Einzelhändler in Not: Click – und wie weiter?

Birgit Heidingsfelder
Birgit Heidingsfelder

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26.3.2021, 16:59 Uhr

© Foto: Hans-Joachim Winckler

Das Signal: So kann es nicht weitergehen. Bastian Wurm-Trageiser, Inhaber des Outdoor-Geschäfts Travel & Trek, hat seinem Ärger in einem Facebook-Post Luft gemacht, der viel Beachtung fand. Entnervt berichtet er von unzähligen Zetteln, die er "schon an der Tür hängen hatte mit immer neuen Vorgaben und Regeln", und von Gesprächen, die er mit Mitarbeitern führen müsse, "um allen die Ängste zu nehmen".

Mit einem Brandbrief haben sich Maria Grazia Tricarico und Roland Stumpf (Mode Mary Lou, Mister Lou und Bellezza) an Politiker aller Ebenen gewandt. Weil Baumärkte, Buchhandlungen oder Blumenläden Anfang März Grundversorgern gleichgestellt wurden und jetzt, anders als andere Einzelhändler, Kunden empfangen dürfen, ohne auf den Inzidenzwert achten zu müssen, üben sie Kritik an der "willkürlichen Ungleichbehandlung". Und sie fordern Öffnungsperspektiven unabhängig vom Inzidenzwert.

"Corona tötet Menschen, Politik Unternehmer"

Auch Kerstin Karalis vom Brautmodengeschäft Bella Sposa klagt an. In einem Video mit dem provokanten Titel "Corona tötet Menschen, Politik Unternehmer" spricht sie Bundeskanzlerin Merkel und Ministerpräsident Söder persönlich an und demonstriert Schritt für Schritt, unter welch durchdachten Schutzvorkehrungen bei ihr Anproben stattfinden könnten – wenn sie denn dürften.

Dass für die Zeit nach den Osterferien Lockerungen angekündigt wurden, ändert kaum etwas an der gedrückten Stimmung. Es hängt von der Branche und individuellen Bedingungen ab, ob die neuen Aussichten begrüßt oder nur achselzuckend zur Kenntnis genommen werden.

Ab 12. April soll trotz Lockdown bereits bei einer Sieben-Tage-Inzidenz unter 100 (bisher unter 50) eine reguläre Öffnung mit Hygienekonzept erlaubt sein und bei Werten von 100 bis 200 (bisher 50 bis 100) "Click & Meet". Beim Shopping nach Terminvereinbarung muss der Kunde dann – das ist neu – auch einen negativen Corona-Test vorlegen. Er darf nicht älter als 24 Stunden sein.

"Kein Pandemietreiber"

Ministerpräsident Markus Söder hat sich demonstrativ an die Seite der leidgeplagten Geschäftsleute gestellt: "Wir lassen unsere Einzelhändler nicht allein." Mit den angekündigten Lockerungen gehe man weit, doch seien sie vertretbar. Denn: Der Handel sei nach allem, was man wisse, "kein Pandemietreiber".

Das Problem: Bayernweit liegt die Sieben-Tage-Inzidenz (Stand Mittwoch) bei 110,8. Und für die Zeit nach Ostern sagten Experten zuletzt Werte von 300 und mehr voraus.

Es geht um die Existenz der Geschäfte

Angesichts eher theoretischer Perspektiven bleibt die Verunsicherung, und sie wächst, wenn, wie im Fall der so genannten "Osterruhe" Beschlüsse verkündet und tags darauf zurückgenommen werden. Der HDE setzt sich unter anderem für eine schnelle und einfache Lösung zur Aufstockung der staatlichen Coronahilfen ein. Es gehe um die Existenz von bis zu 120.000 Geschäften und das Schicksal vieler Innenstädte.

Die Überbrückungshilfen fließen spärlich, klagte jüngst Uwe Werner, Geschäftsführer des Handelsverbands Bayern in Mittelfranken. Anfang Februar hatte Fürths Wirtschaftsreferent Horst Müller in diesem Kontext von "Staatsversagen" gesprochen.

Die Stadt versucht, mit Corona-Hilfspaketen und -maßnahmen zu unterstützen und den befürchteten Leerstand in der City abzuwenden. Sie startet jetzt erneut eine Rabatt-Aktion über die Gutschein-Plattform "Ein Herz für Fürth".

Es sind Initiativen, die die Einzelhändler sehr begrüßen. Und doch wünschen sie sich vor allem, öffnen, arbeiten und ihren Lebensunterhalt verdienen zu dürfen.

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