Mittels Linearbeschleuniger

Fürther Fraunhofer-Institut verschafft Einblick in Enigma-Chiffriermaschine

Thomas Scherer

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22.3.2022, 20:00 Uhr

© Foto: Thomas Scherer

Weltweit gibt es wahrscheinlich nur dieses eine Exemplar, das noch funktioniert und – genau genommen – eine Weiterentwicklung der legendären "Ur-Enigma" darstellt. Die "SE 41", so der Name der mit geradezu unendlichen Verschlüsselungskombinationen ausgestatteten Maschine, ist Teil einer Serie mit über 60 Maschinen von den 1870er bis in die 1990er Jahre, die das Deutsche Museum in München nun röntgen lässt.

Das mutmaßliche Einzelstück wiederum gehört Klaus Kopacz aus der Nähe von Stuttgart. Der Ingenieur sammelt und restauriert Chiffriermaschinen und hat die einer Schreibmaschine nicht unähnlichen Konstruktion vor Jahren über verschlungene Wege erworben. "Bei einer Auktion in London hat eine Vorgängerversion, eine ,Marine-Enigma‘, in vergleichbarem Zustand 800 000 Dollar gebracht", sagt Kopacz.

Die jetzt in Fürth-Atzenhof mit Hilfe von 2500 Einzelbildern aufgedröselte "SE 41" schätzt er ebenfalls auf einen guten sechsstelligen Eurobetrag. Mehrere Monate wird Experte Nils Reims mit dem Röntgen der Geräte beschäftigt sein. "Aus den Standbildern errechnet ein Hochleistungscomputer später einen aufwendigen 3D-Film für jede einzelne von ihnen", erklärt der Elektrotechniker.

Das Vertrackte im Fall etlicher Chiffriergeräte: Sie lassen sich nicht zerstörungsfrei öffnen, denn die Konstrukteure wollten das Innenleben vor unbefugten Einblicken schützen. "Manche Chiffriergeräte sind verschweißt oder sogar mit einer rätselhaften Masse gefüllt, die dafür sorgt, dass die Maschine zerstört wird, wenn man das Gehäuse öffnet", verrät Carola Dahlke, zuständige Kuratorin des Deutschen Museums.

Die zum Röntgen notwendige Strahlung ist immens: Ein einziges Bild benötigt etwa die 40-fache Leistung der Aufnahme eines menschlichen Brustkorbs. Möglich macht das der millionenteure Linearbeschleuniger des Instituts in der gewaltigen Halle an der Flughafenstraße. Hier, hinter drei Meter dicken Wänden aus Spezialbeton, wurde schon der Schädel eines Tyrannosaurus Rex aus Montana durchleuchtet, aber auch ganze Autos werden nach Crashtests auf Schwachstellen hin gecheckt.

Die Untersuchungsreihe des Museums dient zweierlei: Zum einen gilt es, die Technik der Chiffriermaschinen bis ins Detail zu erkunden, zum anderen bereichern die 3D-Filme später das Museumserlebnis. Außerdem werden die Scans Wissenschaftlern weltweit kostenlos zur Verfügung gestellt.

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