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In Sekundenschnelle 30 Jahre älter

Veranstaltung der FU: Altersanzug namens „Gert“ soll Verständnis für Senioren wecken - 02.12.2012 09:00 Uhr

Ohne den Rollator geht gar nichts — der junge Bürgermeister Habel steckt im „Altersanzug“. © Schönfeld


Die Verwandlung vom jungen Bürgermeister zum greisen Mann beginnt bereits mit dem Anlegen einer schweren schwarzen Weste und einer festen Halskrause. FU-Vorsitzende Andrea Barz und ihre Mitstreiterin Adelheid Seifert haben „Gert“ vom Erlanger Seniorenbeirat als Leihgabe organisiert und assistieren Habel bei seinem Alterungsprozess.

Bandagen an Knien und Ellenbogen versteifen die Gelenke, Gewichte an Handgelenken und Fußknöcheln erschweren die Bewegungen. Abgerundete Schuhe simulieren einen wackligen Gang. Fehlen noch Spezialbrille und Kopfhörer, denn auch die Sinne lassen mit dem Alter nach.

Der dynamische 32-Jährige ist nicht wiederzuerkennen. „Ich hoffe nicht, dass es sich in 30 Jahren so anfühlt“, brüllt er in den Saal, denn wegen der Kopfhörer nimmt er selbst seine Stimme nur leise wahr.

Auf wackligen Beinen führen Andrea Barz und Adelheid Seifert den Probanden durch die Cafeteria im Awo-Heim zu einem eigens aufgestellten Krankenbett. „Ich muss mich auf alle Bewegungen konzentrieren“, erklärt der „alte“ Habel und lässt sich auf das Bett plumpsen.

Jetzt verschärft Adelheid Seifert die Lage noch. Sie aktiviert am Anzug die „Zitterfunktion“. Als Andrea Barz eine Tasse mit Wasser reicht, gelingt in „Gert“ verpackt das Trinken nicht. Jürgen Habel verschüttet die Tasse und das Wasser landet auf seiner Hose. Also doch besser eine Probefahrt mit einem Rollator. „Hier ist mein Gang deutlich sicherer“, bemerkt Habel.

Eine knappe Viertelstunde darf Habel erleben, was auf ihn zukommen könnte. Danach reicht er „Gert“ an Pfarrer André Hermany weiter. „Ich habe jetzt mehr Verständnis für Ältere gewonnen“, zieht der Bürgermeister Bilanz dieses Versuchs.

Hermany, katholischer Dekan in Fürth und Pfarrer von Cadolzburg, ist bekannt für seine quirlige Art. Sogar im Altersanzug schlägt er sich recht wacker. Agil wackelt er durch den Raum. Adelheid Seifert und Andrea Barz weist der gealterte Pfarrer als Hilfen zurück. „Ich bin zwar gläubig, aber nicht ganz doof“, meint er lachend, als ihm beide unterstützend unter die Arme greifen wollen. Er werde einmal ein „störrischer Alter“, versichert er den Zuschauern.

Als „Aha-Erlebnis“ bezeichnet Christine Hofmann den „Gert“-Testlauf. Die 54-jährige arbeitet in der sozialen Betreuung im Langenzenner Awo-Heim und charakterisiert sich selbst scherzhaft als „Chefanimatöse“. Sie hält die Bewohner beispielsweise mit Sitzgymnastik fit. „Das war absolut interessant. Jetzt kann ich die Unsicherheit der Menschen noch besser verstehen. Ich hab‘ mich schlecht gefühlt, als ich ohne Gehwägelchen laufen musste“, fasst sie das Erlebte zusammen.

„Das sollten vor allem einmal junge Menschen ausprobieren“, meint ein Teilnehmer im Publikum. Diese Anregung stößt bei Organisatorin Andrea Barz auf offene Ohren. „Ich könnte mir gut vorstellen, einmal mit „Gert“ zu den Jugendlichen in die Schule zu gehen“, sagt sie und denkt insgeheim über die Anschaffung eines eigenen Altersanzugs nach.

Eines haben alle Testpersonen an diesem Abend gemeinsam. Sie sind froh, „Gert“ wieder ablegen zu können und hoffen, dass das Älterwerden noch ein paar Jahre auf sich warten lässt. Dass das Motto der Veranstaltung „Altern ist nichts für Feiglinge — Heute schon an morgen denken“, zu dem auch die frühere bayerischen Sozialministerin Christa Stewens sprach, passte, war nach dem „Gert-Test“ allen klar.

Gabriele Schönfeld

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