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Ausgehöhlte Existenz

„Kinder der Sonne“: Ute Weiherer inszeniert Gorki - 09.11.2013 13:47 Uhr

Viele darstellerische Möglichkeiten eröffnet im Kulturforum die dreistufigen Bühne. Sie kann zum Garten werden, aber auch zum Labor, Atelier oder Wohnzimmer. © Hans-Joachim Winckler


Auferstanden aus der Flaute. Gorkis „Kinder der Sonne“ gehörte lange Zeit wirklich nicht zu den Spielplan-Lieblingen. Spätestens seit Stephan Kimmigs hochgelobter Inszenierung 2010 am Deutschen Theater Berlin ist das anders. Die Strahlkraft des Stücks mit dem melancholischen Witz hat jetzt auch Fürth erreicht und vereint zum zweiten Mal das freie Bagaasch-Ensemble mit dem Stadttheater.

Maxim Gorki schrieb seine Sonnenkinder 1905, während er in Petersburg im Arrest saß. Er hatte gegen den Zaren protestiert und ahnte, dass die große Revolution in Russland bevorstand. Die Sprengkraft der sozialen Spannungen zwischen denen, die noch behaglich in einer feudalen Welt lebten, und dem sich erhebenden Proletariat brachte der Dramatiker mit erstaunlich leichter Hand und verstörenden Pointen auf die Bühne.

Radikaler Schnitt

Ute Weiherer (Regie/Dramaturgie/Ausstattung) kappt die Nabelschnur des Werks zu diesem historischen Ursprung radikal. Das ist kein überraschender Schritt. Umso erstaunlicher dafür, wie gut Gorkis Text heute funktionieren. Es sind die Aha-Momente des Wiedererkennens aktueller Strukturen, die nun den Reiz dieses Stücks ausmachen.

Doch die Bagaasch-Fassung bleibt auch eine Verankerung in unserer Zeit letztlich schuldig. Stattdessen löst diese Inszenierung Stück und Stoff weitestgehend aus jeglichem Kontext. Das funktioniert gut, so lange es um das reine Miteinander geht. Anscheinend beharren Gesellschaften auf immer und ewig auf ein Oben und Unten.

Auch in der Gruppe, die sich um den Genforscher Pawel (Uwe Weiherer) schart, gibt es die feinen Unterschiede zwischen „Unseresgleichen“ und „denen da“. Abgeschottet von der Außenwelt existieren diese gebildeten Egozentriker vor sich hin. Schwafeln von Utopien, ergehen sich in Kopfgeburten und faseln sich ihr ganz persönliches Biotop schön. Hier wird der Verfall einer Elite vorgeführt, die sich selbst in die geistige Käfighaltung begeben hat.

Diffus geworden

Und, ja doch, es gibt sie, die anderen. Die nicht zu dieser Gruppe der Begüterten zählen, die weder ihre Macken noch ihre emotionalen Defizite pflegen, sondern arbeiten, um zu überleben. Für Gorki waren sie das Proletariat. In Weiherers Welt sind die Unterscheidungsmerkmale diffus geworden.

Der Schlosser Jegor (Stefan Reichel) säuft und schlägt seine Frau — zeichnet ihn das heute als Mitglied einer anderen Schicht? Fima (Alexandra Hacker), das Dienstmädchen, macht das Dilemma dieser Aufführung anschaulich: Sie ist exakt so, wie junge Frauen im 21. Jahrhundert sein können. Herausfordernd bei Bedarf, kess, selbstbewusst. In Gorkis Welt eine Revolte. In dieser Inszenierung indes fehlt der klar erkennbare Bruch mit einer zuvor festgelegten Rolle. Damit wird leider die entscheidende Reibungsfläche der Tragikomödie wesentlich schmäler.

Agiert wird auf einer durchdachten dreistufigen Spielfläche, die Garten sein kann, Labor, Atelier, Wohnzimmer. Requisiten tauchen nur in Form eines Eierkartons auf, dafür hat Ute Weiherer den Spielenden wiederkehrende Zeichen mitgegeben. Lisa (Rike Frohberger) ringt die Hände, Schlimmes ahnend und verzweifelt wie eine Ertrinkende in der Flut ihrer Emotionen.

Uwe Weiherer, der als überragender Darsteller das Spiel fokussiert, fasst als Pawel der Frau, die sich leidenschaftlich in ihn verliebt hat, mehrfach abschätzig an die Nase — kann es eine Geste geben, die weniger erotisch ist?

Wenn irgendwann alles gesagt ist, keiner mehr einen Schimmer hat, wie es weitergehen kann, weil endgültig ausgehöhlt wurde, was die Gruppe aufrecht zu halten schien, in genau diesem Moment stürmt die Außenwelt herein. Wer dazu zählt? Die Antwort bleibt diese Inszenierung, die viele Fäden lose lässt, schuldig. Nur eines ist sicher: Kinder einer alle vereinenden, alle wärmenden Sonne sind wohl wieder nicht darunter.

„Kinder der Sonne“ von Maxim Gorki im Kulturforum: am heutigen Samstag und vom 28. bis 30. November, jeweils 20 Uhr.

Die Theaterkasse ist erreichbar unter Tel. (0911) 9742400, Mail: theaterkasse@fuerth.de

SABINE REMPE

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