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Flüchtlinge: Für Arztbesuche fehlen Dolmetscher

Im Fürther Klinkum diskutierten Experten über die Versorgung - 09.07.2015 21:00 Uhr

Wenn Flüchtlinge krank sind, ist die Hilfe in Deutschland oft noch unzureichend. Arzt Habib Ghamin (Bild), der in der ZAE in Zirndorf behandelt, war Teilnehmer der Diskussion, zu der Klinikum und Integrationsbeirat eingeladen hatten. © Archivfoto: ts


Zum Abschluss stellte Armin Jelenik, NN-Politikredakteur und Moderator der Diskussion, noch einmal die alles entscheidende Frage: „Ist die Gesellschaft bereit, mehr zu tun?“ Wenn es nach den Experten geht, die auf dem Podium debattiert haben, lautet die Antwort: ja. Sie zeigten sich optimistisch, dass die Solidarität mit Flüchtlingen in Deutschland – Pegida zum Trotz – groß ist und weiter wachsen wird.

Probleme gibt es aber genug: Allgemeinarzt Habib Ghamin aus Fürth, der in der Zentralen Aufnahmeeinrichtung in Zirndorf (ZAE) Flüchtlinge betreut, wünscht sich Fachpersonal in den Unterkünften. Angesprochen auf den kleinen Leonardo, der in der ZAE beinahe gestorben wäre, sagte er: „Medizinisches Personal vor Ort hätte die Situation besser eingeschätzt und entsprechend reagiert.“ Von Sicherheitsleuten könne niemand erwarten, dass sie richtige Diagnosen stellen.

Yonas Fesehaye vom Integrationsbeirat der Stadt, der sich ehrenamtlich als Dolmetscher für Migranten engagiert, sieht das größte Problem in der Sprachbarriere. Zwar gebe es schon viele Dolmetscher, aber nicht genug für die Masse von Flüchtlingen. „Wir müssen die Leute aber besser informieren, über ihre Rechte, das Gesundheitssystem und die ärztliche Schweigepflicht.“ Oft würden Asylbewerber aus Angst vor Abschiebung Krankheiten verbergen.

Auch Fürths Sozialreferentin Elisabeth Reichert empfindet die Sprachbarriere als größtes Hindernis. „Wir müssen in jeder Asylunterkunft Deutschkurse anbieten.“ Nur so könnten Flüchtlinge ihre Probleme bei den Ärzten vorbringen. Sabrina Wiest von der Caritas betonte: „Es fehlen uns Dolmetscher. Wenn wir uns mit den Leuten nicht verständigen können, können wir ihnen auch nicht helfen.“

Melek Kaval, die wie Fesehaye ehrenamtlich übersetzt, entgegnete: „Beim Integrationsbeirat haben wir viele Dolmetscher, die in Kliniken, Praxen oder den Asylunterkünften zwischen Ärzten und Flüchtlingen vermitteln.“ Oft wüssten das die Leute vor Ort aber nicht.

„Chancengleichheit für alle“

Die Lösung für viele Probleme sieht Ramazan Salman, Geschäftsführer des ethnomedizinischen Zentrums in Hannover, darin, die Bürgerrechte der Asylbewerber zu stärken. „Chancengleichheit für alle macht eine Demokratie aus.“ Moderator Jelenik verwies auf das Bremer Modell: In der Hansestadt bekommen Flüchtlinge eine reguläre Krankenkassenkarte ausgestellt, um Leistungen abrechnen zu können. Alle Diskussionsteilnehmer hofften, dass dieses Modell Schule machen wird. Das Publikum war sich bei der anschließenden Fragerunde schnell einig, dass die Politik in der Pflicht steht – egal, ob bei Dolmetschern oder medizinischem Personal in den Heimen. Zwar setzen sich viele Bürger ehrenamtlich für Asylbewerber ein, aber dieses Engagement hat Grenzen.

Der Sozialwissenschaftler Ramazan Salman hatte zuvor in einem Vortrag vom Potenzial geschwärmt, das Migranten mit nach Deutschland bringen. Wer seine Heimat verlassen und sich auf den Weg gemacht hat, „ist agil und akzeptiert keine Stagnation“. So gehe ein Großteil der klein- und mittelständischen Unternehmensgründungen inzwischen auf Zuwanderer zurück. „Auch für die Sozialkassen sind diese Menschen ein Gewinn, sie zahlen mehr ein, als sie brauchen“, verwies er auf Studien. Die Betreuung von Migranten sollte daher in allen Bereichen eine Regelaufgabe des deutschen Gesundheitswesens werden – auch bei der Versorgung von Asylbewerbern, die derzeit nur Anspruch auf Akutbehandlungen haben.

„Migration ist nichts Neues“, erklärte Salman weiter, „es gab sie immer und seit 30 Jahren findet sie permanent statt.“ Inzwischen hätten 60 Prozent der in Deutschland Neugeborenen einen wie auch immer gearteten Migrationshintergrund. In zehn Jahren werde Frankfurt die erste deutsche Großstadt sein, in der mehrheitlich Menschen mit Migrationshintergrund lebten. „Wir wissen genau, was auf uns zukommt“, so Salman, „also lasst uns das Potenzial der Migranten endlich aufgreifen.“

Simon Schübel/fn

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