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Fliegerbombe in der Ottostraße

Das Stadtmuseum bereichert seine Dauerausstellung um einen Fürther Blindgänger - 07.08.2013 11:35 Uhr

Fund aus finsteren Zeiten: Die neu ausgestellte Bombe mit Museumsleiter Martin Schramm, Museumspflegerin Birgit Arnold (Mitte) und Fördervereins-Chefin Maria Ludwig.

06.08.2013 © Horst Linke


Wie präsentiert sich Fürth im Zweiten Weltkrieg? Bislang liegen Schwarzweiß-Fotos aus, Pässe, Wehrmachtsausweise und Warnschilder. Nun befindet sich zwischen einem Schild „Kein Zutritt für Juden“ und der Vitrine mit der Kapitulationsurkunde ein massiges Teil Metall. Eine Fliegerbombe, 1,35 Meter lang, 240 Kilo schwer, ursprünglich mit weiteren 200 Kilo TNT bestückt. Eine AN-M44, General Purpose.

Wer ist General Purpose, und wofür hat er alles Orden bekommen? Falsch, „general purpose“ bedeutet „für allgemeine Zwecke“, in diesem Fall: Tod und Zerstörung.

Die Bombe fiel bei einem Luftangriff 1944 oder ’45 vom Himmel und galt wahrscheinlich der Flugzeugwerft Bachmann auf der Hardhöhe. Tatsächlich schlug sie auf der Höhe des Bahnhofs Unterfarrnbach und des Klinikums 15 Meter neben den Bahngleisen in die Erde. Dort ruhte sie als Blindgänger bis zum 31. Mai 2011, als sie bei Bauarbeiten wieder entdeckt und entschärft wurde.

Anfrage beim Ministerium

Für Museumsleiter und Stadtarchivar Martin Schramm war es kein einfaches Unterfangen, die Bombe in sein Museum zu bekommen. Erst wandte er sich an das Sprengkommando Feucht, das seine Entschärfer entsandt hatte. Die verwiesen ihn an das Sprengkommando Ingolstadt, das sich aber so gut versteckt, dass erst eine Anfrage über das Bayerische Innenministerium den Zugang ebnete.

In Ingolstadt warten nämlich sämtliche Blindgänger auf die Reinigung. Das heißt, sie werden zersägt, der Sprengstoff entnommen und auch die Innenseiten der Bomben vom hochgiftigen Sprengstoff gesäubert.

Nun, wieder zusammengeschweißt und von Dreck und Rost gesäubert, präsentiert sich die Bombe — auch wenn die Flügel fehlen, die beim Abwurf verloren gingen, und der originale grüne Anstrich längst verloren ist — in ihrer massigen Gestalt immer noch beeindruckend genug. Anfassen ist übrigens erlaubt. Das Exponat soll laut Schramm die Legende widerlegen, wonach Fürth vom Krieg verschont worden sei. „Das stimmt einfach nicht. Es gab 450 Tote, zehn Prozent der Gebäude wurden zerstört“, weiß Martin Schramm. „Die Treffer schlugen meist auf der Hardhöhe ein, aber auch die Fürther Freiheit und die Hornschuchpromenade weisen Lücken auf.“

Warum die Bombe nicht hochgegangen ist? Das kann Martin Schramm auch nicht sagen, außer, dass rund 30 Prozent der Fliegerbomben nicht zündeten. Dabei verfügte die Fürther Bombe über einen Aufschlagzünder und nicht über einen Zeitzünder, der erst Stunden später die Detonation auslöst. Eine Bombe von diesem Kaliber hätte einen sechs Meter tiefen Krater mit zehn Metern Durchmesser gerissen.

Folgenreiche Explosion

Was solch eine Explosion anrichtet, mussten im August vorigen Jahres die Münchner erfahren, als das Sprengkommando mitten in Schwabing einen Blindgänger kontrolliert hochjagte. 2500 Menschen mussten ihre Wohnungen räumen, trotz aller Sicherungsmaßnahmen gingen Fenster und Wohnungen bei der Explosion zu Bruch. „Und diese Bombe war nur halb so groß“, erzählt der Museumschef.

Ist die Fliegerbombe nun Geschichte? Nein, sie ist immer noch ein Zeitgenosse: „Jedes Jahr werden in Deutschland an die 50 Tonnen Blindgänger gefunden“, weiß Martin Schramm. „Und jedes Jahr gehen fünf Bomben durch Korrosion hoch.“

Stadtmuseum Fürth Ludwig Erhard, Ottostraße 2. Dienstags bis donnerstags 10-16 Uhr, morgen bis 22 Uhr (Einlass bis 21 Uhr). Samstags 13-17, Sonn- und Feiertage 10-16 Uhr. 3/2 Euro, Familien 6 Euro. Infos zu Führungen unter Tel. 97922290.

REINHARD KALB

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