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Das TKKG bittet zur "Wunderübung" in die Kofferfabrik

Frank Strobelt inszeniert Daniel Glattauers Beziehungsstück - 11.12.2015 12:15 Uhr

Vertauschte Rollen: In Yasmina Rezas „Kunst“ Ende 2013 war Markus Nondorf (li.) der Regisseur und Frank Strobelt Darsteller. „Die Wunderübung“ inszeniert nun Strobelt.

10.12.2015 © Foto: Martin Bartmann


Alles Mist. Du hast erobert, was es zu erobern gibt. Du stehst oben auf der Karriereleiter, kassierst dein fettes Gehalt, deine Kinder sind süß und putzig, und deine Frau. . ., na ja, ist immer noch vorzeigbar, doch prickeln tut nur noch das Mineralwasser. Irgendwie ist alles langweilig und dröge. Und das Schlimmste: Deiner Frau geht es genauso. Und sie denkt genau dasselbe über dich. Obwohl — so ab und zu läuft ja doch noch was.

Mit dieser Einstellung gehen Valentin und Joana zum Paartherapeuten. Und der versucht, zu retten, was zu retten ist. Wer jetzt an Loriots Eheberatungssketch denkt, liegt goldrichtig. Was Loriot binnen zehn Minuten an Schreckensgipfel der erotischen Abstumpfung errichtete, das wirft noch heute einen langen Schatten. Wie soll man da ein gut 90-minütiges Stück kreieren?

Der österreichische Erfolgsautor Daniel Glattauer („Gut gegen Nordwind“) hat es gewagt. Seine Komödie „Die Wunderübung“ feierte 2014 in Wien Uraufführung und läuft noch immer. Das ist ja schon mal ein Kennzeichen für Qualität. Ein weiteres vielversprechendes Indiz: Glattauer, Jahrgang 1960, hat selbst eine Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater absolviert. Damit hat er schon einmal einen literarischen Logenplatz für die bizarren Abgründe der menschlichen Seele sicher.

Die titelgebende Wunderübung gibt es übrigens wirklich, als Bestandteil der systemischen Therapie. Hauptdarsteller Markus Nondorf beschreibt sie so: „Der Therapeut sagt: Stell dir vor, du wachst eines Morgens auf, und ein Wunder ist geschehen. Alle deine Probleme sind gelöst, nichts bedrückt dich mehr. Was machst du dann?“

So wie man den deutsch-austriakischen Kulturbürger einschätzt, dürfte er vor Fassungslosigkeit in die Sinnkrise stürzen. Nichts mehr da, worüber man sich aufregen könnte. Ist das lebenswert? Ob man so wieder zueinander findet? Wo es doch gerade die Macken sind, die einen am anderen reizen?

Als Dreipersonenstück mit minimalistischem Bühnenbild kommt „Die Wunderübung“ für das TKKG wie gerufen, die karge Winterspielzeit zu überbrücken. Groteske Aktionen und psychologische Saalschlachten sollte man nicht erwarten, dafür glänzt laut Nondorf das Stück durch Wortwitz und feine Nuancen.

Da denkt man schon wieder an die geschliffenen Boulevardkomödien einer Yasmina Reza. Nondorf relativiert: „Klar, der Glattauer hat seine Reza gelesen. Bloß sind die Franzosen nochmal etwas anders drauf, bei denen werden Eloquenz und Denkweise anders geschult, da wird mit leichtem Florett gefochten. Die Deutschen bevorzugen den schweren Säbel."

Markus Nondorf beschränkt sich diesmal ganz allein auf die Darstellung des frustrierten Ehemanns. Die Regie hat er an Frank Strobelt abgegeben, der auch den Therapeuten mimt, während Andrea Gerhard als unausgefüllte Gattin auf Liebe harrt. Wie ist das, sich als Inszenator einmal ganz dem Regiewillen eines anderen zu unterwerfen? „Halb so wild“, grinst Nondorf, „ich mache wie jeder Schauspieler auch eigene Vorschläge, aber letztlich hat Frank Strobelt das Sagen. Und dem folge ich dann auch.“

„Die Wunderübung“: Premiere heute, 20 Uhr, Kofferfabrik (Lange Straße 81). Weitere Termine: Samstag und Sonntag, jeweils 20 Uhr. Karten (10, Abendkasse 12 Euro) mit 20 Prozent ZAC-Rabatt im FN-Ticket-Point (Rudolf-Breitscheid-Straße 19, Tel. 2 16 27 77).

REINHARD KALB

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