mittlerweile erworben – und die VHS besucht er weiterhin, um noch besser zu werden.

Warum gibt es in einem Land mit einem ausgeklügelten Schulsystem überhaupt so viele funktionale Analphabeten, auch unter den Muttersprachlern? Viele Betroffene, weiß Friederike Risse, hätten durchaus in der Schule lesen und schreiben gelernt. "Aber man kann das auch wieder verlernen."

Prekäre Verhältnisse

Und wenn es in der Schule schon nicht so gut lief, suchten sich Betroffene oft Berufe, in denen Schriftsprache nur wenig gefordert ist. Viele landen in prekären Arbeitsverhältnissen. Allerdings sorge die zunehmende Digitalisierung aller Lebensbereiche dafür, dass es ohne Schriftverständnis kaum noch geht – sei es bei E-Mail-Verkehr, Onlinebanking oder der Smartphone-Nutzung. "Die Welt ist komplizierter und schriftsprachlastiger geworden", so Risse.

Dass Lesen und Schreiben auch noch im Erwachsenenalter erlernt werden kann, dafür ist Dan Mohr ein gutes Beispiel. In Fürth leisten die Kurse der VHS und des Mehrgenerationenhauses in der Gartenstraße einen wichtigen Beitrag. Dort stehen regelmäßig Beratungstermine auf dem Programm.

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