Dante-Ausstellung

Fürther Kunst-Doppelpass: Hier stürzen Körper in die Ewigkeit

31.8.2021, 10:30 Uhr
Ein kongeniales Zusammenspiel: Corinna Smok und Clemes Heinl in der Galerie in der Promenade.

Ein kongeniales Zusammenspiel: Corinna Smok und Clemes Heinl in der Galerie in der Promenade. © Foto: Tim Händel

Im Lauf der Jahrhunderte sind wir offensichtlich die Alten geblieben. Und das ist kein Kompliment. Als Beweis genügt ein Blick in Dante Alighieris "Inferno". Vollendet hat er sein Großgedicht 1321 kurz vor seinem Tod, der sich damit in diesem Jahr zum 700. Mal jährt. Lange her, doch der große italienische Meister hat schon damals Prototypen beschrieben, die uns bis heute nur allzu vertraut sind: Er präsentiert uns Zerstörer, Bestechliche, Betrüger, Gefräßige, Gewalttäter. Für Corinna Smok und Clemens Heinl wurde Dantes Werk zur Inspirationsquelle: Ihr Blick "Zur ew’gen Welt hinab" entwickelt in der Galerie in der Promenade eine beredte Wucht.

Abgründe tun sich hier auf. Was einigermaßen erstaunlich erscheinen mag, angesichts der Tatsache, dass Smoks Bilder und Heinls Skulpturen in einer Wohnung mit blumigem Jugendstil-Dekor eingezogen sind. Doch gerade in diesem scheinbaren Widerspruch liegt ein besonderer Reiz: Die expressive Zurschaustellung des Infernalischen prallt auf den Alltag, so wie wir ihn kennen und genau das verleiht der Auseinandersetzung mit dem allzu geläufigen Übel eine Wahrheit, die sich nicht mehr hinter dem schönen Schein verstecken kann. Es ist, als ob die Werke der beiden Künstler den dünnen Firniss abgekratzt hätten, der gefällig bedecken will, zu was Menschen fähig sind.

Im Flur empfangen "Trashqueens" von Corinna Smok die Besucher. Während in den Sozialen Medien mit Bildbearbeitungsprogrammen Ergebnisse erzielt werden, die zu schön sind, um wahr zu sein, hat die Künstlerin die Schleier weggezogen und zeigt die nackte Wirklichkeit. Keine Queens sind hier zu sehen, sondern Frauen jenseits der Eitelkeit, die sie zerstört hat. Sie sind entblößt und bloßgestellt, verbraucht und kurz davor, aus dem goldenen Glanz der Öffentlichkeit gestoßen zu werden. Ihre Hölle, so scheint es, ist die Erkenntnis der Bedeutungslosigkeit, wenn alle Scheinwerfer verloschen sind.

Bis zum Kopf im Eis

Dante, der Sprachbildner aus dem Mittelalter, hat mit seinem Inferno für Corinna Smok als tiefgründige Fundgrube gedient. Es sind keine Illustrationen, die sie zeigt, sondern weitergeführte Gedanken, die beweisen, wie nah uns noch immer ist, was der kühne Poet niedergeschrieben hat. In seiner Hölle sind die Verräter bis zum Kopf im Eis eines zugefrorenen Gewässers gefangen. Corinna Smok greift die Idee dieser infernalischen Strafe auf und gibt ihr einen neuen Dreh: "Whistleblower" nennt sie den Mensch, den das Eis im vollem Lauf umschlossen hat, während er offensichtlich versucht, seine brisante Botschaft loszuwerden. Plötzlich stellt sich die Frage, ob in diesem Fall nicht der Verräter der Held ist.

Im kongenialen Zusammenspiel von Clemens Heinl und Corinna Smok – nicht zuletzt dank gleichermaßen energiegeladenem Arbeitsstil – wird ein Ausstellungsraum nun beinahe zur Installation. Zu Smoks doppeltem, jeweils wandhohen "Höllentor" mit den kraftvoll gezeichneten, aber ins Endlose stürzenden Körpern paart sich Heinls "Wahrsager". Eine mannsgroße Skulptur, gearbeitet aus Pappelholz, die sich um ihre eigene Mitte gedreht hat bei dem Versuch, geschmeidig allem und jedem gerecht zu werden. Dazu gesellen sich drei Holzbüsten, die unverkennbar in Fäkalien gefangen sind – was als echtes Dante-Zitat durchgehen kann. Denn der Dichter, der in seiner "Göttlichen Komödie" zum Reporter zwischen Unterwelt und Paradies wurde, war sich nicht zu fein, in seinem Werk das eindeutige Wort "merda" zu benutzen.

Bevor "Zur ew’gen Welt hinab" in Christian Fritsches Galerie in der Hornschuchpromenade 17 ankam, war die Ausstellung bereits im französischen Metz zu sehen. In Fritsches Verlag (www.edition-promenade.com) ist auch Corinna Smoks Buch "Drei Jahre mit Dante" mit ihren zeichnerischen Gedanken zum Inferno seiner "Göttlichen Komödie" erschienen und kann dort bestellt werden. In Corinna Smoks Porträt schaut der Dichter vielsagend in die Tiefe unter sich. Warum sollte er auch auf uns schauen? Er kennt uns doch längst.

Bis 10. Oktober, Besuche nach telefonischer Anmeldung unter (09 11) 70 66 60, www.galerie-in-der-promenade.de

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