Flüchtlings-Aufnahmestelle in Zirndorf: Nichts geht mehr

29.8.2014, 16:00 Uhr
Minimum an Privatsphäre: In dem großen Partyzelt, in dem seit Montag 200 Menschen schlafen, dienen aufgespannte Bettlaken als bescheidener Sichtschutz.

Minimum an Privatsphäre: In dem großen Partyzelt, in dem seit Montag 200 Menschen schlafen, dienen aufgespannte Bettlaken als bescheidener Sichtschutz. © Johnston

Das riesige Partyzelt bietet seit Montag 200 Menschen Unterschlupf. In Stockbetten finden Männer, Frauen und Kinder unterschiedlichster Nationalitäten und Konfessionen Platz zum Schlafen. Für ein Minimum an Privatsphäre, ein bisschen Schutz vor fremden Blicken sorgen weiße Laken, die ans Metallgestänge geknotet wurden. Jetzt, am Nachmittag, sind die meisten Betten verwaist. Abgesehen von wenigen Ausnahmen hat es die Menschen hinausgezogen in die Sonne. Kamerateams filmen den Raum und einen überquellenden Mülleimer am Eingang, den Wespen umschwirren. Draußen gibt Regierungssprecher Münchow Interviews. Zelte nennt er eine „absolute Notmaßnahme“ und versichert, man sei „bemüht, feste Unterkünfte zu finden“.

Es ist halb drei und die Mittagessensausgabe im Speisesaal des ZAE-Hauptgebäudes noch nicht zuende. 1600 Tabletts pro Tag werden gewissermaßen im Schichtbetrieb bestückt. Nachts verwandelt sich der Speisesaal in das, was die Caféteria, die Kapelle, die Busgarage längst sind: ein riesiges Matratzenlager. Doch auch draußen, auf dem Pflaster, liegen Matratzen. Münchow erklärt, wer es drinnen nicht aushalte, lege sich schon mal im Freien hin.

Nacht im Freien

Eine junge Familie aus Bosnien hat die letzte Nacht lieber unter freiem Himmel verbracht als unter einem Dach mit zig anderen Menschen. In ihrer Heimat habe es geheißen, Deutschland sei ein großartiges Land, sagt die Frau und Mutter eines kleinen Jungen — und fügt hinzu: „Aber es ist nicht großartig.“

Warteschlangen, wie hier am Eingang zum Hauptgebäude, bilden sich in der ZAE zurzeit überall.

Warteschlangen, wie hier am Eingang zum Hauptgebäude, bilden sich in der ZAE zurzeit überall. © Mark Johnston

Seit Ende voriger Woche in der zweiten bayerischen Erstaufnahmeeinrichtung, der Bayernkaserne in München, Fälle von Masern aufgetreten sind, gilt dort ein Aufnahmestopp. Alle Flüchtlinge wurden daraufhin nach Zirndorf umgeleitet. Seit Mittwoch heißt es auch hier: Nichts geht mehr.

Dennoch sei die ZAE nach wie vor Anlaufstelle für all jene Asylbewerber, sagt Münchow, über deren Schicksal speziell die in Zirndorf ansässige Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge entscheide. Und die sei „originär zuständig“ für 40 Nationen, darunter die Ukraine, Weißrussland und Kasachstan — Länder also, aus denen zurzeit viele Menschen fliehen. Und nach wie vor müsse Zirndorf weiter Flüchtlinge aufnehmen, die selbstständig nach Bayern kommen oder von der Polizei gebracht werden. Allein am gestrigen Tag gab es laut Münchow rund 260 Neuankömmlinge.

Wachmannschaft verdoppelt

An der Pforte arbeiten mittlerweile doppelt so viele Wachleute wie sonst: zwölf statt sechs. Auch jetzt stehen hier Menschen mit Koffern oder mit Plastiktüten, in denen sie ihre wenigen Habseligkeiten mit sich tragen. Wer kommt, erhält einen weißen Zettel, das Erstaufnahmeformular. Bei der Familie aus Syrien, die soeben Einlass begehrt, tun sich offenbar Fragen auf. Der Wachmann schickt die Ankömmlinge hinüber zur Polizei.

Nur einen Steinwurf entfernt vom Pfortenhäuschen errichtet das BRK derweil fünf Mannschaftszelte mit Platz für insgesamt 60 Feldbetten. Ein weiteres großes Festzelt in der Nürnberger Frankenstraße soll in Kürze 100 Personen Platz bieten. Bezugsfertig ist es nach den Worten von Michael Münchow aber wohl erst ab Dienstag, wenn es dort auch Wasch- und Duschcontainer gibt. Für weitere 100 Asylbewerber werde heute auf einem Sportgelände an der Nürnberger Deutschherrnstraße ein Zelt aufgestellt.

370 Kinder und Jugendliche halten sich gerade in der ZAE auf. Zwischen den Erwachsenen, die in Grüppchen auf Bordsteinkanten oder Absperrgittern kauern, flitzen Jungs Bällen nach, zwei kleine Mädchen spielen mit den bunten Kapseln ausgetrunkener Saftflaschen.

Ein junges Ehepaar, sie 24 Jahre alt, er 21, beide Ukrainer, trägt seine Kinder daran vorbei. Die eineinhalbjährige Tochter klammert sich an Papas Hals, der Sohn, ein zwei Monate alter Säugling, schläft in Mamas Armen. In einem Transporter seien sie dem Blutvergießen in ihrer Heimatstadt Donezk entronnen, sagen die Eltern. Sie wollten nicht konkret nach Deutschland, „nur in ein Land ohne Krieg“. Ihr Fahrer, den sie mit ihrem Wohnungsschlüssel bezahlten, brachte sie nach Hamburg, von dort schickten die Behörden sie nach Zirndorf. Die junge Frau wundert sich, dass ihre Familie an diesen Ort beordert wurde. „Hier sind doch schon so viele Menschen.“

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