Montag, 18.11.2019

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Die Grenzen der Fürther Toleranz

Provokant, diskussionswürdig: «Das fränkische Jerusalem» im Jüdischen Museum - 26.04.2007

«Wir können nicht immer nur lustige Ausstellungen machen»: Daniela Eisenstein, Leiterin des Jüdischen Museums Franken, mit Schießscheiben der Königlich-Privilegierten Schützengesellschaft. Aus der jüngeren, aus dem Jahr 1922 stammenden Scheibe (li.) sind die Namen der jüdischen Mitglieder ausgemerzt. © Hans-Joachim Winckler


Vielleicht ist der aktuelle Coup des Jüdischen Museums Franken den Vergleich wert mit Thomas Vinterbergs beklemmendem dänischen Dogma-Film «Das Fest». Hotelier Klingenfeldt - sehr satt, sehr eitel, sehr patriarchalisch - gibt auf dem Land ein Fest zu seinem 60. Geburtstag. Just jene Feierlichkeit zerstört der Sohn Christian, indem er Reden hält, die Ungeheuerliches preisgeben aus dem Leben der Familie. Was für ein Fest.

Auch Daniela Eisenstein und das von ihr geleitete Museum stören. «Fürth. Das fränkische Jerusalem», diese Sonderausstellung mit garantiertem Empörungsfaktor, ist ein Tritt in die Kleeblatt-Jubiläumstorte. Falls die Stadt, die sich seit ihrer eigenartig missratenen Silvesterfeier in träger, eher selbstbeweihräuchernder denn selbstkritischer Festlaune durchs 1000. Jahr ihres Bestehens schleppt, falls die Stadt also noch nicht «wach» wahr - jetzt kann sie es werden. Fürths Erinnerungskultur bedarf der Neubefragung.

Sollten dennoch der Oberbürgermeister und andere führende Repräsentanten die Floskel vom «Fränkischen Jerusalem» weiterhin trotzig in ihren Reden bemühen, dann können sie von nun an wenigstens nicht mehr behaupten, es nicht besser gewusst zu haben. Doch nur um «die da oben» geht es nicht. Es geht um alle; also auch um die großen und kleinen, schreibenden und reisenden Stadtkinder, die jenseits der Fürther Grenzlinien das Hohelied auf die ganz besondere Toleranz Fürths singen. «Fränkisches Jerusalem», ein Begriff, den jeder kennt. Und so war es doch, dieses Fürth. Tolerant gegenüber den jüdischen Mitbürgern. Vielleicht sogar besonders tolerant. So war es doch. So ist es doch. Oder doch nicht?

Keine Missverständnisse: Eisenstein («Wir können nicht immer nur lustige Ausstellungen machen») stellt nicht die guten Momente der Fürther Stadthistorie in Abrede. Diese Schau über den Mythos «Fränkisches Jerusalem» entbehrt der Hähme, der hochfahrenden Besserwisserei und übrigens auch jeglicher persönlich motivierter Angriffslust. Nicht in Frage steht beispielsweise, dass Fürth vom 16. bis ins 19. Jahrhundert das religiöse Zentrum jüdischen Lebens in Süddeutschland war, ein Zufluchtsort. Das Museum spielt nicht das Gute gegen das Üble aus. Stattdessen wendet es den Blick bewusst auf die Störfaktoren. Es hinterfragt den Toleranzbegriff. Wie tolerant verfuhr die Stadt mit ihren jüdischen Mitmenschen? Welche Grenzen hatte Toleranz in Fürth? Und wo liegen sie heute?

Das alles erscheint so schmerzlich wie notwendig. «Wir untersuchen den Mythos der Verherrlichung der Geschichte», so Eisenstein. Der Schluss lautet: Fürth hängt mit seiner 1986 nach einem BR-Film in Umlauf geratenen Floskel vom «Fränkischen Jerusalem» einem romantischen Gespinst nach, das der genaueren wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhält. Sollte «Fränkisches Jerusalem» also zum Ausdruck bringen, dass es Juden in Fürth besser hatten als anderswo, dann stimmt das nach Auffassung der Kuratorinnen Eisenstein und Monika Berthold-Hilpert nicht.

Bereits der erste Raum der Sonderschau konfrontiert den Besucher entlang einer stilisierten Mauer mit Beispielen für die Romantisierung Jerusalems. Auch andere Städte waren und sind nämlich gern so etwas wie «Jerusalem», nämlich ein Sinnbild für das Bedürfnis nach einem Ort der Geborgenheit, der losgelöst von Raum und Zeit existiert. Auf Gazewänden sind optisch geschichtete alte Stiche der heiligen Stadt zu sehen. Da verschwimmen Bilder und Eindrücke zu blanker Konfusion. «Jerusalem»? Ein Zeichenbrei, hohles Pathos, ästhetische Leerformel.

Nicht weniger aufwändig gestaltet sind die Themen-Kugelvitrinen im nächsten Saal. Ins Auge fällt unter rund 100 Exponaten ein Silberpokal aus dem 15. Jahrhundert. In dieser Zeit finden Juden, aus den Reichsstädten vertrieben, Zuflucht in Fürth. Der Markgraf, später der Domprobst gewähren Schutz - allerdings gegen eine ungleich höhere Besteuerung als in anderen Städten. «Erkaufte Toleranz» ist das provokante Stichwort. Der Beginn der jüdischen Geschichte Fürths: Eine Frage des Geldes.

Auch an Beweisstücken aus jüngeren Jahren fehlt es nicht. Eine Postkarte von der Kirchweih 1900 - «Alles da. Dalles da» - spiegelt mokant die Dreyfus-Affäre wider. Schützenscheiben der Königlich-Privilegierten von 1819 und 1922 belegen, wie man es mit den jüdischen Vereinsmitgliedern hielt. Eisenstein und ihr Team haben Denkanstöße zuhauf gesammelt. Umfangreichen Raum erhält die Reflexion des Toleranzbegriffes anno 2007. «Reise nach Jerusalem» ist der Titel eines Dokumentarfilms der polnischen Künstlerin Joanna Maxellon. Prominente (Intendant Müller etwa und Kulturamtschefin Floritz) und weniger prominente Fürther sprechen über ihre Wahrnehmung jüdischer Kultur in der Stadt.

Im Raum «Grenzen der Toleranz» wiederum ist der Besucher aufgefordert, sich mit Kreide und Zettelkasten aktiv einzubringen in die Diskussion. Die Umbenennung der MesserschmittStraße - war das richtig? Die «Petticoat»-Revue des Stadttheaters - reflektiert sie angemessen die Rolle Gustav Schickedanz’ in der NS-Zeit? Eine Hörstation konfrontiert den Besucher mit Robert T. Odemans schreckenerregender «Hochzeit zu Kana». Das Schmähgedicht, öffentlich vorgetragen 2006 beim Festakt zum 100-jährigen Bestehen des Berolzheimerianums - wie finden Sie das?

Die Antworten liegen bei uns. Die Ausstellung stellt die Fragen. Und das im Jubiläumsjahr. MATTHIAS BOLL

«Fürth. Das fränkische Jerusalem. Von der Erfindung jüdischer Geschichte»: Jüdisches Museum, Königstraße 89. Dienstags 10-20, mittwochs bis sonntags 10-17 Uhr. 5/3 Euro, Familienticket 7 Euro, Kinder bis 12 Jahre frei. Erste Führung am Sonntag, 14 Uhr. Bis 2. September.

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