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Dullnraamer: Miss Liberty im Rollstuhl

Beim Alternativfasching im Fürther Kufo ging es auch um Trumps Amerika - 20.02.2017 16:15 Uhr

Umgeben von Polit-Horrorclowns aller Heren Länder: Dullnraamer Uwe Weiherer steht seinen Mann. © Fotos: Hans-Joachim Winckler


Schon die altbewährten Kurzfilmchen aus Bundestag und Parteitag, mit dem Senderlogo gekennzeichnete Dokumente der Authentizität, boten Realsatire pur. Ob nun Mutti Merkel sibyllinische Orakel absondert, beim Grünen-Parteitag Redner auftreten, die noch viel bizarrer wirken, als sich konservative Gemüter ihre linken Schreckgespenster schon immer ausgemalt hatten, oder gar die "Bäckerei Wagenknecht" eine Schwarzwälder Kirschtorte gratis ins Gesicht liefert: Stets entstand der Eindruck, noch verrückter gehe es bei schlechtestem Willen nicht mehr.

Umgeben von Polit-Horrorclowns aller Heren Länder: Dullnraamer Uwe Weiherer steht seinen Mann. © Fotos: Hans-Joachim Winckler


Die europäische Großpolitwetterlage wird laut Dullnraamern derzeit von besonders bösartigen Horrorclowns dominiert, hinter deren teuflischen Masken die Populisten in Frankreich, Holland und Polen stecken. Von dort zur mit konzentrierter Jauche getränkten heimischen Scholle war dann nur noch ein kleiner Schritt. Sag’s frei nach Schiller: "Heute muss die Gülle werden, auf ihr Schweine, scheißt am Band!" Damit das Grundwasser nach was schmeckt.

Auch der vom Fürther Ordnungsamt untersagte Laternenumzug an St. Martin wurde knallhart aufs Tapet gebracht, schließlich galt es, die Gefahr abzuwenden, dass friedliebende Pegida-Anhänger von 300 fackelschwingenden Kindern eingekesselt und gebrandschatzt werden.

Natürlich bekamen auch die Kollegen von den sittsameren Narrenzünften ihr Fett weg. Was eigentlich ist noch bekiffter als ein Drogen schmuggelnder Faschingsprinz? Klar: ein ganzer Karnevalsverein auf Koks, wobei der Unterschied der Gemütsverwirrung, ob nun auf legaler oder illegaler Basis, so eklatant nicht mehr ist.

Ungeduldig erwarteter Höhepunkt und Stargast des Abends war natürlich der bereits ein Jahr zuvor von den Dullnraamern prophezeite und nun nach Recht und Ordnung ins Amt eingesetzte Donald mit Betonfrisur und -politik. Den hatte bereits eine gute Stunde zuvor Rike Frohberger als Miss Liberty im Rollstuhl anvisiert.

Wirklich Frankreich?

Eigentlich wollte die Personifikation der Freiheit zurück in ihre eigentliche Heimat. Doch die Frage stellt sich bang: "Willst du wirklich zurück nach Frankreich?" Denn was nicht jeder weiß: Die Freiheitsstatue ist ein Geschenk der französischen Nation. Aber vielleicht begrüßt Donald demnächst Marine Le Pen auf Augenhöhe?

Die in Englisch gehaltene Rede des Präsidenten übersetzten die Dullnraamer simultan in echtes Donald-Deutsch. Sprich, aus "German People" wird "germanischer Pöbel", wogegen rein etymologisch betrachtet nichts einzuwenden ist. Aber wie das nun mal mit Satire und Realsatire so ist: Der echte Donald ist an Aberwitz nicht zu toppen.

Genausowenig wie die Groko im Vergleich zur Besatzung des Fliegenden Holländers mit Merkel am Ruder und desorientierten Voll-, Halb- und Achtelmatrosen in den Wanten. Da können die Dullnraamer noch so sehr Gift und Galle speien, die Realpolitik geriert sich noch schlimmer.

Die Band präsentierte sich in bester Spielfreude. Die Palette der Cover-Versionen reicht von Michael Jackson über Manfred Mann und The Clash bis zu vergessenen Kuriositäten wie der Fruitgum Company. Mit der Hendrix-Version des "Star Spangled Banner" erwies Gitarrist Peter Mayhew dem Präsidenten seine Reverenz, zuvor hatte sich Schlagzeuger Phillip Renz mit "Moby Dick" von Led Zeppelin derart warmgespielt, dass man glaubte, John Bonham gebe ein Gastspiel aus dem Jenseits. Und das im Originaltext zelebrierte "Heroes" zollte David Bowie pathetisch-wehmütigen Tribut.

Doch wenn zum Schluss die versammelte Mannschaft ihr "Für immer bläid" anstimmt, weiß man tatsächlich nicht mehr, ob dies nun die Diagnose darstellt oder den einzig erträglichen Zustand empfiehlt, dieses unsere so geartete Dasein zu überstehen.

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REINHARD KALB

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