Evi Kurz und der Patriarch

4.3.2011, 16:00 Uhr
Besuch in der Lehrlingswerkstatt: Der 100-jährige Karl Diehl und Sohn Thomas (rechts) demonstrieren Nähe zur Belegschaft. Von seinen Mitarbeitern wurde der Seniorchef bis zum Schluss verehrt.

Besuch in der Lehrlingswerkstatt: Der 100-jährige Karl Diehl und Sohn Thomas (rechts) demonstrieren Nähe zur Belegschaft. Von seinen Mitarbeitern wurde der Seniorchef bis zum Schluss verehrt. © TLF

Es war ein großer Vertrauensbeweis der Familie Diehl. Dass Evi Kurz die Gelegenheit bekam, über mehrere Jahre hinweg immer wieder hautnah mit der Kamera dabei zu sein, wenn der alte Patriarch Karl Diehl den Kontakt zu seinen Mitarbeitern suchte oder im Mittelpunkt von Familienfeiern stand, passt eigentlich nicht zur vornehmen Zurückhaltung, die das Nürnberger Rüstungs- und Hightech-Unternehmen in Sachen Selbstdarstellung pflegt. Evi Kurz hat das Vertrauen der Diehls nicht enttäuscht. Ihr Porträt einer „deutschen Unternehmerlegende“ verzichtet konsequent auf kritische Töne.

Natürlich gibt es viel Gutes zu berichten vom 1907 in Nürnberg-Schoppershof geborenen Sohn eines Kunstschmiede-Besitzers. Mit großem unternehmerischen Geschick baute Karl Diehl einen Technologie-Konzern auf, der zu seinen besten Zeiten weltweit 10000 Menschen beschäftigte. Er tat das als fürsorglicher und verantwortungsbewusster Unternehmer. Bei aller Strenge wurde er von den Beschäftigten bis zu seinem Tod als 100-Jähriger regelrecht verehrt.

Nicht umsonst kam der Vorschlag, ihn zum Nürnberger Ehrenbürger zu machen, 1997 vom damaligen IG-Metall-Bevollmächtigten Gerd Lobodda. Und als Kritik daran laut wurde, weil die NSDAP-Mitgliedschaft Karl Diehls und die Beschäftigung von Zwangsarbeitern in Diehl-Werken während des Kriegs bekannt wurden, war es auch in erster Linie die Belegschaft, die sich schützend vor ihren Seniorchef stellte.

Aufarbeitung der NS-Vergangenheit

Das Unternehmen hat das braune Kapitel der eigenen Geschichte anschließend aufgearbeitet. Der Fonds zur Entschädigung der einstigen Zwangsarbeiter hatte so etwas wie Vorbildcharakter für andere deutsche Konzerne, die ähnliche historische Schuld auf sich geladen hatten.

All dies dokumentiert das Film-Porträt und lässt an mancher anderen Stelle dennoch viel zu treuherzig die Chance verstreichen, Dinge kritisch einzuordnen. Da darf beispielsweise Franz-Georg Strauß, Sohn des ehemaligen CSU-Chefs, berichten, dass der Höhepunkt der Sommerferien stets der Besuch seiner ganzen Familie im südfranzösischen Urlaubsdomizil des Strauß-Duzfreundes Diehl gewesen sei. Der Ex-Verteidigungsminister als Busenfreund des Rüstungsfabrikanten — wenigstens den Hinweis, dass solche Nähe heute nicht mehr toleriert würde, wünscht man sich da.

Und natürlich darf und muss man das Mäzenatentum Karl Diehls in seiner Heimatstadt Nürnberg rühmen. Immer wieder hat er Projekte in der Altstadt unterstützt. Der Film hätte aber auch darauf hinweisen dürfen, dass der großzügige Milliardär es Mitte der 70er Jahre vorzog, seinen Wohnsitz offiziell in die Schweiz zu verlegen, um so — bis zur „Rückkehr“ in den letzten Lebensjahren — große Summen an Steuern zu sparen.