Dienstag, 22.10.2019

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Autos sollen von der Fürther Freiheit verschwinden

Klare Worte von Oberbürgermeister Thomas Jung bei Podiumsdiskussion - 21.09.2019 06:00 Uhr

Grundsätzlich befürwortet auch Fürths OB Thomas Jung die Pläne, die Fürther Freiheit in der Zukunft nicht mehr als Großparkplatz zu nutzen. © Hans-Joachim Winckler


Wir müssen umsteigen. Klimawandel und drohender Verkehrskollaps erfordern neue Konzepte. Fragt sich nur: Wie sieht möglichst emissionsfreie Mobilität konkret aus? Bei einer Podiumsdiskussion zur Verkehrswende in Fürth kamen Pläne zur Sprache und greifbare Ziele. Zum ersten Mal gab es ein ganz klares Bekenntnis: Die Fürther Freiheit soll in der Zukunft kein Parkplatz mehr sein.

Erste Gedankenspiele hatte man dazu im vergangenen Jahr vom Stadtplanungsamt gehört. Nun gab es in der Talkrunde ein grundsätzliches Ja zum Abschied vom Autoabstellen auf dem zentralen Innenstadtplatz auch von Oberbürgermeister Thomas Jung: "Dieses Ziel ist auch meines." Allerdings schränkte er ein, dass er für eine solche Entscheidung natürlich zunächst Mehrheiten im Stadtrat und in der Bevölkerung organisieren muss.

Wichtig sei der Dialog mit allen Beteiligten. Im Übrigen stehe der Parkplatz auf der Freiheit bereits jetzt nur knapp die Hälfte des Jahres zur Verfügung, zudem sei er gerade um ein Drittel verringert worden. Jung machte darüber hinaus deutlich, dass mit ihm in puncto autofreie Freiheit keine "radikale Entscheidung über Nacht" zu erwarten sei.

Brisantes Thema an idyllischer Stelle: Die Innenstadt-Bibliothek über den Dächern von Fürth war bestens gefüllt, als das Podium über neue Formen der Mobilität diskutierte. © Foto: Tim Händel


Die Podiumsdiskussion, zu der die Stadt im Rahmen der Europäischen Mobilitätswoche geladen hatte, ließ die Innenstadtbibliothek in der Neuen Mitte aus allen Nähten platzen. Vor den zahlreichen Zuhörern wandte sich Andreas Sauter als regionaler Vertreter des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) und des Vereins Fuß, energisch gegen die Formulierung, für die Verkehrswende müssten "Opfer erbracht werden".

Mehr Lebensqualität

Sauter betonte: "Es geht nicht um Opfer, sondern um mehr Lebensqualität und um eine vernünftige Verkehrspolitik, die auch nicht zu Lasten des Gewerbes gehen soll." Beispiele dafür gebe es längst zur Genüge, etwa in Zürich oder Wien.

Christine Lippert, Baureferentin der Stadt Fürth, erinnerte beim Stichwort autofreie City an ein Sprichwort: "Der Geldbeutel geht zu Fuß." Soll heißen: Attraktive Fußgängerzonen locken nachweislich mehr Käufer an als ein paar Parkplätze direkt vor der Tür.

In Fürth wurde ja zum Beispiel jüngst im Zuge der Neue-Mitte-Planung ein Teil der Hallstraße verkehrsfrei, diese Straße wird bald vor dem künftigen "Flair" als Fußgängerzone fortgesetzt. OB Jung: "Die Investoren haben das von Anfang an ins Spiel gebracht."

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Mit 18,5 Prozent ist der Verkehr derzeit der zweitgrößte Verursacher von Treibhausgasemissionen in Deutschland, verdeutlichte Wolfgang Händel, Leiter der FN-Lokalredaktion, der die Debatte moderierte. Und seit Jahren bleibe dieser Wert annähernd stabil, während er in anderen Sektoren teils deutlich sinke. Was also tun, um eine nachhaltige Reduzierung zu erreichen?

Ein Rezept: Wer statt ins eigene Auto in Bus oder Bahn steigt, trägt nicht zuletzt dazu bei, die Klimaziele zu erreichen. "Den Öffentlichen Personennahverkehr nicht zu nutzen, muss unattraktiver werden", regte deshalb Marcus Steurer an – etwa durch weniger und teurere Autostellplätze in der Innenstadt. Der Geschäftsführer der städtischen infra, zuständig für den ÖPNV in Fürth, fügte hinzu: Gleichzeitig müsse das Angebot selbst aber noch besser werden.

Langfristig müsse man zum Beispiel das Liniennetz in Fürth komplett neu denken, um den im Lauf der Jahre hinzugekommenen Anforderungen und Veränderungen gerecht zu werden. Steurer verriet, dass er selbst unter anderem einen E-Scooter nutzt, um von der infra in der Südstadt zum Rathaus zu kommen. Und Rathauschef Jung hielt einmal mehr ein flammendes Plädoyer für mehr Elektromobilität, die nicht nur Abgase, sondern auch Lärm eindämme.

Nicht zum ersten Mal brachte Stephan Stadlbauer vom Fürther Sozialforum einen Vorschlag in Sachen attraktiver ÖPNV ins Spiel: "Gratis fahren statt kostspielige Tarife." Finanziert werden, so Stadlbauer, könnte dieser Plan von der Stadt zum Beispiel durch eine Erhöhung der Gewerbesteuer.

Deutliche Absage

"Das klingt banal, aber eine solche Anhebung wäre fatal", konterte der OB umgehend, denn man müsse in Sachen Gewerbeansiedlung im Wettbewerb mit anderen Kommunen konkurrenzfähig bleiben. "Mit uns wird es das nicht geben", betonte er deshalb.

Jung wies darauf hin, dass es ja im ÖPNV bereits Anreize und Vergünstigungen gebe, etwa mit dem Fürth-Pass. Im kommenden Jahr soll, wie berichtet, das 365-Euro-Jahresticket für Schüler und Auszubildende im VGN hinzukommen.

Ein wichtiger Ansporn, mit der Verkehrswende Ernst zu machen, ist für Olaf Höhne natürlich der weitere Ausbau von sicheren Fahrradwegen. Der Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs Fürth (ADFC) lobte die Zusammenarbeit mit der Stadt. Es gebe "sehr viele Ansätze, die nach vorne gehen". Trotzdem liege der Anteil der Radler in Fürth nur bei 9,7 Prozent, während in Erlangen zwischen 25 bis 28 Prozent der Verkehrsteilnehmer radeln.

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Zuwachs könnte bringen, was der OB ankündigt: Künftig werde es acht Fahrradstraßen in Fürth geben. Damit sollen auch Alternativen zu stark frequentierten Strecken geschaffen werden, zu denen zweifellos die Schwabacher Straße zählt. Dort haben Radfahrer seit kurzem bereits mehr Platz in der Bahnunterführung – ein weiterer Schritt, um eine gefahrlosere Verbindung zwischen Süd- und Innenstadt zu ermöglichen.

Christine Lippert informierte auf Nachfrage aus dem Publikum zudem über den Stand der Planung für einen Fahrrad-Schnellweg zwischen Fürth und Nürnberg: "Da ist viel Abstimmung nötig, aber wir sind mit allen in Kontakt."

Gar kein schlechtes Stichwort für einen angeregten Diskussionsabend, an dem sich auch die Zuhörer lebhaft beteiligten.

Sabine Rempe

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