Dullnraamer 2016: Nicht so fies wie das wahre Leben

1.2.2016, 20:00 Uhr
Am Samstag ging der Gullideckel für die Alternativ-Faschingsnarren auf: Angesichts der Nachrichtenlage stand das Ensemble heuer vor einer heiklen Mission. Für die besten Nummern wühlten die Fürther Kanalräumer denn auch im Wahnsinn des Alltags.

Am Samstag ging der Gullideckel für die Alternativ-Faschingsnarren auf: Angesichts der Nachrichtenlage stand das Ensemble heuer vor einer heiklen Mission. Für die besten Nummern wühlten die Fürther Kanalräumer denn auch im Wahnsinn des Alltags. © Foto: Hans-Joachim Winckler

Klar, IS-Terror und Drohnenkrieg gegen Zivilisten reizen nicht zum Lachen, das massenhafte Flüchtlingselend und die Überforderung der Gutwilligen genauso wenig. Aber selbst AfD („Wir sind das Hetz“) und Pegida bekommen an diesem Abend überraschend sparsam ihr Fett weg, etwa wenn Ute und Uwe Weiherer in Gestalt von Darth Vader und Meister Yoda über die dunkle Macht sinnieren. Woher soll da die Rettung kommen? Von der SPD etwa? Die ist zerstritten wie eh und je, schlimmer als die Grünen, was sich allein schon an der Begrüßung beim linken Stammtisch offenbart, wenn Mann und Frau, Schwule und Lesben und überhaupt sämtliche Gender-Schubladen in ihrer Einzigartigkeit berücksichtigt werden wollen. Ein Trost der Vorsitzenden Ute Weiherer an die Jungen: „Ich war auch mal Juso. Der Schmerz geht vorbei.“

Zu den festen Bestandteilen eines Dullnraamer-Abends gehören die Film-Einspielungen. Werbung mit Angie im Smart („100 Prozent Macht. 200 Prozent macht nix“) oder echte Verlautbarungen der Politiker im Fernsehen, deren Aussagegehalt gegen Null oder Wahnsinn driften, lassen das Lachen tatsächlich bereits in den Bronchien versickern. Aber so richtig fies will es doch nicht werden.

Was tut sich abseits der Politik? Da streiten sich Fußball- und Golftrainer am Spielfeldrand über die Integration des internationalen Nachwuchses, plagt sich in höheren Sphären der liebe Gott mit der Menschheit herum, und übt sich ein tuntiger Herrgottsschnitzer mit einem Faible für Schmerz und Pein an barocken Märtyrergestalten. Die besten Nummern aber langen tief in den Sumpf des Alltags und wühlen im ganz normalen Wahnsinn. Etwa, wenn Jörg Scheiring angesichts der leckenden Waschmaschine mit dem Hersteller telefoniert und per Ansageband von einem Stichwort zum nächsten weitergereicht wird; oder wenn Alexandra Krug als leidgeprüfte Pädagogin beim Elternabend die Contenance verliert und angesichts überzogener Forderungen ehrpusseliger Erzeuger ihrem Hass auf die ach so hochbegabten Bälger Luft verschafft.

Bleibt noch die Musik der Dullnraamer-Band, die von Robbie Williams über Herbert Grönemeyer bis zu Fleetwood Mac und T. Rex sämtliche Stilrichtungen krallt und verwurstet. Besonderer Applaus geht an Gitarrist Pete Mayhew, der Fleetwood Macs „Oh well“ kongenial zum Vorbild und zu Uwe Weiherers Gesang zelebrierte.

Ja, wir haben ganz schön gelacht, und das Publikum war zufrieden. Erst recht, wenn die Spaßkappen aus Veitshöchsheim eins auf die Mütze bekommen. Und doch, da wäre noch einiges mehr drin gewesen. Vielleicht liegt es am Effekt der Realsatire. Wie kann man beklagenswerte Zustände parodieren, wenn diese schon selbst als Aberwitz in Erscheinung treten? Frontmann Uwe Weiherer hatte es kürzlich ja schon gesagt: Es war ein „schlimmes Jahr“ – und damit „wirklich schwierig für uns“. Vielleicht hilft tatsächlich nur eines: noch eine zusätzliche Zwangsjacke überziehen!

 

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