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Geheimnis um Bunker am Wolfsgruber-Areal ist gelüftet

Zeitzeugen meldeten sich und trugen zur Aufklärung bei - 16.07.2020 11:18 Uhr

Die Drohnenaufnahme bietet einen umfassenden Blick auf den kleinen Bunker der Familie Wolfsgruber. Die Stadt hat ihn in der vergangenen Woche freigelegt. © Kamran Salimi


Es gibt eine Familien-Anekdote, die kann Adrian Backens heute mit einem Schmunzeln erzählen, obwohl er sich damals, mitten im Krieg, vermutlich die Seele aus dem Leib gebrüllt hat. Backens, Jahrgang 1941, lag im Kinderwagen, den seine Mutter, eine geborene Wolfsgruber, eines Nachts bei Fliegeralarm vor dem kleinen Bunker der Familie unweit der Mühle abstellte. Sie wollte zuerst ein paar Lebensmittel die Stufen hinabtragen. "In diesem Moment erreichte meine Oma den Bunker", erzählt Backens, "und stieß – es war ja stockdunkel, niemand durfte bei Alarm Licht machen – gegen den Kinderwagen." Auf vier Rädern stürzte der kleine Adrian die Treppe runter.

Abgesehen von diesem Malheur hat der Schutzbau der Familie gute Dienste geleistet – auch in jener Nacht im August 1943, als ein Bombentreffer das große Mühlengebäude in Brand setzte. Die Funken sollen bis zum Espan geflogen sein. Gebaut hat den Bunker Michael Wolfsgruber, Backens’ Opa. "Ich glaube 1940", sagt er, ist sich mit dem Jahr aber nicht ganz sicher. Das Wohnhaus der Familie, ein altes Fachwerkgebäude direkt neben der Mühle, hatte nur einen ebenerdigen Keller, der nicht ausreichend Schutz bot.

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Dass sich auf dem Areal eine Flakstellung befunden hätte, wie manche vermuten, kann Backens verneinen. Allerdings sei kurz vor Kriegsende unter einer aufgebockten Lagerhalle für Getreide ein Schützengraben ausgehoben worden. Das könnte erklären, warum man dort vereinzelt Munition gefunden hat.

Auf den FN-Artikel zur Freilegung des Schutzbaus hat auch Klaus Wolfsgruber, Backens’ Cousin, reagiert. Er zog 1946 als Siebenjähriger in die Mühlstraße. "Ich kann mich sehr gut an den Bunker erinnern, weil wir oft auf ihm gespielt haben", sagt er. "Er hatte die Form einer Halbkugel und war mit Erde bedeckt, teilweise bewachsen." Allerdings war er verschlossen und für die Kinder nicht zugänglich.

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Das änderte sich offenbar irgendwann. Ein Leser schreibt uns, dass er Ende der 70er Jahre ebenfalls auf dem Gelände und auch im Bunker spielte. "Wir fanden in der Nähe ein Parteiabzeichen der NSDAP und eine Granate, die wir blödsinnigerweise zur damaligen Polizeidienststelle am Rathaus brachten", erzählt der Mann und fügt augenzwinkernd hinzu: "Die Aufregung war etwas groß."

Kero hörte die Bomber kommen

Kai Jaksch war um die 13 Jahre alt, als seine Clique Ende der 90er den Eingang zum Bunker fand. "Er war gut versteckt und mit einer Stahlklappe gesichert, die nach unten aufklappte", teilt er uns mit. Die Jugendlichen richteten es sich dort unten häuslich ein, unter anderem mit Teelichtern. Eines Tages, sie wollten den Eingang gerade wieder mit Laub, Erde und Ästen tarnen, wurden sie von Arbeitern entdeckt, die auf dem Gelände Bäume rodeten für ein Kino, das dann doch nie gebaut werden sollte. "So weit ich mich erinnern kann, schütteten sie den Eingang bei geöffneter Klappe mit zwei Radladerschaufeln voll Erde komplett zu." Das Versteck war dahin.

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Der Verein Untergrund Fürth meldet sich ebenfalls zu Wort: Kamran Salimi hat sich intensiv mit der Geschichte der Fürther Schutzbauten beschäftigt, aber auch für ihn ist der Bunker an der Mühle eine Neuentdeckung. Allerdings: Trotz seiner Betondecke sei er streng genommen nur ein sogenannter Deckungsgraben. "Formal und bautechnisch gesehen ist ein Bunker etwas anderes." Einen direkten Treffer, meint Salimi, hätte dieser Bau nicht standgehalten. 

So oder so. Für Adrian Backens bleibt es "der Bunker". Der 79-Jährige hat noch eine weitere Anekdote parat: Kero, der Schäferhund der Familie, bellte bei nahenden Bomberstaffeln stets vor der eigentlichen Alarmierung. Am Kriegsende beschlagnahmten ihn die Amerikaner, er sollte ihre Militär-Anlagen bewachen. Kero büxte aber immer wieder aus – zurück zur Mühle. "Die Amerikaner holten ihn ein paar Mal bei uns ab", sagt Backens. "Aber nach einer Woche waren sie es leid."


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